Foto: © 2012 AP. Photographer: Tony Dejak/AP/dapd
Washington – "Es ist Zeit für uns, Amerika zu ändern" - den Satz, mit dem Barack Obama auf der Bühne eines Fußballstadions in Denver vor vier Jahren seine erste Präsidentschaftskandidatur offiziell eröffnete, haben die US-Bürger nicht vergessen. Der Demokrat Obama, erster schwarzer Spitzenkandidat, stand für Hoffnung und einen historischen Schritt. Vergessen scheint, was Obama sagte, als er die Wahl gewonnen hatte.
"Der bevorstehende Weg wird lang sein", erklärte Obama in jener Novembernacht in Chicago ganz ohne die Euphorie seiner Anhänger. "Unser Anstieg wird steil sein. Wir werden vielleicht nicht in einem Jahr dort ankommen, vielleicht nicht einmal in einer Amtszeit. Aber, Amerika, ich war noch nie so zuversichtlich wie heute, dass wir dort hinkommen werden."
Diese Botschaft entwickelte sich zum politischen Rahmen für Obamas Präsidentschaft und für die Chance, sie fortzuführen. Die Umfragen zeigen ein knappes Rennen. Obama braucht Wähler, die sich erinnern. Die beurteilen, was er gemacht hat und was noch nicht abgeschlossen ist. Im Weg stehen Obama die hohe Arbeitslosenquote und der republikanische Herausforderer Mitt Romney. Doch was immer man über Obama denkt - seine Präsidentschaft war konsequent.
Als er sich gleich zu Beginn mit monströser Rezession auseinandersetzen musste, organisierte Obama rasch ein riesiges Hilfspaket. Als die öffentliche Stimmung sich später gegen mehr Schulden drehte, mussten Obama und seine demokratischen Verbündeten eine Niederlage hinnehmen und sich daran anpassen, im Repräsentantenhaus keine Mehrheit mehr zu haben.
Die umfassende Gesundheitsreform, die Obamas innenpolitisches Markenzeichen werden sollte, verschlang Zeit und Kapital. Gerade noch bekam er sie durch den Kongress und musste dann ängstlich abwarten, wie der Oberste Gerichtshof urteilen würde. Die Reform überlebte mit einer Stimme - gerade der des Vorsitzenden Richters John Roberts, den Obama noch als Senator nicht unterstützt hatte.
Der Oberste Gerichtshof fängt trotzdem an, Obamas Handschrift zu tragen: Schon zur Halbzeit seiner Präsidentschaft hatte er zwei neue Richterinnen dort platzieren können.
Obama hat den unpopulären Irak-Krieg beendet. Er verspricht, den Krieg in Afghanistan bis Ende 2014 abzuschließen. Und selbst seine Kritiker applaudierten, als er den riskanten Angriff auf Osama Bin Laden in Pakistan befahl und Spezialtruppen den meist gejagten Terroristen der Welt zur Strecke brachten.
Obamas Amtszeit verlief überwiegend skandalfrei, abgesehen von Ausnahmen wie den Sicherheitsbeamten, die in Kolumbien Prostituierte anheuerten. Dennoch waren seine Jahre von Konflikten und Krisen geprägt: Ölpest im Golf von Mexiko, Militäreinsatz in Libyen, Rettungsschirm und Haushaltsdefizit, die kurzzeitig fast bankrotte Regierung. Auf der anderen Seite gewann er den Friedensnobelpreis. Und sah sich genötigt, seine Geburtsurkunde zu zeigen, um zu beweisen, dass er in den USA geboren ist.
Die Menschen im Umfeld des Präsidenten sagen, er sei grundsätzlich dieselbe Person geblieben. Doch aus Sicht der Nation hat sich Obama in einigen Punkten geändert. Im inneren Zirkel der Weltpolitik ist er jetzt Veteran, kein Neuling mehr. Er ist 51 Jahre alt geworden, schlaksig und gut in Form. Das Rauchen hat Obama aufgegeben. Dennoch lässt sich ihm das Amt ansehen.
"Es gibt wohl keine Zweifel daran, dass unsere Präsidenten im Amt wachsen", sagt sein Freund und Berater Robert Gibbs. "Manche ergrauen auch." Obama spricht bei Entscheidungen oft über seine Vaterrolle. Seine Töchter Malia und Sasha sind im Weißen Haus 14 und elf Jahre alt geworden. Seine Herkunft oder Rolle als erster farbiger Präsident der USA stehen selten in der Diskussion.
"Er hat einen feinen Sinn für Geschichte. Er möchte als großer Präsident in Erinnerung bleiben, nicht als Ikone für Bürgerrechte", sagt der Historiker Douglas Brinkley von der Universität Rice. "Er möchte mit Theodore Roosevelt und Franklin Roosevelt gleichgestellt werden. Er möchte nicht wegen seiner Hautfarbe in die Geschichte eingehen." Augenblicklich möchte Obama vier weitere Jahre.
Rund die Hälfte der Bevölkerung befürwortet seine Amtsführung. Der Wert ist über die letzten drei Jahre ziemlich gleich geblieben. Die Bürger geben ihm bei derzeit 8,3 Prozent Arbeitslosen schlechte Noten für die Wirtschaftspolitik. Dennoch gibt es mehr Menschen, die Obama mögen, als solche, die ihn nicht mögen.
"Der Fehler meiner ersten paar Jahre war zu denken, dass sich dieser Job nur darum dreht, die Politik richtig hinzukriegen", sagte Obama vor kurzem. "Natürlich ist das wichtig. Aber zum Wesen dieses Amts gehört auch, den amerikanischen Menschen eine Geschichte zu erzählen, die ihnen ein Gefühl von Einigkeit und Zweck und Zuversicht gibt, besonders in schwierigen Zeiten."
Die Wähler müssen zwei Fragen beantworten: Trauen sie Obama zu, die Wirtschaft in Gang zu bringen? Und wer wird das Land aus ihrer Sicht besser führen - Obama oder Romney?
Falls die Menschen nach drei Jahren keinen wirtschaftlichen Fortschritt spüren, sagte Obama am Anfang seiner Präsidentschaft, dann stehe ihm wohl nur eine Amtszeit bevor. In diesem Jahr darauf angesprochen, sagte er: "Wir sind noch nicht fertig, aber ich verdiene eine zweite Amtszeit." Die Wähler entscheiden bald.
dapd
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