Aktuelle Nachrichten – Städtereisen & Kulturreisen
18.04.2011
Foto: Bernd Kregel
Politik machen mit der Bergpredigt? Das hieße doch, das „schmutzige Geschäft“ mit den „höheren Werten“ in Einklang zu bringen. Ein wohl gemeinter Versuch, der nach Ansicht gestandener Pragmatiker kläglich an der Realität scheitern muss. Und doch ist die Bergpredigt seit zweitausend Jahren im Gespräch. Indem sie seit jeher Friedfertigkeit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit radikal einforderte, setzte sie trotz aller Widersprüche stets Maßstäbe für ethisches Handeln. Überall dort, wo Menschen auf der Suche nach der Wahrheit sich mit der Lehre Jesu verbunden wussten.
So ist die Bergpredigt in ihrer ethischen Radikalität über die Jahrhunderte hinweg zweifellos umgeben von der Aura der Hochachtung und des Respekts. Einer Wertschätzung, von der auch der „Berg der Seligpreisungen“ im nördlichen Israel heute noch profitiert. Von hier aus fällt der Blick wie schon in der Zeit Jesu hinunter auf den See Genezareth, der im grellen Licht der Mittagssonne in funkelnden Blautönen herauf schimmert. Und dabei zum Meditieren einlädt, zum Nachspüren jener Botschaft, die diesen herausgehobenen Ort seit fast zwei Jahrtausenden gedanklich mit dem christlichen Abendland verbindet.
Doch nicht allein der See, sondern auch die Anhöhe selber begeistert durch ihren unglaublichen landschaftlichen Charme. Denn inmitten eines mit Palmen bestandenen Parkareals erhebt sich die Kuppel einer kleinen Kirche, die sich harmonisch in ihre Umgebung einfügt und unmittelbar zur inneren Einkehr einlädt. Denn in ihrem Inneren befinden sich künstlerisch ausgestaltete Glasfenster mit eben diesen biblischen „Seligpreisungen“, denen der Berg seinen Namen verdankt. Gleichsam ein Epizentrum religiöser Energie, die von vielen Menschen Besitz ergreift, die sich am traditionellen Zentrum des christlichen Glaubens auf diese Erfahrung einlassen.
Jerusalem als religiöser Hotspot
Und doch gibt es bei der Suche nach den Wurzeln des Mythos vom Heiligen Land einen religiösen Hotspot, der von keinem anderen Ort übertroffen wird. Es ist dies ohne Zweifel die Stadt Jerusalem, die als „Stadt Davids“, als „Heilige Stadt“ oder in der Vorstellung des „Himmlischen Jerusalem“ gleich von drei Weltreligionen verehrt wird. Eine religiöse Überhöhung, die dazu führt, dass die Stadt immer wieder als ein fester Bestandteil der jeweils eigenen Religion betrachtet und zugleich beansprucht wurde. Und weiterhin wird, wie es sich an einem der hohen Feiertage vor gewohnter Kulisse jeweils neu bestätigt.
Zwölf Tore sind es. Zwölf Öffnungen in der Mauer um die Heilige Stadt Jerusalem. Zwölf geschichtsträchtige Zugänge für Bewohner und Händler, für Eroberer und Besatzungsmächte, für Besucher und Pilger. Das Löwentor ist eines von ihnen. Im Schatten des Ölbergs gelegen, gibt es den Blick frei auf die Gräberfelder der Ostseite. Sie sollen sich öffnen beim Erscheinen des Messias. Wann wird er kommen?
Heute ist Freitag, der Tag der Palästinenser. Sie strömen herbei aus der näheren Umgebung zum Freitagsgebet. Wo sonst gäbe es eine solche Gelegenheit, Gott nahe zu sein? Der prächtige Felsendom einerseits, dessen Kuppel sich über die Spitze des Berges Morija wölbt: jede Einbuchtung und Nische im Fels von mythologischer Bedeutung. Und die allerheiligste Al-Aqsa-Moschee andererseits, deren religiöse Bedeutung nur noch von den Heiligen Städten Mekka und Medina übertroffen wird.
Der Weg zu Tempelberg und Klagemauer
Die gläubigen Muslime durchschreiten in kleinen Gruppen das Löwentor und steuern in einem scharfen Linksbogen auf den Tempelberg zu. „Allahu akbar“: Die schnarrende Lautsprecherstimme des Muezzin verkündet es stadtweit, wer hier nach islamischem Verständnis der Herr ist. Umso provozierender erscheint der israelische Wachtposten vor dem Tor. Wann wird er dort endlich verschwinden? „Insch’allah – Gott allein weiß es!“
Der Soldat am Tor scheint die Gefühle zu kennen, die ihm hier entgegengebracht werden. Doch sein Auftrag lautet: Flagge zeigen. Und auf der steht der Stern im Mittelpunkt, nicht der Halbmond. Und nicht nur die Flagge ist hier von symbolischem Wert. Das ganze Tor ist es, denn im Sechs-Tage-Krieg fiel es als erstes und gab den Weg frei für die Vorhut der israelischen Armee.
Die zog von hier aus auf direktem Weg zum Tempelberg und nahm nach fast zweitausend Jahren die Klagemauer erneut in Besitz. Das allerheiligste Zentrum, von dem die in der Diaspora verstreuten Kinder Jahwes Jahrhunderte lang nur hatten träumen können. Heute Abend beginnt mit dem Sonnenuntergang der Sabbat. Dann wird er an den gewaltigen Quadern stehen und im Gebet seine Anliegen vor Gott bringen, eine Möglichkeit, um die ihn mancher Jude in der Fremde beneidet.
Die Via Dolorosa als Einbahnstrasse
Klänge ganz anderer Art werden vernehmbar, die nicht sofort mit dem orientalischen Klanggewirr verschmelzen. Es sind christliche Passionschoräle, teils mehrstimmig, teils unisono. Sie schallen herüber von der Burg Antonia, die in gerader Linie hinter dem Löwentor mit ihren massiven Grundfesten die Zeiten überdauert hat. Sie war einst das Symbol römischer Machtentfaltung, von der aus die römische Besatzungsmacht für Ruhe und Ordnung sorgte.
So auch unter Pontius Pilatus, der gemäß biblischer Überlieferung an dieser Stelle seine Hände in Unschuld wusch. Kein Zweifel: Dieser Freitag ist ein Karfreitag! Und hier an der Burg beginnt die „Via Dolorosa“, der Leidensweg Christi, der entlang den vierzehn Kreuzesstationen bis zum Grabe hinführt, dem heiligsten Ort der Christenheit.
Christliche Pilger aus aller Welt drängen sich singend und betend durch die enge Gasse. Einige von ihnen sind beladen mit einem wuchtigen Holzkreuz und unterstreichen mit diesem „Kreuzzug“ der friedlichen Art symbolisch die Nachfolge Christi an exponiertem Ort. Der Weg ist vergleichbar mit einer Hauptarterie, bei der es nur eine Richtung, aber kaum eine Ausweichmöglichkeit gibt. Die christliche Einbahnstraße beeinflusst auch die Taktik der israelischen Soldaten. In kleinen Einsatzkommandos schließen sie sich dem Pilgerzug an und wären, gleichmäßig verteilt und gut ausgerüstet, in einem Ernstfall sofort zur Stelle.
Auch die palästinensischen Anwohner geben es schnell auf, gegen diesen Strom zu schwimmen. Nicht immer kommentarlos, denn mit dem Ansturm der Massen spüren sie deutliche Einbußen bei ihrem Vormittagsgeschäft. „Jesus, come in my shop“, ruft ein Geschäftsmann aus seiner halb verschlossenen Ladentür heraus, halb belustigt, halb ärgerlich. Er meint damit eine amerikanische Schauspielgruppe, die das Leiden Christi an den einzelnen Kreuzesstationen szenisch darstellt. Maria lässt sich in ihrem Monolog dadurch nur für einen kurzen Augenblick verunsichern, denn noch ist die Passionsgeschichte nicht zu Ende.
Christliches Bekenntnis in Liturgie und Praxis
Doch dann ist irgendwann die Grabeskirche erreicht, das Zentrum des Heils für die Christenheit. Der Gottesdienst im Lateinischen Chor, direkt vor dem Grabeseingang, erfüllt mit seiner Liturgie den kuppelüberwölbten Raum. Hier feiern die Franziskaner, die im Heiligen Land mit der Pflege der heiligen Stätten betraut sind.
„Gestorben und begraben…“ Das musikalisch beeindruckende Bekenntnis lässt zunächst vergessen, dass die Grabeskirche zugleich ein Spiegelbild der konfessionellen Unterschiede in der Christenheit darstellt: Katholiken und Kopten, Armenier, Äthiopier und Orthodoxe: Sie alle verdanken ihre Anwesenheit Jahrhunderte alten Traditionen und Privilegien, die sie im Streitfall auf nicht immer christliche Weise energisch verteidigen.
Geht es da nicht manchmal christlicher zu außerhalb der dicken Kirchenmauern? Wie zum Beispiel in Beit Jala, einem Ort im Palästinensergebiet unweit von Jerusalem, wo sich Christen in dem Rehabilitationszentrum „Lifegate“ für die Betreuung und Förderung körperlich behinderter palästinensischer Kinder einsetzen? Ein soziales Engagement, in dem sich christliche Kultur von ihrer besten Seite zeigt und damit zugleich ein Zeichen der Hoffnung setzt. Ganz im Sinne der Bergpredigt, die an dieser Stelle von Europa aus ins Heilige Land zurückstrahlt. www.goisrael.deHier können Sie sich im Newsletter eintragen.
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