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26.10.2006
Frankfurt/Main - Die mutmaßliche Totenschändung durch Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan war offenbar kein Einzelfall. Nach den in der «Bild»-Zeitung veröffentlichten Fotos, die aus dem Jahr 2003 stammen sollen, berichtete der Sender RTL am Donnerstag von weiteren Bildern mit deutschen Soldaten und einem Totenschädel, die auf 2004 datiert seien. Inzwischen wird wegen des Skandals gegen sechs Personen ermittelt, wie Verteidigungsminister Franz Josef Jung im Bundestag erklärte. Jung warnte vor einer Pauschalverdächtigung der Soldaten.
Die neuen Bilder wurden RTL nach eigenen Angaben am Donnerstag aus Bundeswehrkreisen zugespielt. Sie zeigten deutsche Soldaten in Posen mit einem Totenschädel und seien datiert vom 11. März 2004. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Thomas Raabe, sagte, RTL habe zwei Bilder präsentiert. «Wir haben dies zur Kenntnis genommen und werden den Hintergrund prüfen.» Ob es sich um die selben Soldaten oder eine andere Einheit handele, sei noch nicht festzustellen.
Auf einem der Bilder küsst laut RTL ein Unteroffizier einen Schädel, der auf dem Bizeps seines linken Oberarms liegt. Auf einem anderen Foto posiere ein Soldat vor einem Jeep der ISAF, auf dessen Fronthaube ebenfalls ein Totenschädel liege.
Bereits nach der «Bild»-Veröffentlichung vom Mittwoch wurden laut Jung Verfahren gegen sechs Personen eingeleitet. Vier von ihnen seien nicht mehr bei der Bundeswehr. Er drohte allen mit disziplinarischen und strafrechtlichen Konsequenzen. «Wer sich so verhält, hat in der Bundeswehr keinen Platz», sagte Jung. «Wir werden sie einer gerechten Strafe zuführen.»
Die «Leipziger Volkszeitung» berichtete, ein Knochenfeld in der Nähe von Kabul soll mehrfach Posier- und Fotostation für Soldaten der internationalen Schutztruppe ISAF gewesen sein. In den vergangenen drei Jahren habe es offenbar mehrfach Foto-Aktionen deutscher Soldaten mit Gebeinen in der Hand gegeben. Auch Soldaten anderer Nationen hätten sich in demonstrativer Pose gezeigt.
In allen Bundestagsfraktionen herrschte Einigkeit, dass der Vorfall unentschuldbar sei. Der CDU-Abgeordnete Bernd Siebert sagte bei einer Debatte im Bundestag zum neuen Weißbuch Sicherheitspolitik: «Für uns Christdemokraten ist diese Totenschändung aufs äußerste zu kritisieren.»
Die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast wies darauf hin, dass der Skandal zu einer «Steigerung der Gefährdung der Soldaten führt, die jetzt da sind». Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, sagte der «Leipziger Volkszeitung», die Bilder sicher instrumentalisiert. Dies werde zu Entrüstung in der arabischen Welt und möglicherweise zu konkreten Gefährdungen für deutsche Soldaten in Afghanistan führen.
In Kabul zeigte sich die afghanische Regierung bestürzt über die Skandalfotos. Das Verhalten der Soldaten widerspreche islamischen Werten und der afghanischen Tradition, erklärte das Außenministerium. Die deutschen Behörden sollten die Verantwortlichen bestrafen und eine Wiederholung ausschließen. Die NATO erklärte, der Skandal könne sich negativ auf die schwierige Mission in Afghanistan auswirken.
Die Potsdamer Staatsanwaltschaft gab unterdessen die Ermittlungen gegen einen Bundeswehr-Soldaten nach München ab, weil der Beschuldigte im Raum Mittenwald wohnt. Sollte es weitere Beschuldigte geben, würde das Verfahren dem bayerischen Justizministerium zufolge bei einer Staatsanwaltschaft gebündelt.
(AP)