Kultur – Offener Brief von iranischem Regisseur Jafar Panahi – DAPD
The Epoch Times - Deutschland

Aktuelle Nachrichten – Kultur

Eröffnung der 61. Berlinale Offener Brief von iranischem Regisseur Jafar Panahi

DAPD

10.02.2011

Der Stuhl des Jury-Mitglieds Jafar Panahi bleibt her. Der Regisseur der sich selbst nicht als politisch begreift, hat gegenwärtig im Iran Berufsverbot und sitzt dort im Gefängnis. Foto: Steffi Loos/dapd
Der Stuhl des Jury-Mitglieds Jafar Panahi bleibt her. Der Regisseur der sich selbst nicht als politisch begreift, hat gegenwärtig im Iran Berufsverbot und sitzt dort im Gefängnis.

Foto: Steffi Loos/dapd

Berlin – Die Internationalen Filmfestspiele Berlin verurteilen aufs Schärfste die harten Strafen, die gegen den renommierten iranischen Regisseur Jafar Panahi und seinen Regie-Kollegen Mohammad Rasoulof verhängt wurden. Unter dem Vorwurf der „Propaganda gegen das System" wurde Panahi zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt, Rasoulof zu ebenfalls sechs Jahren Haft.

Der folgende Brief des verurteilten iranischen Regisseurs Jafar Panahi wurde bei der Eröffnung der Berlinale am Donnerstagabend verlesen. Der Filmemacher war im Dezember im Iran zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden. Er war kurz zuvor in die internationale Jury des Festivals eingeladen worden:

"In der Welt eines Filmemachers fließen Traum und Realität ineinander. Der Filmemacher nutzt die Wirklichkeit als Inspirationsquelle, er zeichnet sie in den Farben seiner Vorstellungskraft. Damit schafft er einen Film, der seine Hoffnungen und Träume in die sichtbare Welt trägt.

Die Wirklichkeit ist, dass mir ohne Prozess seit fünf Jahren das Filmemachen untersagt wird. Jetzt wurde ich offiziell verurteilt und darf auch in den nächsten 20 Jahren keine Filme realisieren. Trotzdem werde ich in meiner Vorstellung weiterhin meine Träume in Filme übersetzen. Als sozialkritischer Filmemacher muss ich mich damit abfinden, die alltäglichen Probleme und Sorgen meines Volkes nicht mehr zeigen zu können. Aber ich werde nicht aufhören, davon zu träumen, dass es in 20 Jahren keines dieser Probleme mehr geben wird und ich dann, wenn ich wieder die Möglichkeit dazu habe, Filme über den Frieden und den Wohlstand in meinem Land machen werde.

Die Wirklichkeit ist, dass mir für 20 Jahre das Denken und Schreiben untersagt wurde. Aber sie können mich nicht davon abhalten zu träumen, dass in 20 Jahren die Verfolgung und die Einschüchterung durch Freiheit und freies Denken ersetzt sein wird.

Mir wurde für 20 Jahre der Blick auf die Welt entzogen. Aber ich hoffe, nach meiner Freilassung eine Welt ohne geografische, ethnische und ideologische Grenzen zu bereisen. Eine Welt, in der die Menschen ungeachtet ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen in Frieden miteinander leben.

Jury-Präsidentin Isabella Rossellini (2.v.l.) liest bei der Eröffnung der 61. Filmfestspiele auf der Bühne den Brief des abwesenden Panahi, während Festival-Direktor Dieter Kosslick (v.l.), Moderatorin und Schauspielerin Anke Engelke sowie die restlichen Jury-Mitglieder, die australische Produzentin Jan Chapman, der indische Schauspieler Aamir Khan, die britische Kostümbildnerin Sandy Powell, der kanadische Regisseur Guy Maddin und Schauspielerin Nina Hoss zuhören.
Jury-Präsidentin Isabella Rossellini (2.v.l.) liest bei der Eröffnung der 61. Filmfestspiele auf der Bühne den Brief des abwesenden Panahi, während Festival-Direktor Dieter Kosslick (v.l.), Moderatorin und Schauspielerin Anke Engelke sowie die restlichen Jury-Mitglieder, die australische Produzentin Jan Chapman, der indische Schauspieler Aamir Khan, die britische Kostümbildnerin Sandy Powell, der kanadische Regisseur Guy Maddin und Schauspielerin Nina Hoss zuhören.

Foto: Steffi Loos/dapd


Ich wurde zu 20 Jahren Stillschweigen verdammt. Aber in meinen Träumen schreie ich nach einer Zeit, in der wir uns gegenseitig tolerieren und unsere jeweiligen Meinungen respektieren, in der wir füreinander leben können.

Letztendlich bedeutet die Wirklichkeit meiner Verurteilung, dass ich sechs Jahre im Gefängnis verbringen muss. In den nächsten sechs Jahren werde ich in der Hoffnung leben, dass meine Träume Realität werden. Ich wünsche mir, dass meine Regiegefährten in jedem Winkel der Welt in dieser Zeit so großartige Filme schaffen, dass ich, wenn ich das Gefängnis verlasse, begeistert sein werde in jener Welt weiterzuleben, die sie in ihren Werken erträumt haben.

Ab jetzt und für die nächsten 20 Jahre werde ich zum Schweigen gezwungen. Ich werde gezwungen, nicht sehen zu können, ich werde gezwungen, nicht denken zu können. Ich werde gezwungen, keine Filme machen zu können.

Ich stelle mich der Wirklichkeit der Gefangenschaft und der Häscher. Ich werde nach den Manifestationen meiner Träume in Euren Filmen Ausschau halten: In der Hoffnung, dort das zu finden, was mir genommen wurde."

Am 17.2. organisieren der Berlinale Talent Campus und der World Cinema Fund die Paneldiskussion „Censored Cinema" mit iranischen Filmemachern und Künstlern zu den Themen Zensur und Einschränkung der Freiheit und Meinungsäußerung in Iran. Die Regisseure Rafi Pitts (The Hunter, Berlinale Wettbewerb 2010), Ali Samadi-Ahadi (The Green Wave, 2010) und Sepideh Farsi (Tehran Without Permission, 2009), sowie Autorin und Aktivistin Mehrangiz Kar werden an der Diskussion teilnehmen. Die Veranstaltung findet um 14 Uhr im Theater Hebbel am Ufer / HAU1 statt.

Um die öffentliche Aufmerksamkeit auf das nicht anwesende Jury-Mitglied Jafar Panahi zu lenken, wird die Berlinale in mehreren Sektionen jeweils einen Film des weltweit anerkannten Regisseurs präsentieren.

Am 11. Februar 2011, dem Jahrestag der Iranischen Revolution, wird um 16.30 Uhr der Berlinale-Preisträgerfilm Offside (2005, Silberner Bär 2006) im Berlinale Palast aufgeführt. Es wird eine Vielzahl an prominenten Gästen erwartet, die mit ihrer Anwesenheit ihre Solidarität bekunden möchten. Festivaldirektor Dieter Kosslick wird den Film einführen.

www.berlinale.de

(dapd/red)

 

Schlagworte

Webnews einstellen
 
Anzeige
Anzeige