Aktuelle Nachrichten – Deutschland
02.02.2010
Foto: apn Photo/Herbert Knosowski
Berlin (apn) Im Missbrauchsskandal an Jesuiten-Schulen haben sich jetzt erstmals Opfer öffentlich zu Wort gemeldet. Ein 45 Jahre alter früherer Schüler des Berliner Canisius-Gymnasiums sagte der „B.Z.“ vom Dienstag, er sei von einem Lehrer gezüchtigt worden. Er habe fünf Mal hintereinander zehn Schläge auf den nackten Po bekommen. „Dass es sich um sexuellen Missbrauch handelte, da wäre ich damals im Leben nicht darauf gekommen“, zitierte das Blatt das Opfer.
Am Vortag hatte der ranghöchste Jesuit in Deutschland, Pater Stefan Dartmann, eingeräumt, dass der Orden frühzeitig Hinweise auf Übergriffe dieses Sportlehrers und auch eines Religionslehrers hatten. Beide unterrichteten in den 70er und 80er Jahren an der Berliner Eliteschule. Dort soll es laut Schulrektor Klaus Mertes mindestens 20 Fälle von sexuellem Missbrauch geben haben. Der Sportlehrer wird außerdem verdächtigt, drei Schüler in Hamburg und zwei Schüler in St. Blasien im Schwarzwald sexuell belästigt zu haben.
Das heute 45 Jahre alte Opfer nannte den Sportlehrer einen sympathischen Kerl und guten Pädagogen. Doch weil der Schüler im Unterricht gestört hatte und ihm ein Schulverweis drohte, habe ihm der Lehrer eine „züchtigende Maßnahme“ vorgeschlagen. „Er sagte, die Sache mit den Tadeln sei erledigt, wenn er mir den Hintern versohlen dürfte.“
Was dann passierte, beschrieb der 45-Jährige folgendermaßen: „Ich sollte mir die Jeans ausziehen, mich über sein Bein legen. Dann zog er meinen Schlüpfer herunter. Zehn Schläge auf den nackten Po, fünf Mal hintereinander. Es hat richtig wehgetan.“ Während der Prozedur sei die Tür aufgegangen, und jemand habe ein Foto gemacht.
Der beschuldigte Sportlehrer hat nach Angaben seines Ordensführers 1992 die Jesuiten verlassen. In einem Fragebogen habe nicht nur Missbräuche in Berlin, Hamburg und St. Blasien, sondern auch in Chile und Spanien eingeräumt. Es habe sich um „exzessive körperliche Bestrafungsrituale“ gehandelt, berichtete die Rechtsanwältin Ursula Raue, die im Auftrag der Jesuiten die Vorfälle untersucht.
Bei dem zweiten mutmaßlichen Täter, dem Religionslehrer, gibt es laut Ordensleitung Hinweise darauf, dass er nach seiner Zeit in Berlin sowohl in Mexiko als auch in Göttingen und Hildesheim Mädchen unsittlich berührt hat. Dieser Pater verlies den Orden 1985. Ein Jahr später wurde auf ihn ein Mordanschlag verübt, den er laut Dartmann leicht verletzt überlebte. Der Täter soll laut Medienberichten ein ehemaliger Schüler gewesen sein, der schließlich Selbstmord verübt habe. Der Lehrer lebt heute als Rentner in Berlin und hat alle Missbrauchsvorwürfe als falsch zurückgewiesen.
Einen seiner Schüler (Abschluss-Jahrgang 1980) zitierte die „Bild“-Zeitung mit den Worten: „Ich war 14, hatte eine Vorhautverengung und sollte operiert werden. Bei einem Einzelgespräch sollte ich mich auf den Schoß von Pater R. setzen und ihm mein Glied zeigen. Ich sagte Nein – an mehr erinnere ich mich nicht.“
Der Jesuitenorden hat auch die Missbrauchsopfer in Hamburg und St. Blasien im Südschwarzwald um Entschuldigung gebeten. In einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung des obersten Jesuiten, Pater Stefan Dartmann, heißt es: „Diese Opfer tragen belastende Erinnerungen mit sich und erheben jetzt ihre Stimme. Ich danke ihnen dafür. Ich bitte sie im Namen des Ordens um Entschuldigung für alle Missbräuche, die sie erlebt haben." Am Vortag hatten sich die Jesuiten bereits bei den Berliner Opfern entschuldigt.
Die Vorfälle soll jetzt die Rechtsanwältin Raue in Gesprächen mit Opfern und Tätern aufklären. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch sexueller Missbrauch ohne Vergewaltigung verjährt in Deutschland zehn Jahre nach Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers.
(AP)
http://www.jesuiten.de/
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