Aktuelle Nachrichten – Wissen
02.11.2011
Foto: Felix Kaestle/dapd Photo
Hannover/Berlin – Die Kritik am geplanten Einsatz eines Programms zur Suche nach Raubkopien auf Schulcomputern reißt nicht ab. Der Deutsche Philologenverband forderte am Mittwoch, die entsprechende Vereinbarung zwischen Bundesländern und Schulbuchverlagen sofort zu annullieren. Der Verband Erziehung und Bildung (VBE) verteidigte den häufigen Einsatz von Kopien im Unterricht, da die Lehrer sonst ihren Bildungsauftrag nicht erfüllen könnten. Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), äußerte hingegen Verständnis für die Kontrollen im Auftrag der Verlage und mahnte in der Debatte zu mehr Gelassenheit.
Anfang der Woche war bekanntgeworden, dass Lehrbuch-Verlage vom zweiten Halbjahr dieses Schuljahres an mit einer Software Schulcomputer nach digitalen Raubkopien von Schulbüchern durchforsten lassen wollen. Die Länder haben sich verpflichtet, jährlich mindestens ein Prozent der öffentlichen Schulen mit einem solchen Programm zu überprüfen. Bei aufgedeckten Verstößen sollen sie gegen Schulleiter und Lehrkräfte mit disziplinarischen Mitteln vorgehen.
Letzteres findet der Philologenverband "besonders bitter". "Damit vernachlässigen die Ministerien die ihnen obliegende Pflicht zur Einzelfallprüfung und verzichten zulasten der Beschäftigten auf den ihnen zustehenden Ermessensspielraum", sagte Bundesvorsitzende des Verbandes, Heinz-Peter Meidinger, am Mittwoch in Berlin. Er bezeichnete es zudem als "Skandal, dass vor Abschluss der Vereinbarung weder die zuständigen Datenschutzbeauftragten der Länder eingebunden wurden, noch die zum Einsatz kommende Software geprüft wurde".
Auf die Tatsache, dass eine solche Prüfung noch nicht möglich ist, verwies der KMK-Vorsitzende Althusmann. Das entsprechende Programm sei erst im Entwicklungsstadium, sagte er am Mittwoch dem Radiosender ffn. Zudem führe der in der Debatte kursierende Begriff "Schultrojaner" in die falsche Richtung, da es sich dabei nicht um ein geheimes Eindringen in die Computer von Schulen handele. Der Kultusminister äußerte Verständnis für die Schulbuchverlage, die mit der Überprüfung verhindern wollten, dass ihre Bücher nur noch überwiegend in Form von Kopien genutzt würden. Man wolle mit den Schulbuchverlagen daher versuchen, "das teilweise Überborden von Kopien im Unterricht zu vermeiden".
Nach Ansicht der Lehrergewerkschaft VBE greifen die Pädagogen jedoch deswegen auf Kopien zurück, weil es keine ausreichenden Mittel für die Anschaffung von Schulbüchern, Arbeitsheften, CD und DVD im Original gebe. "Lehrerinnen und Lehrer lassen sich dafür nicht als mögliche Raubkopierer diskreditieren", sagte der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann am Mittwoch in Berlin. Der Verband rate daher zu "Dienst nach Vorschrift". Anstatt Material zu kopieren oder zu scannen, sollten die Lehrer eine Bestellliste an den Schulträger senden.
Es sei zudem mehr als eigenartig, dass ausgerechnet die Schulträger, die diese Misere verantworteten, per Software nach Plagiaten suchen sollten. "Hingegen ist bei den zur Verfügung gestellten Kostenansätzen für Unterrichtsmaterialien pro Schüler seit Mitte der 90er Jahre nichts Wesentliches passiert", kritisierte Beckmann.
(dapd)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Die Stiftung Lesen und der "Bundesweite Vorlesetag"
(01.11.2011)
Schavan wirbt für Zusammenarbeit von Real- und Hauptschule
(15.10.2011)
Der Doktor und das Kavaliersdelikt
(18.07.2011)
„Wissenschaft beruht auf Wahrhaftigkeit, Redlichkeit und Vertrauen“
(06.04.2011)