Aktuelle Nachrichten – Menschen
28.09.2012
Foto: ddp images / dapd/dapd
Berlin – Zwei Airbus-Piloten der Lufthansa-Tochter Germanwings haben im Dezember 2010 nur mit Mühe eine Katastrophe verhindert. Sie landeten eine Maschine mit rund 150 Personen sicher in Köln, obwohl sie durch Gasaustritt im Cockpit stark benommen waren. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) klassifizierte den Zwischenfall in ihrem jetzt veröffentlichten Bericht als "schwere Störung". Abgesehen von den Piloten, die vorübergehend ins Krankenhaus mussten, kam dabei niemand zu Schaden.
Germanwings-Sprecher Heinz Joachim Schöttes wies am Freitag Medienberichte zurück, wonach seine Gesellschaft den Vorfall habe vertuschen wollen. Er berichtete von einem zweiten Ereignis ähnlicher Art 2008 in Dublin, offenbar mit derselben Maschine. Einzelheiten könne er nicht nennen, aber Personen seien dabei nicht zu Schaden gekommen.
Beide Piloten des Airbus A319 aus Wien hatten beim Landeanflug auf Köln am 19. Dezember 2010 einen "elektrisch-süßlichen Geruch" bemerkt, der sie in ihrem Wahrnehmungs- und Entscheidungsvermögen stark beeinträchtigte. Der 26-jährige Copilot sei nicht mehr in der Lage gewesen, seiner Funktion uneingeschränkt nachzukommen, hieß es in dem Bericht. Der 35-jährige Flugkapitän habe den Airbus dennoch sicher gelandet. Beide mussten dazu ihre Sauerstoffmasken einsetzen und eine "Luftnotlage" erklären. Unmittelbar darauf begaben sich die Piloten in medizinische Behandlung. Die Passagiere bekamen nichts von dem Geschehen mit.
Im Krankenhaus wurde dem Bericht zufolge bei beiden Piloten eine Blutsauerstoffsättigung unter 80 Prozent gemessen. Normal sind Werte über 90 Prozent. Der Copilot sei anschließend über sechs Monate lang fluguntauglich gewesen. Das Flugzeug sei noch in Köln von Germanwings-Technikern überprüft worden, die den Geruch ebenfalls bemerkten und auf die Enteisungsflüssigkeit zurückführten. Der Airbus war an dem Tag, an dem in Köln zeitweise starker Schneefall herrschte, mehrmals enteist worden.
Germanwings habe das Ereignis am 20. Dezember 2010 an die BFU und das Luftfahrt-Bundesamt gemeldet, sagte Schöttes. Er sprach von einer "kurzfristigen leichten Beeinträchtigung" der Piloten, die sofort nach Anlegen der Sauerstoffmasken nachgelassen habe. Der Pilot habe sofort das einschlägige BFU-Formular ausgefüllt. In deren Bericht hieß es allerdings: Die BFU "... erhielt die Mitteilung, dass die ... betroffene Crew keine Vergiftungserscheinungen aufweise". Damit sei der Zwischenfall als "nicht weiter zu untersuchender Fall befunden" worden. "Ein Jahr nach dem Ereignis erreichten die BFU weitere Informationen zum Anflug", schrieb die Unfallstelle weiter. Daraufhin sei eine neue Untersuchung eingeleitet worden, auf deren Erkenntnissen der am Donnerstag veröffentlichte Bericht beruhe.
Schöttes sagte weiter, der Airbus sei anschließend untersucht worden, es habe einen Testflug gegeben, und es seien keine Mängel erkannt worden. Zu dem zweiten "ähnlich gelagerten" Zwischenfall 2008 erklärte Germanwings, die Ursachen seien "lückenlos aufgearbeitet" worden. "Zwischen den beiden Vorfällen hat die betroffene Maschine über 6.000 Flüge ohne Beanstandungen absolviert."
Für die Grünen im Bundestag belegt der Fall, dass verunreinigte Kabinenluft in Flugzeugen nicht nur "eine Gefahr für die Passagiere, sondern auch für die Flugsicherheit" darstellt, wie ihr Abgeordneter Markus Tressel in einer Stellungnahme erklärte. Er berichtete von 67 amtlich erfassten Zwischenfällen in den vergangenen drei Jahren und erneuerte seine Forderung, die Belüftungseinrichtungen so abzuändern, dass die "Frischluft" für die Kabine nicht aus den Triebwerken abgezapft wird. Die Bundesregierung wird aufgefordert, darauf einzuwirken, dass die Flugzeugindustrie Alternativen zu den gegenwärtig verwendeten Luftzapfsystemen untersucht.
(Zwischenbericht Köln im Internet: http://url.dapd.de/PETH9U )
dapd
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