Foto: © AP 2012 Matt Sayles/AP/dapd
Berlin – In seinem Bezirk in North Carolina hat es sich der schmierige Kongressabgeordnete Cam Brady (Will Ferrell) seit vielen Jahren gemütlich gemacht. Inzwischen strebt er seine fünfte Amtszeit an. Die Wiederwahl dürfte für den Routinier zum Selbstläufer werden. Zumal es mit dem hoffnungslos naiven und unerfahrenen Touristenführer Marty Huggins (Zach Galifianakis) bloß einen Gegenkandidaten gibt. Brady fühlt sich sicher. Dabei stecken hinter dem Strohmann Huggins einige einflussreiche und vor allem schwerreiche Gönner.
Perfekte Zeitplanung: Die politisch unkorrekte Slapstickkomödie «Die Qual der Wahl» startet nur wenige Wochen vor der amerikanischen Präsidentenwahl im deutschen Kino. Die Komiker Will Ferrell («Der Anchorman») und Zach Galifianakis («Hangover») liefern sich im neuesten Film von «Austin Powers»-Regisseur Jay Roach ein unbarmherziges Politikerduell. Da ist keine Anschuldigung zu hart und kein Mittel zu billig. Das geht sogar so weit, dass Huggins wegen seines altbackenen Schnurrbartes von Brady beschuldigt wird, ein aktiver Terrorist zu sein: «Wo waren Sie eigentlich am 11. September 2001», lautet dazu die anklagende Frage.
Krieg hat Regeln, Schlammcatchen hat Regeln - Politik hat keine Regeln. Mit diesem Zitat des ehemaligen Präsidentschaftsanwärters Ross Perot beginnt der Film. Und der Zuschauer wird tatsächlich mit einem schmutzigen Intrigenspiel ohne Fairness konfrontiert.
Der Film zeigt einen Wahlkampf, wie ihn sich viele Zuschauer vielleicht insgeheim vorstellen. Die Politik gerät dabei zur Nebensache. Es geht nicht um Themen und Überzeugungen, sondern ausschließlich um Macht und Privilegien. Vor allem Brady, der vom vorzüglich aufgelegten Ferrell verkörpert wird, hat seine Werte und Prinzipien längst über Bord geworfen. Ihn interessieren mittlerweile nur noch wilde Partys und willige Frauen.
«Die Qual der Wahl» spielt mit den abenteuerlichsten Klischees, die über Politiker im Umlauf sind. Dazu zählen auch zwei skrupellose Hintermänner, gespielt von Dan Aykroyd und John Lithgow, die in Wahrheit mit ihren Millionen die Strippen ziehen.
Darüber hinaus spielt die Komödie mit den Eigenheiten des amerikanischen Wahlsystems, das mehr noch als in Deutschland einzelne Personen in den Vordergrund stellt. Das Volk wählt keine Partei und kein Programm, es wählt einen Menschen, dem es vertraut. Kein Wunder, dass sich Politiker in einem solchen System möglichst unverbindlich, glatt und allgemeingültig präsentieren müssen. Wer aneckt, verliert.
Im Film führt das zu einem herrlich komischen Zusammenschnitt, in dem der Amtsinhaber sämtliche Berufsgruppen, Bevölkerungsschichten und Kulturen nacheinander als Rückgrat der Nation bezeichnet. Und wenn er im Anschluss über eine unflätige Ansage auf einem Anrufbeantworter stolpert, gibt es sogar erstaunliche Parallelen zur deutschen Realpolitik.
«Die Qual der Wahl» lebt davon, dass die Komödie überzeichnet ist, der Zuschauer aber dennoch das Gefühl hat, in ihr könnte ein Körnchen Wahrheit stecken. Der Bogen wird ausgereizt, aber nicht überspannt. Das macht den Film zu einer hervorragenden Einstimmung auf die amerikanische Präsidentenwahl am 6. November.
(«Die Qual der Wahl», Komödie, USA 2012, 85 Minuten, FSK: 12, Verleih: Warner, Regie: Jay Roach, Darsteller: Will Ferrell, Zach Galifianakis, Jason Sudeikis, Dylan McDermott u.a.)
Kinostart: 4. Oktober 2012
dapd
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