„Big Pharma“ und die Milliarden: Krankenkassen zahlen jetzt 30.000 statt 3.000 Euro pro Medikament

Bisher konnte die Nervenkrankheit Multiple Sklerose mit einem 3.000 Euro teueren Medikament behandelt werden. Doch damit ist jetzt Schluss: Der Pharmakonzern Roche hat eine neue Arznei entwickelt, die Ärzte nun verschreiben müssen. Kostenpunkt: 33.000 Euro.

Wer die Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS) hat, konnte bisher auf das Medikament „Rixathon“ des Pharmaherstellers Roche zurückgreifen – Kostenpunkt: Rund 3.000 Euro jährlich.

Doch damit ist jetzt Schluss, denn seit Anfang Februar ist ein neues Roche-Mittel mit dem Namen „Ocrevus“ in Deutschland erhältlich – für stolze 33.000 Euro. Die „Tagesschau“ berichtete am Donnerstag.

Studie: Neues und altes Medikament unterscheiden sich kaum – Roche widerspricht

Das neue Medikament enthält den Wirkstoff „Ocrelizumab“. Dieser sei ein „Revolutionär der MS-Therapie“, so Roche laut der „Deutsche-Apotheker-Zeitung“. Doch die neue Substanz unterscheidet sich laut einer schwedischen Studie kaum von der Substanz „Rituximab“, die im altbewährten Medikament „Rixathon“ zu finden ist und MS-Patienten bereits seit vielen Jahren verschrieben wird.

So sei der 20 Jahre alte Wirkstoff „Rituximab“ bei der Behandlung von MS-Patienten sehr erfolgreich und zeige im Vergleich zu neueren Substanzen keine großen Nebenwirkungen, heißt es in der Studie, die am 8. Januar dieses Jahres veröffentlicht wurde.

Roche sieht es anders. Gegenüber dem ARD-Politikmagazin „Kontraste“ erklärte das Unternehmen: „Ocrelizumab“ sei bei einer längerfristigen MS-Behandlung wirksamer und verträglicher, als das alte Mittel, und es gebe „weniger Infusionsreaktionen“.

Dies seien nur theoretische Unterschiede, meinten MS-Spezialisten zu „Kontraste“ – bei der klinischen Wirkung gebe es kaum Unterschiede. „Beide Wirkstoffe führen dazu, dass bestimmte Zellen im Blut ausgeschaltet werden. Beide haben nachhaltige Effekte auf die Entzündungsaktivität im Gehirn“, sagte der Münchner MS-Spezialist Bernhard Hemmer der ARD.

Ärzte müssen das teuerere Medikament verschreiben

Doch trotz alledem dürfen Ärzte das alte Medikament nicht mehr verschreiben und müssen auf das zehnfach teuerere Mittel umstellen.

Der Grund dafür: Ursprünglich entwickelte Roche den alten Wirkstoff für die Behandlung von Krebspatienten, dafür wurde er auch zugelassen. Doch „Rituximab“ zeigt auch bei MS Wirkung und wird seit den 2000er Jahren im sogenannten „Off-Label-Use“ – also ohne eine formelle Zulassung – für MS-Patienten verordnet.

Da es nun jedoch ein offiziell zugelassenes MS-Medikament gibt, dürfen die Krankenkassen nur das zugelassene Mittel erstatten und nicht mehr das günstigere „Rituximab“.

„Ocrevus“ spielte 2017 über 850 Millionen Franken ein

Außerdem hatte das alte Mittel laut der ARD-Sendung „Kontraste“ noch einen anderen Nachteil: Das Patent ging zu Ende und somit auch das Preismonopol von Roche. Für das neue Mittel gab es ein neues Patent und damit einen höheren Preis.

Das neue Roche-Medikament ist seit dem zweiten Quartal 2017 in den USA zugelassen. Seitdem legte es einen fulminanten Start hin und spielte 869 Millionen Franken ein, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) Anfang Februar berichtete. Das Potenzial für das laufende Jahr liege bei einer Milliarde Franken, so das Blatt weiter.

Laut einem Artikel der Schweizer „Handelszeitung“ vom Dezember 2017 könnte der Umsatz 2018 für das MS-Medikament sogar 4 Milliarden Franken erreichen. „Ocrevus“ ist also ein finanzielles Wundermittel für den Basler Pharmakonzern.

2 Milliarden Euro Mehrkosten für Krankenkassen

Für die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland sieht es jedoch weniger rosig aus: Sollten 40 Prozent der mehr als 200.000 MS-Patienten in der Bundesrepublik mit dem neuen Mittel behandelt werden, würden für die Kassen Mehrkosten von 2 Milliarden Euro jährlich entstehen, heißt es in der „Tagesschau“.

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche, nicht ansteckende Erkrankung des zentralen Nervensystems. Bei MS-Kranken greift das eigene Immunsystem Teile der Nervenfasern an und zerstört diese. Dies führt zu Koordinationsschwierigkeiten und im schlimmsten Fall zu Lähmungen.

Medikamente können die Symptome zwar lindern, heilbar ist die Krankheit zurzeit aber nicht.

Die Betroffenen sind normalerweise jung – zwischen 20 und 40 Jahren alt – und haben trotz MS eine normale Lebenserwartung. Aus diesem Grund sei die Behandlung dieser Krankheit für Pharmakonzerne „sehr attraktiv“, so die FAZ, denn die MS-Patienten werden ihr Leben lang behandelt.

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