Die Toleranzfalle: Führte „naive Mentalität“ der 68er zu sozialer Verwahrlosung?

Die Erziehung unserer Kinder ist wohl eine der schwierigsten Aufgaben der neueren Zeit. Zu viele verschiedene erziehungswissenschaftliche Ansätze und die oftmalige Überforderung der Eltern durch mangelnde Zeit und Unsicherheit, lassen Kinder heute all zu oft als kleine Tyrannen erscheinen. Brauchen wir wieder einen gesellschaftlichen Konsens?

Wie erzieht man Kinder richtig? Diese Frage stellt man sich in den Familien der heutigen Zeit immer wieder – und –  da die Antworten oft so widersprüchlich ausfallen, bleibt am Ende oft eine große Unsicherheit übrig.

„Die Zeit“ ist der Frage erneut nachgegangen „Wer setzt Kindern noch Grenzen?“ und beleuchtet dabei das Verhalten von Kindern, Eltern, Pädagogen und Therapeuten.

Am Anfang seien es noch Ausnahmen gewesen, sagt Kinderarzt Edwin Ackermann gegenüber Zeit, inzwischen benehme sich mehrmals täglich ein Patient daneben. „Und die Eltern stehen oft hilflos daneben und wissen nicht, was sie tun sollen.“

Ackermann ärgere sich darüber, dass Eltern ihre Kinder nicht ordentlich erziehen würden. Das hätte seiner Meinung nach mehrere Gründe. Vielleicht würden sie denken, dass das Leben später noch hart genug werde oder aber – sie könnten sich einfach nicht durchsetzen. Manche seien zu bequem oder einfach nur ausgepowert. Das führe dann zum Beispiel zu Sechsjährigen, die ihre Schuhe nicht ausziehen wollen und nach der Mutter schreien und schlagen. Auch könne es zu der Art Kindern führen, die ständig dazwischenquatschen und die Eltern sich bereitwillig unterbrechen ließen. „In vielen Familien bestimmen die Kinder die Spielregeln.“

Haben wir ein Erziehungsproblem?

Sozialpädagoge und Familientherapeut Elms Frank antwortet der Zeit: „Es gibt eine große Unsicherheit, was man Kindern auch mal zumuten kann.“ Manche Eltern sprächen sehr umständlich mit ihren Kindern, uneindeutig. „Ich empfehle dann: Sagen Sie Ihren Kindern kurz und klar, was Sie von ihnen verlangen. Wenn Kinder eine sichere Beziehung zu ihren Eltern haben, dann halten die das auch gut aus.“

Für Frank ist es ein Fehler, wenn Eltern die Kinder nicht in altersgerechte Haushaltsaufgaben einbeziehen würden. Man brauche sich nicht wundern, wenn die Kinder eine Anspruchshaltung entwickeln würden, wenn man ihnen alles abnehme. Und dabei meint er alles, „vom Tischdecken bis zu negativen Gefühlen, wie Wut  Ärger und Traurigkeit.“ Einfühlung und Verständnis wären hier oft besser, „als sofort eine Lösung zu präsentieren.“ Die Gefühle hätten schließlich ihren Grund.

Ein guter Wille sei hierbei meistens nicht abzusprechen. „Viele Eltern haben enorm hohe Ansprüche an sich selbst. Sie wollen alles perfekt machen und setzen sich dabei unter Druck. Und wissen oft nicht, wie eine gute Reaktion aussähe.“

Noch nie gab es so viele Erziehungsratgeber wie heute. Ariane Breyer schreibt weiter in der „Zeit“: So könnten sich insbesondere ambitionierte Mütter ganz kleiner Kinder entschließen, „Attachment Parenting“ zu praktizieren (zu Deutsch: bindungsorientierte Elternschaft). Dabei gehe es darum, die Signale des Kindes aufmerksam zu lesen und seine Bedürfnisse genau zu erfüllen: viel tragen, gemeinsam schlafen, lange stillen. Die Methode verlange also eine hohe emotionale Investition am Anfang, verspreche dafür aber später kooperationswillige Kinder.

Eltern, die auch die eigenen Bedürfnisse im Blick haben, könnten sich Rat holen bei Annette Kast-Zahn, die zum Beispiel in Jedes Kind kann schlafen lernen einen Fahrplan aufstellt, wie man Babys die umständlichen Einschlafrituale abgewöhnt, damit sie bald allein im eigenen Zimmer nächtigen können.

Wird das Kind größer, könne man sich zum Beispiel zwischen dem demokratisch -partnerschaftlichen Ansatz des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul oder dem schwedischen Psychiater David Eberhard entscheiden. Während bei ersterem Grenzen eine wichtige Rolle spielen, wobei er die eigenen und die der Kinder meint und davon überzeugt ist, dass Eltern ihren Kindern mit Respekt begegnen müssten, sieht Zweiter das genau umgekehrt und meint, der Respekt müsse von den Kindern eingefordert werden. Einer verweichlichten und ängstlichen Elterngeneration empfehle Eberhard in Kinder an der Macht, sich am Riemen zu reißen und ihre Kinder wieder „mit mehr oder weniger fester Hand auf den richtigen Weg zu bringen“.

Schuld ist die „naive Mentalität“ der 68er

Einig seien sich alle Autoren nur in einem Punkt: Der gesellschaftliche Konsens darüber, wie man Kinder erzieht, ist verloren gegangen.

Schuld, so der Lehrer Axel Becker in Die Toleranzfalle, sind die 68er, deren „naive Mentalität“ letztlich zu vollständiger sozialer Verwahrlosung geführt habe, schreibt die „Zeit“. Auch für Psychiater Eberhard sei eine liberale Erziehung, wie sie Jesper Juul vertritt, schlicht ein Mangel an Erziehung, der unserer Gesellschaft den größten Schaden zuzufügen imstande ist. Deshalb schreibe Eberhard so hart gegen infantilisierte Turnschuh-Eltern, die unbedingt cool sein wollen und sich lieber auf der Nase herumtanzen lassen würden – aus lauter Panik, so zu klingen wie ihre eigenen Eltern.