Dschihad im Klassenzimmer: Wie salafistische Eltern ihre Kinder indoktrinieren

Dass der IS Jugendliche in Internetforen rekrutiert, ist ein bekanntes Problem. Doch nun taucht immer häufiger ein anderes Problem auf: Salafistische Eltern, die selber ihre Kinder indoktrinieren.

Junge Menschen radikalisieren sich – in Internetforen, durch Videos und durch gezielte Propaganda der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Dieses Problem ist bekannt. Nun taucht immer häufiger ein neues Phänomen auf: Eltern, die selber radikal sind und ihre Kinder entsprechend indoktrinieren.

Der „Bayerische Rundfunk“ (BR) berichtet von einer türkischen Familie in Bayern. Die Lehrer konnten beobachten, wie die strenggläubige Eltern die zwei Töchter der Familie über Jahre hinweg indoktrinierten.

Der Ethiklehrer der Schwestern versuchte ihnen zu helfen: „Eine der Schwestern hatte großes Vertrauen zu mir und bat mich Mitte der 8. Klasse um Hilfe. Sie schilderte ihre Lebenssituation als Gefangene, die weder einen eigenen Willen noch Freiheiten besaß“, so der Lehrer, der anonym bleiben will, gegenüber dem BR.  Er habe dem Mädchen die Möglichkeit gegeben, zwei Stunden pro Tag im Internet mit ihren Freunden zu chatten. Das sei jedem Mann in der Familie erlaubt gewesen, den Mädchen wurde das jedoch strengstens untersagt, erklärte der Lehrer weiter.

„Du Nazi“: Gespräch mit Eltern blieb erfolglos

Auch suchte der Ethiklehrer gemeinsam mit einer Kollegin das Gespräch mit den Eltern – erfolglos. Die Mutter sei voll verschleiert zum Gespräch gekommen. Der Vater verweigerte der Kollegin den Handschlag. Als er darauf hingewiesen wurde, dass dies in Europa unhöflich sei, erwiderte er, dass es ihn nicht interessieren würde. Er folge nur dem Koran und der Handschlag mit einer Frau sei Tabu – andere Gesetze als die koranischen gelten für ihn nicht, so der Vater.

Die Mutter beschwerte sich über den gemeinsamen Unterricht von Jungen und Mädchen und beschimpfte den Lehrer am Ende des Gesprächs als „Du Nazi“.

Die Tochter habe sich später unter Tränen für ihre Eltern entschuldigt, so der Lehrer. „[Sie] war mir unbeschreiblich dankbar, dass ich ihr anderthalb Stunden Freiheit im Internet gewährt hatte.“

Kinder stehen zwischen zwei Welten

Die Psychologin Marianne Rauwald analysierte die schriftlichen Aufzeichnungen des Ethiklehrers zu den beiden Mädchen. Rauwald ist Leiterin des Instituts für Traumabearbeitung und Weiterbildung in Frankfurt am Main. Ihrer Meinung nach mache die Hilfe des Lehrers die Situation für die Kinder komplizierter:

„Ich glaube, er wollte dem Mädchen wirklich helfen. Vermutlich denkt er, dass er ihr am besten hilft, indem er sie ans ‚westliche Ufer‘ zieht. Die Freiheiten mit dem Internet, die Möglichkeiten, einen Freund zu haben. Was er dabei übersieht, ist, dass das Kind zwischen zwei Welten steht. Und dass man es nicht einfach rüberziehen kann. Denn dann verliert es seine Herkunftsfamilie komplett“, erklärt sie.

Phänomen der „Kinder des Salafismus“ nimmt zu

Immer öfter melden Lehrer und Schulpsychologen Fälle wie diesen an die Radikalisierungs-Hotline des „Bundesamts für Migration und Flüchtlinge“ (BAMF). Schulkinder mit islamistischen Tendenzen seien ein neues Problem, meinte Florian Endres, Leiter der Beratungsstelle beim BAMF in Nürnberg.

Kinder besitzen IS-Propagandavideos auf ihren Handys und sehen islamistische Anschläge als „völlig legitim“ an – die Attentäter würden eine Belohnung im Paradis erhalten, so ihre Meinung. Auch würden solche Kinder an ihren Schulen andere Kinder missionieren, so die BAMF-Beratungsstelle.

Anfang Oktober berichtete Endres, dass das Phänomen der „Kinder des Salafismus“ vor allem in den vergangenen Monaten zugenommen habe. „Focus“-Online berichtete.

Wolle man diesen Kindern helfen, müsse man die salafistischen Eltern einer Beratung unterziehen. Doch das sei eine schwierige Aufgabe, meinte Endres. Die Fälle der radikalisierten Kinder gebe es nicht nur bei Migranten, sondern auch in deutschen Familien, in denen die Eltern zum Islam konvertiert seien, so Endres.

Nach jedem Anschlag schnellt Zahl der Anrufe hoch

Seit dem Start der Hotline seien bereits 3.800 Anrufe bei der Beratungsstelle eingegangen. Im ersten Jahr waren es noch knapp 280 Menschen, die die Nummer wählten. 2016 stieg die Zahl auf knapp 990. Vor allem nach jedem Anschlag nahm die Zahl der Anrufe deutlich zu.

„Die Anschläge in Ansbach und Würzburg haben im August und September zu einem starken Anstieg der Anruferzahlen geführt“, so Endres. In diesem Jahr hätten bereits 630 Menschen angerufen – durchschnittlich 80 bis 90 Anrufe im Monat.

Nach IS-Niederlage: Verfassungsschutz warnt vor „Kinder-Dschihadisten“ in Deutschland

Auf die Berater könnte bald ein anderes Problem zukommen. Neben den Salafisten in Deutschland seien auch etwa 950 Islamisten aus der Bundesrepublik in die Gebiete des IS gereist, heißt es auf der Seite des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). Nach den großen Gebietsverlusten der Dschihadistenmiliz könnten diese Menschen wieder in ihre Heimat zurückkommen – und das mit ihren Kindern, die in den IS-Gebieten geboren bzw. sozialisiert worden sind, warnt das BfV.

„Damit könnte auch hier eine neue Dschihadisten-Generation herangezogen werden“, meinte Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen am Donnerstag in Berlin.

Gerade ältere Kinder seien durch den IS schon radikalisiert und in Syrien und im Irak alltäglichen Gewalterfahrungen ausgesetzt gewesen, so der BfV-Chef. Diese Sozialisation könne durch den Einfluss salafistischer Milieus in Deutschland noch verstärkt werden. Auf diese Weise könnten Dschihadisten der zweiten Generation heranwachsen. Dieses Risiko müsse die Gesellschaft „sehr genau im Blick“ haben und sich dagegen wappnen, appelliert Maaßen.

Ca. 10.300 Salafisten in Deutschland

Laut dem BfV leben in Deutschland ca. 10.300 Salafisten. Salafisten sind Anhänger einer fundamentalistischen Strömung des Islam, die einen mit der westlichen Demokratie unvereinbaren Gottesstaat anstreben. Die Sicherheitsbehörden sehen das von Salafisten verbreitete Gedankengut als Nährboden für eine islamistische Radikalisierung, die Anhänger zu Terroranschlägen oder zum Kampf für den IS in Syrien bewegen kann.

(afp/as)

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