Ex-„Bild“-Chef: „Berichterstattung deutscher Haltungsjournalisten ist katastrophal“

In der Nacht, in der Donald Trump die Wahl in Amerika gewonnen hatte, stellten sich die deutschen Leitmedien selbst ein Armutszeugnis aus. Anstatt zu informieren, kommentieren und zu moderieren, hätten deutsche Fernsehjournalisten ihrer wachsenden Fassungslosigkeit Ausdruck verliehen. Ein ehemaliger Bild-Chefredakteur geht mit seinen Berufskollegen hart ins Gericht.

Der ehemalige Bild-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje kritisierte in einem Gespräch mit Christopher Lesko einmal mehr die „die katastrophale Berichterstattung deutscher Haltungsjournalisten“ über Donald Trump. In der Wahlnacht habe sie sich sogar als katastrophal herausgestellt.

„Diese offenkundige Total-Entgeisterung von öffentlich-rechtlichen Haltungsjournalisten fand ich unglaublich. Anstatt zu informieren, wurden wir von ihnen mit Emotionen belästigt“, kritisierte Tiedje gegenüber dem Mediendienst „Meedia“. „Jede Zahl, jede Information transportierte Enttäuschung und Entsetzen. Das war unerträglich unprofessionell.“

Persönliche Haltungen hätten das Meinungsbild im deutschen Fernsehen bestimmt, der wertfreie Journalismus sei hierbei völlig unter die Räder gekommen. „Ich meine jene deutschen Journalisten, die wieder mal das Medium Fernsehen missbrauchten, um ihrer wachsenden Fassungslosigkeit Ausdruck zu geben, anstatt ihrer Rolle zu genügen, nämlich zu informieren, kommentieren und zu moderieren.“ Das habe sich übrigens nach der Wahl Trumps keinen Deut verändert, so der jetzige Aufsichtsratsvorsitzende von WMP Eurocom.

Vier von fünf Journalisten politisch links

Dass vier von fünf Journalisten politisch links von der Mitte beheimatet sind, das sei schon vor 20 Jahren so gewesen, erzählt  Tiedje weiter. „Dass jeder von ihnen Wünsche und Träume hat, akzeptiere ich völlig. Aber ein Bild zu zeichnen, innerhalb dessen nach einem angeblich guten Präsidenten Obama – der übrigens als Tiger startete und als Bettvorleger endete – Trump nur von ewig gestrigen, weißen Männern gewählt werden könnte und die Eliten vollständig hinter Frau Clinton stünden, das war schon vorab als paradox und völlig neben der Sache erkennbar.“

Weiter ist Tiedje der Meinung, dass sich Medien generell fragen müssten, warum Konsumenten zu Ungunsten von Print, Radio und TV immer mehr dem Internet zuneigten. „Vielleicht wollen die Menschen da draußen den Quatsch, den ich als Fernsehmensch ihnen so erzähle, nicht mehr hören?“

„Wladimir, was tust du mir?“

Zuerst habe man Meinungsforscher für das Wahlergebnis beschuldigt, danach seien dumme, weiße, ältere Männer für das Wahlergebnis verantwortlich gewesen. Dann waren es Bots und Algorithmen und erst am Ende hätte man den wahren Schuldigen gefunden: Putin. „Das ist der böse Bube vom Dienst, der ist schuld an allem, jetzt auch an Trump. Und neuerdings fürchten sich die gleichen Kommentatoren davor, dass Putin auch für Sigmar Gabriel die Wahl gegen Frau Merkel gewinnt. Das ist eine deutlich bessere Comedy als die von Böhmermann. Fehlt eigentlich nur noch ein Kommentator, der behauptet, Putin habe was gegen Frauen, siehe Clinton, siehe Merkel. Wladimir, was tust Du mir?“

Tiedje spricht weiter von Realitätsverweigerung und kommt kurz darauf auf deutsche Talk-Shows zu sprechen. „Große Teile der Bevölkerung haben inzwischen eine völlig andere Wahrnehmung des öffentlichen Geschehens als ein wesentlicher Teil der die Medien gestaltenden Leute. Viele Menschen fühlen sich und ihre Wahrnehmungen in führenden Medien in Deutschland nicht mehr richtig abgebildet.“ Und das hätte nichts mit dem Thema AfD zu tun.

Trump werde die Welt verändern, meint Tiedje, auch wenn er vieles, was er angekündigt hat, nicht verwirklichen werde. Die Mauer zu Mexiko werde wohl nicht so groß ausfallen, aber das ständige Mantra der Medien „Mauern hätten noch nie ein Problem gelöst“, mit dem sie auf die Mauer des SED-Regimes hindeuten wollen, zeige nur, dass hier Dinge vermengt würden, die nichts miteinander zu tun hätten, denn beide Mauern dienten einem völlig verschiedenen Zweck.

Es gäbe allerdings Mauern, die ihren Zweck tatsächlich erfüllt hätten, und hier bringt Tiedje China ins Spiel. „Soll ich Ihnen mal sagen, warum China heute so stark ist? Dass China sich mit seiner riesigen Bevölkerung zu einem monolithischen Block entwickelt hat, ist historisch ganz wesentlich der Chinesischen Mauer geschuldet. Sie hielt Feinde fern und die Chinesen unter sich.“

„Europa braucht neue Politiker“

Europäisch betrachtet, wird sich Europa mehr auf Trump einstellen müssen als andersherum. Interessant fand Tiedje, dass Merkel Trump Bedingungen gestellt habe, aber im Zusammenhang mit Erdogan hätte man da noch keine gehört.

„Europa braucht neue Politiker, junge Leute, neue Gesichter mit neuen Impulsen und Ideen statt diesen – auf Deutsch gesagt – europäischen Bürokratenplunder. Genormte Bananen oder formatierte Gurken sind nicht mein Europa. Gefragt sind neue Gedanken, neue Konzepte. Das derzeitige Brüsseler EU-Europa hat keine Zukunft.“

Siehe auch:

Mit dem Zweiten sieht man besser – Laut Umfrage ist Vertrauen in Glaubwürdigkeit der Leitmedien stabil geblieben