Für Albanerin war Berlin wie „im Märchen“ – viele Albaner suchen ihr Heil im Ausland

Berlin war für Majlinda Lesha das Paradies. Ihr Kind konnte kostenlos zur Schule und zum Sport, sie wurde medizinisch versorgt und die Sozialarbeiterin schenkte ihr auch noch Schokolade. Doch Mutter und Kind durften nicht in Deutschland bleiben, Albanien gilt als sicheres Herkunftsland.

Berlin war für Majlinda Lesha das Paradies. „Wie im Märchen“ sei sie sich vorgekommen, erzählt die Albanerin. 2014 und 2016 lebte die 50-Jährige für ein paar Monate in der deutschen Hauptstadt – in einer Flüchtlingsunterkunft.

Dennoch schwärmt Lesha in höchsten Tönen von dieser Zeit. Ihr Kind konnte kostenlos zur Schule und zum Sport, sie wurde medizinisch versorgt und die Sozialarbeiterin schenkte ihr auch noch Schokolade. Doch Mutter und Kind durften nicht in Deutschland bleiben, Albanien gilt als sicheres Herkunftsland.

Jetzt teilt Lesha sich mit Verwandten eine kleine Wohnung in Shkodra, einer Stadt im Norden Albaniens nahe der Grenze zu Montenegro. Zu acht leben sie von 200 Euro staatlicher Unterstützung im Monat. „Sie sagen, Albanien sei ein sicheres Land, aber ich habe nicht einmal Geld für Strom“, sagt Lesha.

17.095 Albaner haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres Asyl im Schengen-Raum beantragt, die meisten von ihnen in Frankreich (7655 Anträge) und in Deutschland (4750). In Deutschland ist die Zahl der asylsuchenden Albaner stark zurückgegangen, 2016 hatten fast 15.000 Menschen aus dem südosteuropäischen Land hier Zuflucht gesucht. In Frankreich ist ihre Zahl hingegen weiter gestiegen.

„Stress und Angst“

Grund dafür sei die „entgegenkommende“ Gesetzgebung in Frankreich, sagt die stellvertretende albanische Innenministerin, Rovena Voda. Die Prüfung der Asylanträge dauere dort wesentlich länger. „Das motiviert die Menschen, sie schöpfen Hoffnung, bleiben und arbeiten zu können.“

Ergyl Geci war 16, als er sich von einem Schlepper von Shkodra in eine ihm völlig unbekannte französische Stadt bringen ließ. Der Mann setzte ihn vor dem Ausländeramt in Nancy ab und fuhr davon. Dass er kaum Chancen auf Asyl in Frankreich hat, sagte der Schlepper Geci nicht.

Der Jugendliche legte den Beamten sein gutes Schulzeugnis vor, sogar in beglaubigter französischer Übersetzung. Er sehe keine Zukunft in Albanien und wolle in Frankreich studieren, begründete er seinen Asylantrag. Andere Albaner verweisen auf familiäre oder homophobe Gewalt oder auf die Bedrohung durch Blutrache.

Im September kehrte Ergyl nach Shkodra zurück – um 700 Euro ärmer und völlig erschöpft vom „Stress und der Angst“ in der Unterkunft, in der er der einzige Albaner unter lauter älteren Asylbewerbern gewesen sei, erzählt Ergyl. Er habe von den Plänen seines Sohnes nichts gewusst, beteuert der Vater.

„Es gibt auch Fälle, in denen die Eltern ihre Kinder begleiten, sie bis in die Nähe des Bahnhofs oder von Aufnahmezentren bringen“, sagt Julian Jana, Sozialarbeiter in Shkodra. „Die Eltern wissen, dass es ihnen ganz andere Möglichkeiten eröffnet, wenn sie ihr Kind ins Ausland schicken“, sagt auch Valbona Tula, die das Sozialamt in der Region leitet.

Der Wunsch nach einem Leben im Ausland ist groß

Im September und August ermittelten die albanischen Behörden gegen 45 Eltern, die von der Ausreise ihrer Kinder gewusst haben sollen. Ihnen drohen Geld- oder Gefängnisstrafen.

Im gleichen Zeitraum wurden 682 Minderjährige an der Ausreise gehindert – doppelt so viele wie von Januar bis Juli. Wie groß der Wunsch nach einem besseren Leben im Ausland ist, zeigt auch eine andere Zahl: 2016 bewarben sich 200.000 Albaner um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für die USA, die Green Card.

Das entspricht sieben Prozent der Bewohner des kleinen Landes.

Auch Majlinda Lesha will sich nicht mit ihrem Leben in Armut in Albanien abfinden. Das nächste Mal will sie es in Frankreich probieren, vielleicht in Bordeaux. Dorthin hat es ihr Neffe im September geschafft. (afp)