Lehrer mit „Willkommensklassen“ überfordert: „Wir müssen uns zerreißen“

In "Willkommensklassen" sollen Migrantenkinder auf den regulären Unterricht in Deutschland vorbereitet werden. Doch wie soll das gehen, wenn es kein Curriculum für diese Klassen gibt? Die Lehrer sind überfordert und fühlen sich allein gelassen.

„Flüchtlings-Willkommenklassen“ – mit ihnen sollen Migrantenkinder für den regulären Unterricht an deutschen Schulen fit gemacht werden. Ein Jahr haben die Kinder Zeit, Deutsch zu lernen. Danach sollten sie am regulären Unterricht teilnehmen – so die Theorie.

Dass die Realität oft anders aussieht, beschreibt die „Welt“-Redakteurin Anna Kröning in ihrem Artikel vom Donnerstag.

Sie besuchte eine „Willkommensklasse“ in Berlin-Kreuzberg: Die Kinder dort hätten alle ein unterschiedliches Bildungsniveau. Viele seien Analphabeten und könnten nicht einmal in ihrer Muttersprache lesen und schreiben. Andere hingegen sprächen fließend Englisch, so die Redakteurin.

Sie alle für den Regelunterricht vorzubereiten, hält die im Artikel interviewte Lehrerin fast für unmöglich: „Die Lehrer müssen sich zerreißen“, meint sie.

Studie: „Willkommensklassen“ kurzfristig und kurzsichtig organisiert

In Berlin gibt es 1.056 „Willkommensklassen“. Mehr als 12.000 Kinder werden in ihnen – mit zwölf Kindern pro Klasse – auf den Regelunterricht vorbereitet, so die Zahlen der Berliner Senatsverwaltung. In 2012 waren es noch 1.400 Kinder.

Die „Willkommensklassen“ seien „kurzfristig und kurzsichtig“ organisiert – das führe zu Problemen, so das Fazit einer neuen Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). Das BMI untersuchte dafür 13 Grundschulen in 8 Berliner Bezirken.

Die Ergebnisse: Viele Lehrer der „Willkommensklassen“ hätten nicht auf Lehramt studiert, sondern seien Quereinsteiger oder Menschen, die Berufserfahrung in „Deutsch als Zweitsprache“ hätten, erklärt das BMI.

Das sei ein Problem, besonders weil es keinen Lehrplan für die „Willkommensklassen“ gibt – den Unterrichtsstoff müssten die Lehrer selbst gestalten, so das BMI. Viele Lehrer seien damit überfordert. Auch kennen sie das Regelcurriculum für den normalen Unterricht nicht. „Wie sollen die Schüler nach kurzer Zeit den Übergang in Regelklassen schaffen?“, fragt deswegen Anna Kröning.

Außerdem werden die Quereinsteiger befristet eingestellt und schlechter entlohnt, als ihre Kollegen mit Lehramtsstudium. Das sorge für Frustration, so die Studie.

Traumatisierte Kinder: Keine psychologische Betreuung vorhanden

Eine andere Herausforderung ist die „hohe Fluktuation“ in den Klassen. Das ganze Schuljahr über wechseln die Kinder. Während neue ständig dazukommen, ziehen andere weg oder werden in Regelklassen aufgenommen, so die Studie.

Somit könne keine Klassengemeinschaft gebildet werden. Die „gruppendynamische Prozesse“ werden dadurch unterbrochen, was den Lehrern das Unterrichten erschwere.

Auch Abschiebungen würden zur Fluktuation beitragen. Die Kinder würden dann von einem Tag auf den anderen plötzlich verschwinden, was die Klassengemeinschaft psychologisch belaste.

Das Leben in den Notunterkünften bringe auch negative Folgen mit sich. Dort könnten sich die Kinder nicht zurückziehen und für den Unterricht lernen. Deswegen könnten sich einige Kinder nicht konzentrieren und seien aggressiv.

Besonders Flüchtlingskinder seien im Krieg aufgewachsen, hätten Tod und Gewalt gesehen – sie kommen traumarisiert in die Schule, so das BMI.

Viele Lehrer fühlten sich alleingelassen und seien verzweifelt. Ihnen fehle die sozialpädagogische und psychologische Unterstützung, beschreibt die Studie. Dafür gebe es aber kein Geld.

BMI-Empfehlung: „Integrative Beschulung“ sollte Regel werden

Die obigen Probleme seien ausschließlich nur in Schulen anzutreffen, in denen die Kinder in separaten „Willkommensklassen“ unterrichtet werden.

Schulen, die die Kinder „in altersentsprechende Regelklassen“ eingliedern, hätten mit deutlich weniger Problemen zu kämpfen.

Kinder, die direkt in normalen Klassen unterrichtet werden, würden außerdem nicht als Außenseiter, sondern Teil der Schülerschaft angesehen. Das würde ihnen die Integration in die deutsche Gesellschaft erleichtern. Deswegen sollte die „integrative Beschulung“ zur Regel werden, empfiehlt das BMI.

(as)