„Volksverräter“ – Kritik am Unwort 2016: Wissenschaftsmagazin wirft Unwort-Setzern „Sprachdiktatur“ vor

Sozialistische Agenda? Ein Blick auf die Unworte der Jahre seit 1991 zeigt, dass die Feinde der Sprachkritik auf drei Begriffe gebracht werden können: Kapitalismus, Rechte und Eigentümer. Das entdeckte das Wissenschaftsmagazin "Science Files" und verglich im aktuellen Fall die Häufigkeit von "Volksverräter" mit der von "Kartoffelkäfer".

„Volksverräter“ ist das Unwort 2016. Das hat zumindest eine Darmstädter Jury von Sprachwissenschaftlern gestern so bekannt gegeben und damit bei vielen eine Mischung aus Unverständnis, Heiterkeit und Ignoranz erzeugt. Ignoranz vielleicht gerade deshalb, weil man nichts anderes erwartet hat. Zielen die Unworte der letzten Jahre doch immer wieder in die gleiche Richtung – nach rechts.

„Welche Theorie man bemühen muss, um zu erklären, wie ein kleines Häuflein von Sprachwissenschaftlern, das sich Jury nennt, es jedes Jahr aufs Neue in die Medien schafft, ist eine Frage, die man nicht einfach beantworten kann“ kommentiert das online Magazin „Science Files“, dass Wissenschaft immer wieder kritisch hinterfragt.

Und doch versuchen sie eine Antwort zu finden: „Nehmen wir an, dass Interesse und Motivation, die die Unwort-Jury treiben, mit denen der Medienschaffenden übereinstimmen, dass also beide: „sprachkritisch“ sein wollen, allerdings nur gegenüber „Pegida, AfD oder ähnlichen Initiativen“, wie es dieses Jahr in der Unwort-Wahlbegründung der Jury heißt.“ Ein Blick auf die Unworte der Jahre seit 1991 zeige, dass die Feinde der Sprachkritik auf drei Begriffe gebracht werden könnten: Kapitalismus, Rechte und Eigentümer.

Sozialistische Agenda

„Science Files“ ist überzeugt, dass die Agenda, die die Jury mit ihrer Unwortwahl setzen will, eine sozialistische Agenda ist. „Hier treffen sich die Unwort-Setzer wohl mit den Medienvertretern, deren Agenda eine ähnlich sozialistische zu sein scheint.“

Die Unwortsetzer würden dabei nicht zensieren sondern nur mahnen und dafür sorgen, dass bestimmte Begriffe nicht mehr verwendet würden oder ein öffentliches Klima schafften, dass die Nutzung der entsprechenden Begriffe nicht mehr erlaube. Das sei Sprachdiktatur.

Schenkt man dem Urteil von „Science Files“ Glauben, so vertreten die Juroren offenbar die Ansicht, dass das Wort „Volk“ nur Blutsverwandte und seit der Schlacht im Teutoburger Wald auch keinerlei Neuankömmlinge mehr umfasse und umfassen könne. Die Bezeichnung Volk gelte für immer für das gleiche Volk und schließe deshalb alle, die nicht in der 10ten Generation einen reindeutschen Vorfahren hätten, aus. „Es ist schon erstaunlich, welche Nachwirkungen die Nürnberger Rassengesetze in den Köpfen mancher auch noch im Jahre 2017 haben.“

Volkverräter versus Kartoffelkäfer

„Science Files“ spricht von einer absoluten Irrelevanz des zum Unwort aufgebauschten Begriffs, der im Darmstädter „Unwort-Echozimmer“ mehr halle als außerhalb. Um eine tatsächliche Häufigkeit des „Volksverräters“ aufzuspüren, verglichen sie den Begriff bei google Trends mit der Häufigkeit des Begriffs „Kartoffelkäfer“ und kamen dabei zu dem Ergebnis: „Die Unwort-Geber zeichnen sich durch eine ungesunde Fixierung auf Begriffe aus, die außer ihnen kaum jemand zu benutzen scheint.“ Wenn es aber das Ziel war, den Begriff „Volksverräter“ wieder salonfähig zu machen, dann hätten die Unwort-Juroren dieses Ziel mit Bravour erreicht.

Die Unwort-Jury gibt es seit 1991 und besteht im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten. Ihr Ziel sei die Sensibilisierung für den Sprachgebrauch.

Ein Rückblick auf die Wörter und Unwörter des Jahres seit 1991

(Liste von Wikipedia)

1991 Besserwessi ausländerfrei
1992 Politikverdrossenheit ethnische Säuberung
1993 Sozialabbau Überfremdung
1994 Superwahljahr Peanuts
1995 Multimedia Diätenanpassung
1996 Sparpaket Rentnerschwemme
1997 Reformstau Wohlstandsmüll
1998 Rot-Grün sozialverträgliches Frühableben
1999 Millennium Kollateralschaden
2000 Schwarzgeldaffäre national befreite Zone
2001 der 11. September Gotteskrieger
2002 Teuro Ich-AG
2003 das alte Europa Tätervolk
2004 Hartz IV Humankapital
2005 Bundeskanzlerin Entlassungsproduktivität
2006 Fanmeile freiwillige Ausreise
2007 Klimakatastrophe Herdprämie
2008 Finanzkrise notleidende Banken
2009 Abwrackprämie betriebsratsverseucht
2010 Wutbürger alternativlos
2011 Stresstest Döner-Morde
2012 Rettungsroutine Opfer-Abo
2013 GroKo Sozialtourismus
2014 Lichtgrenze Lügenpresse
2015 Flüchtlinge Gutmensch
2016 postfaktisch Volksverräter

Quellen: GfdS.de, unwortdesjahres.net

 

 

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