Eine Wende zur Selbstbestimmung der europäischen Völker

Der Fall der Berliner Mauer 1989 in einer sich wandelnden Welt

Wie ein Blatt sich wendet, so wendete sich die Weltgeschichte am 9. November 1989 als die Berliner Mauer geöffnet wurde. Sie trennte seit 1961 nicht nur das östliche Deutschland vom westlichen, sie trennte nicht nur die Stadt Berlin in zwei Teile, sondern sie hat in den 28 Jahren ihres Bestehens die Eiszeit des „kalten Krieges“, der seit dem Ende des zweiten Weltkrieges 1945 bestand, in eine Betonzeit verwandelt.

Menschen starben bei dem Versuch, diese Mauer bei der Flucht aus dem kommunistischen Osten in den demokratischen Westen zu überwinden, Politiker suchten nach Wegen, die Trennlinien aufzuweichen. Was damals die Herzen der Menschen bewegte, ist nun, 15 Jahre später, für die Generation unter 30 Jahren schon Geschichte. Aber die Welt der beiden Machtblöcke, die nach dem zweiten Weltkrieg in Berlin ihre Schnitt- und Grenzstelle hatte, war des Öfteren in die Nähe eines neuen Weltkriegs geraten. So hatte die Erleichterung über das Ende der Konfrontation einen großen Anteil an der Begeisterung über den Mauerfall und über die Begegnungen der Menschen miteinander.

„Wir sind das Volk“

Dass die Turbulenzen des Jahres 1989 in Deutschland als dem Zentrum der aufgezwungenen Spaltung so friedlich verliefen, war vor allem der Wachheit und Besonnenheit der im deutschen Osten gewachsenen Bürgerrechts- und Demokratiebewegungen zu verdanken. „Keine Gewalt“ und besonders „Wir sind das Volk“ waren in Leipzig die beeindruckenden Parolen, die einerseits an die Herrschenden gerichtet waren und gleichzeitig einer Selbstbeschwörung glichen.

Seit Mitte er Achtziger Jahre, vorbereitet durch die Glasnost und Perestroika Politik Gorbatschows in der Sowjetunion, konnten die Bürger der kommunistischen Volksrepubliken DDR, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und andere hoffen, dass ihre Demokratiebestrebungen nicht wieder durch den Einmarsch sowjetischer Truppen zerschlagen würden.

„Ein Loch im Eisernen Vorhang“

Am 2. Mai 1989 begann Ungarn mit dem Abbau der westlichen Grenzbefestigungen. In einem symbolischen Akt schnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs schon am 27. Juni 1989 bei Sopron ein „Loch in den Eisernen Vorhang“ und beseitigten die Grenzsperren. Die Grenzkontrollen blieben jedoch bestehen.

Am 8. August 1989 flüchteten 130 DDR Bürger in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, die daraufhin vorübergehend ihren Publikumsverkehr einstellte. Ein bis dahin undenkbarer Zustand trat ein. Insgesamt nahmen die Botschaften der Bundesrepublik in Budapest, Prag und Warschau von August bis Oktober Tausende von Flüchtlingen auf. Wie schon vor dem Mauerbau fliehen meist junge Leute. Als Ungarn am 11. September seine Grenze zu Österreich öffnet, fliehen innerhalb von drei Tagen etwa 15.000 Deutsche über Wiesen und Feldwege.

Zuflucht in den deutschen Botschaften

Unvergessen bleibt allen, die es gehört haben, wie nach Verhandlungen mit der UdSSR und der DDR der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September in der deutschen Botschaft in Prag in einer von Jubel unterbrochenen bewegenden Ansprache die Ausreiseerlaubnis für etwa 6.000 Flüchtlinge verkündet. Sie hatten dort tagelang campiert. Die von der DDR als „ausgewiesen“ Erklärten mussten mit Sonderzügen über DDR-Territorium in die Bundesrepublik ausreisen. Einen Monat später, am 3. November, gestattet die DDR-Regierung eine direkte Ausreise der DDR-Bürger über die Grenze zur CSSR in die Bundesrepublik. Innerhalb von zwei Tagen kommen rund 15.000 Flüchtlinge über die CSSR in die Bundesrepublik. Ebenso hält der Flüchtlingsstrom über Ungarn an. Als die Mauer am 9. November fällt, sind bereits mehr als 220.000 Übersiedler aus der DDR in der Bundesrepublik angekommen.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“

Gleichzeitig mit der Massenflucht wächst auch die Oppositionsbewegung innerhalb der DDR. Die Bürgerrechtler trauen sich auf die Straße und machen ihre Forderungen öffentlich – etwa bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig. Die Feiern zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober 1989 werden zum Fiasko für die Regierung der DDR. Parallel zu den offiziellen Feierlichkeiten finden in vielen Städten Demonstrationen gegen das SED-Regime statt (SED/Sozialistische Einheitspartei Deutschland). „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, das sagt Michail Gorbatschow, Staatschef der damaligen Sowjetunion zu Erich Honecker, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, und sorgt damit im Westen für Schlagzeilen. Immer deutlicher zeigt sich, daß die SED nicht mehr Herr der Lage ist. Der Rücktritt Honeckers als Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzender am 18. Oktober 1989 leitet den Zusammenbruch des SED-Regimes ein.

Erich Honecker hatte noch im Juni 1989 bei einem Staatsbesuch in Moskau bekräftigt, dass die Mauer in Deutschland noch 50 oder 100 Jahre bestehen würde. Gleichzeitig beglückwünschte er die kommunistischen Machthaber der VR China dafür, dass es ihnen gelungen sei, die Demokratiebewegung in Peking niederzuschlagen. In dem ereignisreichen Jahr 1989, am 4. Juni, hatte die chinesische Volkbefreiungsarmee die seit Tagen auf dem Tiananmenplatz für Demokratie demonstrierenden Studenten mit Panzern überrollt. Es gab Tausende Tote. Ein Ereignis, dessen genauere Umstände bis heute in China zu den Staatsgeheimnissen zählen.

Am 8. November 1989 wird in Berlin gegen Honecker von seinen eigenen Genossen ein Ermittlungsverfahren wegen Amtsmissbrauch und Korruption eingeleitet. 1990 folgt ein Haftbefehl gegen Honecker in seiner Eigenschaft als früherer Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR wegen des Tatverdachts des gemeinschaftlichen Totschlags.

Im März 1991 entkommt er nach Moskau, dort verkündete man einen Ausweisungsbeschluss gegen ihn. Er erlebt das, was er seinen Mitbürgern aus der DDR jahrelang angetan hatte. Aus dem Asyl in der chilenischen Botschaft kehrt er 1992 in die Haft nach Berlin zurück. 1993 wird er aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Honecker stirbt 1994 in Santiago de Chile, dem Wohnsitz seiner Tochter. Die Öffentlichkeit nahm kaum noch Notiz davon.

Hinrichtung von Rumäniens Diktator Ceaucescu

Brutaler vollzog sich die Wende in Rumänien ebenfalls noch im Jahr 1989, wo der Diktator Ceaucescu durch einen Volksaufstand gestürzt wurde. Die Armee stellte sich auf die Seite der Protestierenden, aber Teile der berüchtigten Geheimpolizei Securitate hielten dem Regime die Treue. In Temesvar richteten sie ein Massaker an, dem mehr als 5.000 Menschen zum Opfer fielen. Auch in Bukarest kam es zu Gefechten zwischen Armee und Securitate. Als Ceaucescu erkennt, dass er auf verlorenem Posten steht, flieht er aus der Hauptstadt. Er und seine Frau Elena werden von der Armee aufgespürt und von einem Militärgericht zum Tode verurteilt Nicolae Ceaucescu wird nach einem Militärgerichtsverfahren zusammen mit seiner Frau am 25. Dezember1989 erschossen.

Die Regierungen in der Tschechoslowakei und in Polen weichen dem Druck von Protesten

Die Massenproteste auf dem Prager Wenzelsplatz hören auch nach ihrer blutigen Niederschlagung nicht auf. Am 24. November 1989 tritt die Regierung zurück. Alexander Dubcek, Protagonist des „Prager Frühlings“ von 1968, wird Parlamentspräsident. Der Schriftsteller Vaclav Havel, erst Anfang des Jahres aus der Haft entlassen, wird zum Staatspräsidenten gewählt. Erstmals seit 1948 wird eine Regierung gebildet, in der die Kommunisten nicht die Mehrheit stellen.

Unter dem Druck der Gewerkschaft „Solidarität“ verzichtet Staatschef Jaruzelski auf den Alleinvertretungsanspruch der Kommunistischen Partei in Polen. Am „Runden Tisch“ einigen sich Regierung und Opposition auf politische und wirtschaftliche Reformen sowie die Wiederzulassung der Gewerkschaft „Solidarität“ nach siebenjährigem Verbot. Ihre politische Organisation gewinnt bei den Parlamentswahlen am 4. Juni 1989 jene 35 Prozent der Sitze, die in vorhergehenden Vereinbarungen nicht für die KP und ihre Bündnispartner reserviert wurden. Der Weg in die Demokratie ist damit auch in Polen gebahnt.

Das Ende der Volksrepublik Ungarn

In Ungarn leitet die Staats- und Parteiführung selbst politische Reformen ein. Als erster Staat des Ostblocks baut Ungarn seine Grenzbefestigungen ab. Die Kommunistische Partei beschließt ihre Selbstauflösung am 11. September 1989; eine neue Sozialistische Partei wird gegründet. Die Volksrepublik wird abgeschafft und die ersten freien Parlamentswahlen werden angesetzt.
Schwieriger Umbau der Sowjetunion

Bei den Wahlen zum neu geschaffenen Kongress der Volksdeputierten in der Sowjetunion werden zwei Drittel der Abgeordneten frei gewählt. Die Reformer tragen einen deutlichen Sieg davon. Erstmals kommt es in der Legislative zu erhitzten Debatten zwischen Reformern und Konservativen.
Die Sowjetrepubliken, vor allem im Baltikum und im Kaukasus, fordern derweil mehr Unabhängigkeit von Moskau. Bei Auseinandersetzungen zwischen den Nationalitäten gibt es Tote und Verletzte. Ein Streik von 300.000 Bergarbeitern in Sibirien wird zur ernsthaften Bedrohung für Gorbatschows Reformpolitik. Der Prozess der Umwandlung dauert über das Jahr 1989 hinaus an.

Ein bewegtes Jahr 1989

Der Dalai Lama erhält den Friedensnobelpreis, während in seiner Heimat Tibet die Bevölkerung von den chinesischen Besatzern zusammengeschossen wird.

Im Iran stirbt der Ayatollah Khomeini, verantwortlich für den Sturz des Schahs und für die Errichtung eines fundamentalistischen islamischen Regimes.

Die gewalttätige Reaktion der chinesischen Führung am 4. Juni 1989 auf die friedliche Versammlung von Studenten und anderen Sympathisanten, die auf dem Tiananmenplatz in Peking für Demokratie demonstrierten, fügt Chinas Ansehen in der Welt großen Schaden zu.

Alle Blätter der Weltgeschichte wenden sich eines Tages. Manche werden schmerzhaft langsam und gewalttätig gewendet, wie im ehemaligen Jugoslawien, andere jedoch im buchstäblichen Handumdrehen, wenn ein Volk sagt „Wir sind das Volk“ und hinzufügt: „Keine Gewalt“.