Mr. Dax: „Wenn die Politik verstünde, was passiert“

Zur aktuellen Lage der Krise im Finanz- und Wirtschaftssystem sprach die Epoch Times mit Dirk Müller, alias Mr. Dax, dem Börsenfachmann und wegen seiner klaren Aussagen geschätzten Finanz-Experten. Epoch Times: …

Zur aktuellen Lage der Krise im Finanz- und Wirtschaftssystem sprach die Epoch Times mit Dirk Müller, alias Mr. Dax, dem Börsenfachmann und wegen seiner klaren Aussagen geschätzten Finanz-Experten.

Epoch Times: Herr Müller, ist der Patient Griechenland nun gesund, nachdem er so viel heilenden Kredit aus dem Euroraum erhalten hat?
Dirk Müller: Mitnichten. Wir treiben ihn gerade in den Selbstmord; die Probleme Griechenlands hinsichtlich Struktur und Verschuldung sind damit ja nicht behoben. Was wir machen, ist, dass wir seit drei Jahren den Menschen erzählen, es wäre tödlich in die Krise hinein zu sparen, es wäre der Gang in den Abgrund und nun verlangen wir den Griechen genau das ab. Die sollen jetzt dramatischst in die Krise sparen. Die Folge kann nur ein kompletter Zusammenfall der griechischen Wirtschaft, eine Depression, hohe Arbeitslosigkeit sein – entsprechende Tumulte auf den Straßen. Wenn die griechische Regierung das überhaupt machen würde, könnte sie es gegen den Widerstand aus dem Volk einfach nicht durchhalten. Wenn die Pakete erst mal Wirkung zeigen, werden sie immens zunehmen! Es ist eine Katastrophe so etwas zu tun.
Stattdessen hätte man sagen müssen: Wir stehen zusammen, wir stehen für Griechenland, für Spanien ein, wir sind eine europäische Union, wir werden die griechischen Probleme in den nächsten Jahren langsam lösen. Griechenland hätte den Großteil seiner Wirtschafts- und Fiskalpolitik an Brüssel abgegeben, es hätte langsam umgebaut werden können, wie es die griechische Wirtschaft vertragen hätte.
Was jetzt aber getan wurde, kann nur in die Katastrophe führen. Ich habe den Verdacht, dass das, was in den letzten 24 Stunden entschieden wurde [teilweises Verbot von Leerverkäufen auf sinkende Kurse, Anm. der Red.] nichts anderes bedeutet, als dass man eine Insolvenz Griechenlands vorbereitet.
Epoch Times: Das heißt, Griechenland wird in Zukunft wohl noch mehr Geld brauchen?
Müller: Ich befürchte eher, dass die Schulden Griechenlands in den nächsten Tagen bis Wochen neu verhandelt werden könnten. Das bedeutet, dass das Rettungspaket für Griechenland vermutlich gar nicht zustande kommen wird. Beispielsweise könnten, die Zinsen auf bestehende griechische Staatsanleihen per Dekret auf 0 Prozent oder einen Inflationsausgleich herabgesetzt werden und die Laufzeit auf 30 Jahre verlängert. Die akuten Geldnöte und Zinszahlungen wären beruhigt, Griechenland könnte umstrukturiert werden. Für den Euro und die Märkte wäre das eine Katastrophe.
Die Notmaßnahmen der Bafin und der deutschen Regierung deuten aber auf eine große Nummer hin. Es kann durchaus sein, dass diese Bewegung vom IWF ausgeht, der ja sehr US-zentrisch ist, nach meiner Einschätzung kommen die Angriffe gegen den Euro ganz gezielt aus den USA, die wollen den Euro und damit Europa zerschießen. Wenn nun der amerikanische Senat vom Vetorecht der USA im IWF Gebrauch machte – der IWF wäre aus dem Spiel, das Rettungspaket wäre geplatzt, Griechenland in der Insolvenz. Das ist realistischerweise vorstellbar.
Epoch Times: Wie stehen die Dinge denn um die anderen PIGS-Länder, denen fehlen ja in den kommenden 10 Jahren ca. 1,8 Billionen Euro?

Müller: Dazu wird es nicht kommen. Ich glaube, dass in den nächsten 24 Monaten die gesamten Schulden der westlichen Welt neu verhandelt werden.
Epoch Times: Für einen Kredit braucht es ja drei Dinge: Einen willigen Schuldner, einen Geldgeber (Bank) und genug Eigenkapital bei dieser Bank. Endlos ist das Kreditvolumen von Banken also nicht?
Müller: Nein, ist es nicht. Wir sehen gerade ganz deutlich den Abzug von Kapital von südeuropäischen Banken nach England, in die Schweiz, nach Norwegen. Man flüchtet aus dem Euro-Raum, das sehen wir auch an der europäischen Währung. Damit haben diese Banken aber immer knappere Mittel, sie werden in größere Schwierigkeiten geraten. Man muss sehr aufpassen.
Epoch Times: Wer sind denn eigentlich die Spekulanten, die gegen den Euro wetten? Kann die Politik da nicht was tun, oder ist man völlig machtlos?
Müller: Die Politik könnte was dagegen tun, wenn sie verstünde was passiert – nach meinen Erkenntnissen sind sie außerdem zeitlich arg hinterher, reagieren anstatt zu agieren und auch das nur halbherzig.
Ich habe größte Sorgen, dass die Nummer schief geht. Man könnte schon was tun, z.B. die Spekulation eingrenzen. Momentan geht es aber eher darum den Euro und die EU zu retten. Dazu bräuchte es aber auch eine unabhängige Politik, die sich nicht von den Banken reinreden und die Gesetze von den Banken schreiben lässt. Solange das nicht der Fall ist, wird gegen Spekulationen in diesem Sinne auch nicht vorgegangen werden können.
Epoch Times: Werden der Euro und die EU erhalten bleiben können?
Müller: Theoretisch ist es möglich, dass sie erhalten bleiben, dazu müsste man zusammenstehen, eine europäische Union sein. Nicht nur eine Währungsunion, sondern auch eine politische. Aber dazu sind die Politiker im Gegensatz zur Bevölkerung noch nicht bereit, da sie an ihren Macht-Sesseln kleben. Die Zeit ist sehr knapp und wenn der Euro platzt, dann zerfällt die EU wieder in Einzelstaaten. Es scheint Interesse daran zu geben.
Epoch Times: Was spricht denn für eine kommende Deflation, oder halten Sie eine Inflation für wahrscheinlicher?
Müller: Einen zweiten deflationären Schock halte ich für das wahrscheinlichere Szenario, wenn die Märkte unter Druck kommen, wird jeder Geld brauchen, um seine Kredite zurückzuführen, da ein Großteil der Spekulationen auf Kredit läuft und diese zurückgeführt werden müssen. Genauso ist es bei ausfallenden Staatsanleihen, die auf Kredit gekauft wurden. Dafür wird dann querbeet verkauft, weil jeder Geld braucht. Die Sparpakete für Griechenland, auch die, die für Spanien, für Portugal, die in Deutschland kommen werden – das ist in diesem Zusammenhang ja in Diskussion –, werden dazu führen, dass weniger konsumiert wird. 70 Prozent unserer Exporte bleiben im Euroraum. Wenn wir alle sparen – an wen wollen wir denn dann verkaufen? Die Wirtschaft wird wieder absaufen.
Ich verstehe nicht, warum man so wahnsinnig ist und in die Krise hineinspart! Drei Jahre lang negiert man diese Zustände und macht nun exakt diesen Fehler. Die Folge kann nur ein deflationärer Schock sein.
Epoch Times: Sie empfehlen ja den Rückzug aus den Währungen, den Kauf von Rohstoffen, Aktien und Edelmetallen, die man dann mit Optionsscheinen versichert.
Müller: Absolut zwingend notwendig. Wir sehen, dass die Währungen in der Diskussion sind. Man sollte Sorge haben, dass die Währungen Bestand haben. In einer solchen Situation darf ich keine Währungen haben. Nur reale Werte sind da eine Alternative. Ein deflationärer Schock – von dem ich ausgehe – geht aber mit massiv fallenden Kursen einher. Da bleibt nichts anderes übrig, als diese Werte dennoch gegen fallende Kurse zu versichern. Nur so kann ich mein Kapital erhalten. Alles andere ist nicht möglich. Ohne Versicherung wäre das ein Wahnsinn, da ein Einbruch sehr realistisch ist, ich rede da von einem extrem großen Einbruch, nicht von einer kleinen Korrektur, sondern von dramatischen Verwerfungen an den Märkten. 4-5 Prozent meines Depotvolumens da für die Versicherung zu nutzen, halte ich für absolut notwendig.
Epoch Times: Sie sprachen es schon kurz an – was sagen Sie zum Verbot ungedeckter Leerverkäufe?
Müller: Das halte ich für absolut sinnvoll. Es kann nicht sein, dass mehr Aktien verkauft werden können, als überhaupt existieren und zwar beliebig viele. Damit kann ich jedes Unternehmen kontrollieren, also machen was ich will. Dass so etwas überhaupt erlaubt ist! Es ist ein Unding, dass ich mir etwas leihe, um es zu verkaufen. Wie das dann abläuft, ist die eine Sache. Es geht aber doch nicht, dass Dinge verkauft werden, die überhaupt nicht existieren.
Epoch Times: Womit soll denn der deutsche Export angekurbelt werden, wenn schon jetzt die europäischen Länder kaum noch kreditwürdig sind?
Müller: Sehr berechtigte Frage! Darauf habe ich keine Antwort. Die Binnennachfrage sollte unterstützt werden und zwar schon seit gestern. Europa sollte unter diesem Aspekt zusammengeführt werden, die Globalisierung sollte zurückgeführt werden – das kann doch so nicht sein, so grenzen- und zügellos. Außer großen Unternehmen ist damit niemandem gedient. Viele setzen auf den Aufschwung in China und in Asien. Gerade mal 5 Prozent unserer Exporte gehen nach China, also so viel wie in die Schweiz. Selbst wenn China jetzt 50 Prozent mehr einkaufen würde, also 7,5 Prozent, das deckt ja nicht ansatzweise, was in Europa verloren geht. Darauf sollte man also nicht bauen. Dazu kommt noch, dass China vermutlich kein Interesse hat zu importieren. Die wollen doch nicht, dass Europa und der Westen vom eigenen Aufschwung profitieren, den sie für die eigenen 1,3 Milliarden Einwohner benötigen.
Epoch Times: Die Chinesen exportieren doch jetzt schon mehr, als sie aus dem Westen importieren, die haben auch besseres zu tun, als den Markt zu öffnen.
Müller: Genau. China ist aus meiner Sicht gerade an dem Punkt angekommen – das wissen Sie ja sicher besser als ich – dass die Binnennachfrage so groß wird, dass man für die eigenen Leute produziert und nicht unbedingt auf Export angewiesen ist.
Epoch Times: Bei China sind wir immer eher skeptisch – es ist eine eigene Welt. Noch einmal zurück zur Globalisierung. Diese wieder zurückzuführen – sie sind ja an der Börse tätig – so verschränkt wie die Kapitalmärkte heutzutage sind, ist es doch unmöglich, diese wieder voneinander zu lösen?
Müller: Naja, die Globalisierung ist ja kein gottgebenes Werk, was vom Himmel gefallen ist, wie eine Naturkatastrophe. Sie ist aus politischen Entscheidungen entstanden und diese kann man neu beurteilen, um sie in neue Bahnen zu lenken. Ich bin absolut dafür, dass die Welt zusammenwächst und sich alle liebhaben, aber das muss in vernünftigem Tempo und auf Augenhöhe passieren. Schleusen muss man langsam fluten, nicht einfach den Staudamm einreißen.
Epoch Times: Sie haben von einem möglichen Reset des aktuellen Wirtschafts- und Finanzsystems gesprochen. Denken Sie, es wäre gut, das eher heute als morgen zu haben oder wäre das eher katastrophal?
Müller: Es muss kommen und es wird passieren! Wir sehen, dass wir immer abhängiger werden von Asien und China, die kaufen immer noch die US-Staatsanleihen. China hat jederzeit die Möglichkeit das zu beenden und zu sagen: „Gentlemen, we don´t buy American T-Bond [am. Staatsanleihen, Anm. der Red.] anymore“. Das würde die chinesischen Bestände schmerzhaft treffen, wäre aber für China nicht final. In dem Rahmen, in dem die amerikanischen Anleihen nach China wandern, wandert auch der Macht-Stab nach China. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Amerika sehenden Auges in diese Falle tappt. Die sagen nicht: „Wir hatten 200 Jahre Spaß – jetzt dürft ihr mal.“ Bei den Amerikanern kann ich mir das offen gesagt nicht vorstellen.
Die einzige Konsequenz kann nur sein: Die westlichen Staaten kommen von Monat zu Monat mehr und mehr in die Handlungsunfähigkeit bei der Verschuldung und der Zinslast. Die einzige Konsequenz kann eigentlich nur sein, dass in einem konzertierten Schritt in den nächsten 24 Monaten die Schulden komplett neu verhandelt, die Anleihen auf z.B. 30 Jahre verlängert und die Zinsen der bestehenden Anleihen auf Inflationsausgleich herabgesetzt würden. Die Folgen wären Handlungsspielraum der Staaten – alleine Deutschland hätte 75 Milliarden Zinslast pro Jahr weniger, es würde wieder einen Boom geben und die Amerikaner hätten ihre Macht erhalten.
Vorbereitet sind die Amerikaner, sie haben die Banken, die Autoindustrie, die Versicherer auf Kosten des Staates saniert – es fehlt nur dieser letzte Schritt unter Chapter 11 [Insolvenzrecht der Vereinigten Staaten, Anm. der Red.]. Ich glaube aber auch, dass China diese Gefahr erkennt und sehr realistisch einschätzt.
Epoch Times: Die Chinesen wissen das vermutlich, dass wenn der amerikanische Markt einbricht und die chinesischen Produkte, die eben oft nicht aus dem High-Tech-Sektor kommen, nicht mehr abgesetzt werden, sie selbst in Probleme kommen. Sie werden die USA daher vermutlich nicht über die Klinge springen lassen.
Müller: Aus westlicher Sicht wäre es das einzig Sinnvolle.
Epoch Times: Wie groß ist denn die Rolle der deutschen Banken bei den ganzen Währungsspekulationen, die derzeit ablaufen?
Müller: Wer da welches Süppchen kocht, lässt sich schwer sagen. Das ist für mich schwer abzuschätzen. Die wetten vielleicht mit, weil es der Trend ist, aber konzentriert kamen die Angriffe aus Übersee.
Epoch Times: Was ist eigentlich aus dem 750 Milliarden EZB-Paket geworden, sind die schon in den Markt geflossen? Oder hat man mit salbungsvollen Worten den Markt nur beruhigt?
Müller: Nein, nichts ist geflossen. Die Zweckgesellschaft muss erstmal gegründet werden, das wird man schon machen. Wenn allerdings die Amerikaner im IWF ein Veto einlegen, brauchen wir darüber nicht mehr zu diskutieren (lacht).
Epoch Times: Wie erklären sie Ihren Kindern den Schuldenberg, den sie später besteigen müssen?
Müller: Den muss ich nicht erklären. Meiner Meinung nach existiert der in zwei Jahren nicht mehr.
Epoch Times: Glauben Sie, dass unsere Politiker das Prinzip des Zinseszins verstanden haben?
Müller: Nein, eindeutiges Nein. Ein Großteil der Politiker hat es nicht verstanden (lacht).
Epoch Times: Herr Müller, wir bedanken uns für das Gespräch.
Das Interview führten Florian Godovits und Jacob Porstmann
Dirk Müller betreibt unter www.cashkurs.com eine eigene Homepage mit Hintergrundinformationen und – wie er betont, nicht nur schlechten – Nachrichten zur aktuellen Situation. Crashkurs – Das Taschenbuch von Dirk Müller ist dort online zu bestellen

Foto: Ethos GmbH

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