Unliebsame Schulrealität ausgesprochen: Ministerium erteilt mutiger Direktorin "Maulkorb"

Epoch Times, Freitag, 18. März 2016 12:50
Ihre Schule hat einen Anteil von 98 Prozent Kindern mit nicht deutscher Muttersprache. Für ein Drittel von ihnen sieht die Direktorin eine Sozialhilfe-Karriere vorgezeichnet. Das SPÖ-geführte Bildungsministerium verordnete der langjährigen Pädagogin Schweigepflicht, da sie keine Ahnung habe, so das Ministerium. Kein Einzelfall in Österreich.
Sprachmängel als Armutsfalle? Sind Sprachdefizite und ein Bildungssystem, das zu viele Kinder chancenlos zurücklässt, eine tickende soziale Zeitbombe, wie befürchtet? (Symbolbild)
Sprachmängel als Armutsfalle? Sind Sprachdefizite und ein Bildungssystem, das zu viele Kinder chancenlos zurücklässt, eine tickende soziale Zeitbombe, wie befürchtet? (Symbolbild)
Foto: Andreas Rentz/Getty Images

"Das passiert immer wieder. Es ist nicht erwünscht, die Wahrheit zu sagen, wenn jemand die heile Welt am Minoritenplatz [Standort des Bildungsministeriums] durcheinanderbringt", ärgert sich Paul Kimberger, Chef der Lehrergewerkschaft.

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"Aber sollte die Direktorin irgendwas disziplinarrechtlich zu befürchten haben, werden wir wenn nötig bis zum Höchstgericht gehen. Das ist einfach nur skandalös." Die Schule sei "alles andere als ein Einzelfall, sondern in Abstufungen an vielen Schulstandorten Realität", zitiert der "Kurier" Kimberger.

Auch der Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus (FPÖ) bezeichnete den Maulkorberlass des von Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) geführten Bildungs- und Frauenministeriums als "Skandal, der mich an die dunkelsten Zeiten des tiefsten Real-Sozialismus erinnert." Der Direktorin nach 40 Jahren im schulischen Bereich Ahnungslosigkeit vorzuwerfen empfinde er als "erbärmlich". Statt sich in Einsicht zu üben, würden betroffene zum Schweigen gebracht.

Die Wahrheit als "corpus delicti"

Der am Dienstag kritisierte Kurier-Artikel erschien am Sonntag, 13. März und endete, vielleicht der Auslöser der bildungsministeriellen Kritik, mit einem Zitat der Schuldirektorin Andrea Walach: "Die starren Strukturen und Vorgaben der Schulpolitik verhindern die bestmögliche Ausbildung der Kinder, weil die verantwortlichen Politiker keine Ahnung haben, wie es in Wirklichkeit an den Schulen zugeht." 

Über den Umweg des Schulinspektoren wurde das Schreiben an Andrea Walach weitergeleitet. "Inhaltlich geht es darum, dass der Schulinspektor mich belehren möge. Und wenn ich so wenig Ahnung hätte, sollte ich mich hüten, in der Öffentlichkeit etwas kundzutun", so die Direktorin. "Ich bin derzeit in meinem vierzigsten Dienstjahr, davon siebzehn Jahre als Direktorin. Ich denke, ich habe eine ganze Menge Ahnung." 

Der "Kurier" fragte bei Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek nach: "Maulkorb-Erlässe" würden grundsätzlich nicht erteilt, hieß es aus dem Büro der abwesenden Ministerin, die bis Ende der Woche bei der UNO-Frauenstatuskommission in New York verweilt. 

Die Situation der NMS Gassergasse

Der Auslöser: Der österreichischen "Kurier" richtete eine Anfrage an den Stadtschulrat, um eine Reportage über eine Neue Mittelschule (NMS) in Wien machen zu können. In Absprache fiel die Wahl auf die NMS Gassergasse im Stadtbezirk Margareten. Der Bezirk hat einen hohen Migrantenanteil.

Hier ist Andrea Walach Direktorin. Sie erklärt ihr Dilemma: An ihrer Schule würden die Lehrer ihr Bestes geben. Allerdings seien die Defizite einiger Schüler so groß, dass sie auch nach dem Ende der Schulpflicht (8. Schulstufe, Regelalter 14 Jahre) Deutsch nur in Satzfragmenten sprechen und kaum Lesen, Schreiben und Rechnen könnten.

Aus Direktorin Walachs Erfahrung heraus seien ein Drittel der Schüler "leider nicht vermittelbar", was ihren weiteren Lebensweg vorzeichnet: Ende der Schulpflicht, vergebliche Suche nach einem Lehrplatz, AMS-Kurse [Arbeitsmarktservice], Sozialhilfe.

Eine "verlorene Generation"

Die Pädagogin ist alles andere als optimistisch, nennt es "eine verlorene Generation". Als Hauptgrund sieht sie massiv fehlende Deutschkenntnisse, so der "Kurier".

Der Artikel vom Sonntag fing mit einer Schilderung der morgendlichen Eindrücke auf dem Pausenhof an: "Kurz nach halb acht Uhr morgens herrscht vor der Schule ein freundlich-babylonisches Sprachengewirr. Wenig später ist Einlass, die Schüler zwischen 10 und 15 Jahren sausen ins Schulgebäude, das offen und einladend wirkt. Die Direktorin, die im ersten Stock wartet, wird höflich gegrüßt", so das Blatt.

Der Anteil nicht deutscher Muttersprachler ist in der Schule besonders hoch: 98 Prozent. Das ist sogar deutlich höher als der Wiener Schnitt, der bei rund 74 Prozent liegt. Wie die Direktorin sagt, sind hier viele Nationen vertreten: "Serben, Polen, Türken, Somali, Iraker, Syrer, Bosnier, Inder, Tschetschenen, Albaner, Ungarn, Slowaken. Ganz so wie Wiens Bevölkerung."

Dabei sei nicht bei allen der 250 Kinder die Hoffnung verloren. Die Direktorin findet, dass ein Drittel gute Chancen hat, später in höheren Schulen unterzukommen, in Handelsschulen, Handelsakademien oder in Oberstufengymnasien. "Oft schafft es ein Kind jedes Jahrgangs sogar auf die Uni", so Walach, seit 1999 Direktorin an der Schule.

Bei einem weiteren Drittel könne schon als großer Erfolg verbucht werden, wenn die Kinder eine Lehrstelle finden und auch behalten.

Mangelhafte Deutschkenntnisse

Das restliche Drittel sei "leider nicht vermittelbar". Oft würden die Kinder aus Sozialhilfe-Familien stammen. Das größte Problem seien mangelnde Deutschkenntnisse. Eine Stunde Deutsch pro Schultag würden nicht reichen, sagen auch die Lehrer. Da helfe auch die VHS-Nachhilfe nicht viel.

Nach fünf bis sechs Unterrichtsstunden übernimmt ein VHS-Lehrer die Kinder für zwei Lerneinheiten von je eineinhalb Stunden. "Die verstehen nur leider nicht, wie die Kinder ticken, und werden deshalb nicht respektiert. So klappt das nicht", ärgert sich Direktorin Walach.

Elternhaus als Armutsfalle

Nach neun Schuljahren würden junge Menschen noch nicht einmal die einfachsten Kulturtechniken beherrschen. Zentraler Faktor sei dabei das Elternhaus und die dortigen Sprachvorbilder.

Viele Schüler würden ohnehin in zwei Welten leben - klare Regeln und Gleichberechtigung in der Schule, daheim aber oft soziale Not, Gewalt, Regression.

US-Wissenschaftler fanden einen signifikanten Unterschied zwischen bildungsarmen und bildungsaffinen Familien heraus. Sie zählten dazu die Wörter, die Kinder bis zum 3. Lebensjahr wahrnehmen. Im Ergebnis würden behütete Kinder 30 Millionen Wörter mehr hören, was ein gewaltiger Unterschied wäre, den Kindergarten und Halbtagsschule nur schwer ausbügeln könnten, so der "Kurier".

Niemand kläre Mütter und Väter auf, wie wichtig es wäre, mit den Kindern zu reden oder ihnen vorzulesen. Viele würden auch nicht Bildung und Schule als Mittel des sozialen Aufstiegs sehen. Es gebe Familien, die seit Generationen von Sozialhilfe und Kindergeld leben - und sich damit begnügen würden. In Deutschland hieße dieses Phänomen "Hartz-IV-Generation".

Dabei war es früher selbstverständlich, dass sich Arbeiter um die eigene Bildung und die der Kinder bemühen. Offenbar habe sich diese Einstellung geändert.

Orientierung am Kind statt an Ideologien

"Sprachdefizite und ein Bildungssystem, das zu viele Kinder chancenlos zurücklässt, sind eine tickende soziale Zeitbombe", kritisierte der ursprüngliche Artikel im "Kurier". Dabei könne eine Ganztagsschule ausgleichend wirken, eine Schule, "in der intensive Beziehungsarbeit zwischen Pädagogen und Schülern geleistet" werde, so das Blatt.

Dies sei der wichtigste Faktor für den Lernerfolg. Die Schule könne das aber mit den gegebenen Strukturen nicht leisten. "Nötig wären ideologiefreie Konzepte, die Schulen vor Ort zutrauen, aus jedem Schüler das Beste herauszuholen", so der "Kurier" wörtlich.

Ein Schuldirektor, der sich in der Pension um Jugendliche kümmere, zitierte einen Firmenchef: "Wir nehmen sofort einen Lehrling, wenn er nur Bitte, Danke sagen und grüßen kann. Alles andere werden wir ihm irgendwie beibringen. Aber so einen Lehrlingsaspiranten zu finden wird immer schwieriger." (sm) 

Schlagworte

Schule, Migration, Maulkorb

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