Der MI6 glaubt, Syrien ist bereit, seine engen Bindungen zum Iran zu brechen

Nach geheimen Gesprächen auf dem Paris-Gipfel für den Mittelmeerraum

London. Der britische Geheimdienst MI6 hat eröffnet, geheime Hinterzimmertreffen auf dem Paris-Gipfel für den Mittelmeerraum Anfang Juli 2008, könnten zu einer dramatischen Machtverschiebung im Mittleren Osten geführt haben.

Auf den Treffen, an denen syrische, spanische, italienische und israelische Geheimdienstchefs teilgenommen hatten, trat zutage, dass Pläne für einen Angriff auf Irans Nuklearanlagen diese nicht zerstören könnten, da kein westlicher Geheimdienst – der Mossad eingeschlossen – weiß, wo sich die Anlagen jeweils befinden.

Während der außerhalb-der-Konferenz-Treffen zwischen den Geheimdienstchefs kam heraus, dass es Sicherheitslücken bezüglich der genauen Lokalisierung und Schwachstellen der iranischen Nuklearkomplexe gibt.

Am Ende eines der Treffen bestärkte Alon Liel, ein früherer Leiter des israelischen Außenministeriums, Israel habe sich bereits “über viele Monate in zurückhaltenden zweigleisigen Gesprächen” mit Syrien engagiert.

Schlüssel zum Fortgang jener Gespräche war, ob Syrien bereit wäre, seine engen Beziehungen zum Iran für finanzelle und militärische Hilfe aus den USA an Damaskus aufgeben. Liel stellte klar, dass jegliche Verhandlung mit Syrien die Beendigung der Unterstützung militärischer Gruppen wie der palästinensischen Hamas und der Libanesischen Hezbollah – beide unterstützt vom Iran – erfordere.

Ebenso wurde klargestellt, dass Verhandlungen mit Syrien wahrscheinlich nicht stattfinden dürften, bevor das Weiße Haus keinen neuen Präsidenten habe.

Ein Anzeichen, wie weit die Hinterzimmertreffen vorangeschritten waren, kam vom türkischen Außenminister, Ali Babacan, der sagte, es habe “reale Fortschritte gegeben bei formellen Gesprächen zwischen Tel Aviv und Damaskus”.

Sowohl der israelische Premierminister, Ehud Olmert, als auch seine Außenministerin, Tzipi Livni – die selbst eine frühere Mossad-Offizierin ist – saßen Seite an Seite mit ihren syrischen Kontrahenten, Präsident Assad und seinem Außenminister, Walid al-Muallim.

Olmert erkannte vor der Öffentlichkeit an, dass die Zeit “für direkte Gespräche schnell herannahe”.

Was diese dramatische Änderung zwischen zwei alten Feinden antrieb, war, dass die an den Hinterzimmertreffen teilnehmenden Geheimdienstchefs zum ersten Mal über präzise Details vom Anschlag im September vorigen Jahres auf Syriens Fabrik erfuhren, die waffenfähiges Plutonium anreichert.

Die bis heute nicht erzählte Geschichte dieses Anschlags ist gleichermaßen dramatisch wie jeder frühere gewagte und erfolgreiche Militärschlag Israels.

Es begann am 2. September 2007, als die frühe Morgensonne die rostbefleckte Außenschale eines 1.700-Tonnen-Frachters einfing, der langsam in den Mittelmeerhafen von Tartous in Syrien eindampfte. An seinem Mast wehte die Flagge von Südkorea und das Achterschiff zierte die al-Hamed, die in Inchon, einem der Haupthäfen den Landes, registriert ist.

Es war ein Mann mit dem dunkelhäutigen Gesicht eines Kurden oder eines Sumpf-Arabers aus dem Irak, der aus einiger Entfernung beobachtete, wie das Schiff zu seiner Anlegestelle manövriert wurde. Er sprach beide Sprachen fließend, dazu noch einige Dialekte aus Afghanistan. In Wahrheit war er ein in der Türkei geborener Jude, der, um dem Leben eines Teppichverkäufers im Familienbetrieb in Istanbul aus dem Weg zu gehen, nach Israel ging, dort als Übersetzer in der Armee diente und schließlich die Ambition seines Lebens erreichte, beim Mossad zu arbeiten. 15 Jahre später wurde er mit einer seiner brilliantesten Operationen gewürdigt. Zu jener Zeit hatte er bereits in einem Duzent Ländern unter ebenso vielen Decknamen operiert, hatte seine sprachlichen Fertigkeiten und Chamäleon-artigen Charakteristika benutzt, um jede Gemeinschaft, in die er auch entsendet wurde zu überwachen und in dieselbe hineinzuschlüpfen.

Für den jetzigen Moment war sein Codename Kamal, mit einem perfekt gefälschten iranischen Pass in seinem Geldbeutel. Mossad-Chef, Meir Dagan, hatte ihm die Wichtigkeit seiner Mission dargelegt: Die Rolle der al-Hamed in der gefährlichen Verbindung, die das syrische Regime von Bashar al-Assad mit Nordkorea eingegangen war, zu untermauern.

Kamal hatte bereits bevor er Tel Aviv verließ gewusst, dass das Schiff aus Nampo, einem Hafen in Mordkorea, im Hochsicherheitsgebiet südlich der Hauptstadt Pyongyang gekommen war. Ein NASA-Satellit hatte es gezeigt, wie es ins Gelbe Meer hinaus aufgebrauchen war zu seiner Reise, die es über den Indischen Ozean und durch die Straße von Gibraltar, um das Kap der guten Hoffnung den Atlantik hoch in den Hafen von Tartous führte. Nach einem Teil der Reise hatte es auf See seine Flagge gewechselt und die Crew hatte auf Achtern als Registrierungshafen Inchon aufgepinselt. Die Neuigkeit ihrer Arbeit stach offensichtlich ins Auge im Gegensatz zu dem eintönigen Grau vom Rest des Schiffsrumpfes.

Durch einen Kontakt im Hafenamt konnte er das Ladeverzeichnis der al-Hamed einsehen, und alle Tage hatte er Lastwagen beobachtet, wie sie mit dem Zement, der aufgelistet war, beladen wurden. Dann, als sie Sonne zu scheinen begann, erreichten Militärlaster den Hafen und von Schiffskränen wurden Kisten unter starken Planen vervorgehoben und von Soldaten in die Trucks befördert. Mit einer hochauflösenden Kamera, nicht größer als seine Handfläche, fotografierte Kamal den Transfer. Als er fertig war, steckte er einen Knopf auf die Kamera und schickte die Bilder an eine Empfängerstation innerhalb der israelischen Grenze mit Libanon. Eine Stunde später waren sie im Hauptquartier des Mossad.

Dann wusste Kamal, sein Trip hatte alles erreicht, was sich Meir Dagan erhofft hatte. Auch wenn er nicht in die Kisten sehen konnte, wusste der Spion intuitiv, die Stahlcontainer enthielten waffenfähiges Plutionium, das Element, das beim amerikanischen Atomangriff zum Einsatz gekommen war, der am 9. August 1945 die japanische Stadt Nagasaki zerstört hatte. In seinem Einsatzauftrag war Kamal von Professer Uzi Even, der bei der Entwicklung von Israels eigener Nuklearanlage in Dimona behilflich war, unterrichtet worden, dass das Plutonium in seiner Rohform einfach als Klumpen in bleigeschützten Rollen transportiert werden konnte und das Formen und Gießen des Materials in Syrien erfolgen würde.

Nun, an diesem warmen Septembertag, fast 52 Tage nachdem Nagasaki zerstört worden war, wurde ausreichend Plutonium nach Syrien geliefert, um ein ganzes Land zerstören zu können, seinen Nachbar, Israel.

*

Kurz vor Mittag, am 4. September 2007, fuhren einige Autos an der Konzerthalle des Israel-Philharmonie-Orchesters in Tel Aviv vorbei, und erreichten das schwer gewachte Hauptquartier von Generalmajor Eliezer Shkedy, Luftwaffenkommandeur des Landes. Als Kampfpilot hatte er sich einen guten Ruf erworben für waghalsige Taktiken, gepaart mit einem kühlen analytischen Verstand. Seine Spezialität war das Fliegen gefährlich nahe am Boden, die Maschine zwischen Bergspitzen und Erhebungen hindurchmanövrierend, dann himmelwärtsrasend auf Zehnttausend Fuß. Sich vor dem Eintauchen nach dem Ziel der Schallgrenze annähernd, schaltete sich sein Waffensystem an, flogen seine Augen zwischen den Koordinaten seiner Frontanzeige, dem Bombenvisier und dem Ziel hin und her. Die Waffen entlassen, würde er radikal abdrehen – das Kreischen des Flugkörpers durch die Beanspruchung wie ein Todesheulton – würde er abermals Richtung Himmel rasen. Vom Sinkflug-Angriff bis zu seinem zweiten Aufstieg würde er nur zwei Sekunden brauchen.

Die vorangegangene Woche hatte Shkedy für eine noch nie dagewesene Operation gerüstet, die jene Taktiken erforderte, ausgeführt von handverlesenen von ihm selber ausgewählten Piloten, deren Flugkünste den seinen entsprachen. Aber sie würden nicht den F16-Jagdflieger fliegen, den er einst kommandiert hatte, sondern Israels neuesten Jet, den F-151. Geflogen mit nahezu doppelter Schallgeschwindigkeit und fähig, eine 500-Pfund-Panzersprengbombe freizusetzen, war das der beeindruckendste Jagdflieger der israelischen Luftwaffe.

Über Wochen hatten die Piloten die Muskelfleisch-plattdrückende G-Force der rechtwinkligen Wendungen, Sturz- und Steigflug, schmale Kreise fliegen, das IP, Zielpunkt, Durchführen von Bombenabschüssen im 30-Grad-Winkel-Sturzflug, im Programm. Durchgeführt in pechschwarzer Nacht in der Negevwüste. Am Anfang waren viele der Blindbomben weit vom IP gefallen, aber schnell landeten sie innerhalb und eine gute Anzahl traf ins Schwarze. Shkedy nannte sie “meine Top Guns” – auch wenn sie mit den Top-Gun-Piloten der Hollywood-Version wenig gemein hatten. Seine Flieger waren einmalig im Charakter, führten ruhige Leben, ohne Partys und hatten Tag und Nacht trainiert, bis sie schließlich den Befehl erhalten würden, taktische Flüge gegen den Iran zu fliegen. Jene Angrife würden, wie man ihnen zuvor gesagt hatte, in der Morgen- oder Abenddämmerung stattfinden. Aber alles, was sie bis jetzt  dahin über den Einsatz, für den sie seit Wochen trainierten, wussten, war, dass er sich in dunkler Nacht abspielen sollte. Niemand hatte ihnen bis dahin genaueres mitgeteilt über Zeit und Ort, und so begnügten sie sich mit dem, was sie wussten. Neugierde gehöhrte nicht zu ihren Charakterzügen.

*

Während F-151-Doppelnachbrenner über der verlassenen nächtlichen Landschaft glimmten und die Piloten ihre Blindbomben abwarfen, die mit weißem Phosphorrauch an ihrem Einschlagpunkt am Boden explodierten, um ihren akkuraten Niedergang festzuhalten, studierte Shkedys Stab im Komplex in Tel Aviv die Annäherung an das Ziel und besprach die Vorkehrungsmaßnahmen, die jede F-151 zu treffen hatte, von dem Moment an, an dem ihr Pilot den roten Knopf drückte zum Entlassen der Bombe. Die Zeit, die sie über dem akutellen Ziel, TOT, verweilten, dürfte zwei bis vier Sekunden ausmachen. In dieser Zeitspanne dürfte die F-151 gefährlich nahe zum Boden absinken, dem Piloten eine Sekunde geben, seinen Nachbrenner zu zünden, um hochzukommen und dem “Spitterfeld” zu entkommen, den tödlichen Metallfragmenten exposiven Materials, die einer Detonation folgten. Das Schrapnell einer Bombe kann sich in sieben Sekunden dreitausend Fuß weit ausbreiten und auch wenn für das Flugzeug das Zielgebiet klar ist, könnte es sich aufblasen und andere Piloten, die sich in unterschiedlichen Etappen ihrer Bombenaschüsse befänden, könnten in einen Vorhang von tädlichen Fragmenten fliegen. Um das zu vermeiden, müsste jeder Pilot nach dem Bombardement, während er eine radikale 90-Grad-Wende weg vom Einschlagpunkt durchführte, einen Explosionsdruck auf den Körper von acht Gs aushalten, und auf 30.000 Fuß hochsteigen, um Bodenreketen zu entgehen.

Um die genaue Distanz vom Start bis zum Ziel und den exakten Winkel für den Angriff kalkulieren zu können, wälzten die Planer Computergrafiken, Satellitenbilder und physikalische Tabellen. Die Bombe würde das Dach des Zieles durchboren, bevor sie im Innern explodierte, das Dach würde einen Moment als Schild dienen, das Splitterfeld um 30 bis 40 Prozent reduzieren. Um die Flugzeuge üder dem Ziel noch weitgehender schützen zu können, würde man die laser-gesteuerten Bomben mit einem Verzögerungszünder ausstatten, zwei weitere wertvolle Sekungen Spielraum vor der Detonation.

Als die Distanz zum Ziel feststand, wusste man, jede F-151 müsste zwei zusätzliche Treibstofftanks mitführen, unter jedem Flügel einen. Gefüllt mit fünfhundert Gallonen Treibstoff, brachte dem Flugzeig jeder Tank ein zusätzliches Gewicht von 3.000 Pfund ein. Das erforderte weitere komplexe Kalkulationen: den exakten Punkt, von dem aus der Sturzflug zur Bombardierung beginnen würde und die Flughöhe, bei der das Geschütz abgefeuert würde.

Ende August, als die al-Hamed die Straße von Gibraltar passierte, flog General Shkedy zur Basis des 69. Geschwaders im Negev; das 69. Geschwader waren die vordersten Luftstreitkräfte der Luftwaffe, trainiert für den Angriff auf den Iran. Auf Shkedy warteten Im Einsatzbesprechungsraum des Flugplatzes die fünf Piloten, die er für den Angriff ausgewählt hatte. Mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren kamen viele aus Familien, in denen es Holocaust-Überlebende gab, wie Shkedy selbst.

Für ihn stellten die Piloten eine Art Adel dar, gemessen an ihrer Jugend; hinter ihrem entspannten und offenen Auftreten war Härte zu lesen. Das erste Mal war er zu ihnen geflogen, um vor Beginn ihres Spezialtrainings zu ihnen zu sprechen und hatte begonnen, ihnen zu erzählen, dass sie für einen Luft-Boden-Einsatz, die militärische Bezeichnung für die Bombardierung eines Bodenzieles, ausgewählt worden seien. Er hatte in ihre Gesichter geschaut und war froh, keine Emotion darin zu sehen. Keiner hatte auf die große Wandkarte des Mittleren Ostens gesehen. Gleichwohl sah er voraus, jeder von ihnen würde in Gedanken das voraussichtliche Profil des Auftrages durchspielen; ein bodennaher Flug zum Ziel, dann eine Rückkehr auf einen hohen Level, gut möglich bei Gegenwind. Im Mittleren Osten kommt der Wind meistens von Osten, bläst herein vom Mittelmeer. Es könnte der Iran sein. Aber sie hatten ihn damals nicht gefragt und sie taten es auch nicht an jenem späten Augustmorgen, als Shkedy sie abermals im Besprechungsraum aufsuchte.

Er stand vor einem Plasmabildschirm und schaltete ihn mit einem Schalter an. Zum ersten Mal sahen die Piloten das Ziel; ein Komplex tief im Innern von Syrien, fast hundert Meilen nordöstlich von Damaskus. Er erklärte, es gäbe “gute und ausreichende Information” zur Zerstörung des Komplexes, in dem die Syrier Nuklearbomben herstellen würden. Er wartete auf das Flimmerzeichen, schaltete weiter. Unter dem Deckmantel eines landwirtschaftlichen Forschungszentrums war der Komplex bereits im Einsatz zur Gewinnung von Uran aus Phospaten. Demnächst würde waffenfähiges Plutonium aus Nordkorea eintreffen. Er erzählte ihnen, der israelische Satellit Ofek-7, der erst vor zwei Monaten installiert wurde, wäre zur Beobachtung der Aktivitäten am Komplex nahe der kleinen syrischen Stadt Dayr az-Zawr in Position gebracht worden. Er zeigte die Position auf dem Bildschirm. Keine Bomben müssten auf Zivilisten fallen.

Dann wechselte Shkedy zur Route in und heraus aus dem Zielgebiet. Die Flugzeuge würden an der syrischen Küste entlangfliegen und seinen Luftraum im letzten Moment im Norden bei der Hafenstadt Samadagi betreten und dann der Grenze mit der Türkei folgen. Dort wo der Euphrat seine lange Reise südlich in den Irak beginnt, würde die Angriffswaffe nach Süden fliegen zur syrischen Wüstenstadt ar-Raqqah, hinter ihr würde der Bombenanflug beginnen. Der Weg hinaus würde ein direkter Flug in großer Höhe zwischen den syrischen Städten Hims und Hamah hindurch zum Mittelmeer sein. Über die Küste des Libanon würden sie nach Süden drehen und zur Basis zurückkehren. Die gesamte Mission sollte 80 Minuten dauern. Sollte es zu einem Zwischenfall kommen, würden Rettungsbarkassen der Navi außerhalb der syrischen Küste stationiert.

Er beendete die Besprechung mit den Worten, der Angriff würde in den frühen Morgenstunden stattfinden und es würde “bald” sein. Noch einen Moment betrachtete der Kommandeur der Luftstreitkräfte die kleine Gruppe Piloten. Vielleicht weil er ihre Sorge spürte, fügte er noch hinzu, dass alles unternommen würde, um sicherzustellen, dass Syriens geprießene Luftverteidigung eingeklemmt wäre. Er sagte nicht wie und niemand fragte. Das war ein Zeichen des Respekts und des Vertrauens, das sie hatten gegenüber General Eliezer Shkedy.

*

Der Beginn der Geschichte war eine starke Explosion auf einem Nordkoreanischen Güterzug in Fahrtrichtung zum Hafen von Nampo am 22. April 2004. Agenten des Mossad hatten vernommen, dass sich in einem Abteil, an das ein abgdichteter Waggon angrenzte, ein Duzend syrischer Nukleartechniker befänden, die am iranischen Nuklearprogramm in Natanz, nahe Tehran gearbeitet hatten und nach Nordkorea gekommen waren, um spaltbares Material, das sich in dem Waggon befand abzuholen. Ihre Leichen wurden in bleiummantelten Särgen an Bord einer syrischen Militärmaschine nach Hause geflogen. Danach war ein großes Gebiet um die Unfallstelle abgesperrt worden und eine Menge nordkoreanischer Soldaten in Strahlenschutzkleidung hatten Tage damit verbracht, Wrackteile zu bergen und das gesamte Gebiet zu besprühen. Mossad-Analysten vermuteten, dass sie einige der geschätzten 55 Kilogramm des waffenfähigen Plutoniums, das Nordkorea besaß, bargen. Seit dem Crasch – seine Ursache wurde nie abgeschätzt – hatte der Geheimdienst syrischen Militärangestellten und Wissenschaftlern auf einem Duzent Trips nach Pyongyang nachgespürt, wo sie sich mit hochrangigen Vertretern des Regimes trafen. Das letzte Treffen fand statt, kurz bevor die al-Hamed Nampo verließ.

Es waren Kamals Bericht und fotografische Belege über die Ankunft und das Umladen des Schiffes, die den Fokus beim Treffen in General Shkedys Hauptquartier am 4. September 2007 bildeten. Den Lagebesprechungsraum des Kommandeurs der Luftstreitkräfte füllten große, über zwei Wände gehende, Plasmabildschirme aus. Einer zeigte eine Vergrößerung des Schiffes und die versteckten Kisten, wie sie entladen und weggefahren wurden. Ein zweiter zeigte den Ort Dayr az-Zawr. Auf einem dritten Bildschirm war ein Satellitenbild eines großen viereckigen Gebäudes, umgeben von mehreren kleineren, und ein Sicherheitszaun zu sehen. Das Gebiet wurde identifiziert mit dem Wort: “Ziel”.

Um den Konferenztisch mit Premierminister Ehud Olmert saßen die anderen Schlüsselspieler der Operation mit dem Codenamen “Sunburst”. Für Olmert war es eine weitere Prüfung um den Fortbestand seiner Macht. Vor einem Jahr war er nahe daran gewesen, seines Amts enthoben zu werden, nach dem Debakel um den Krieg im Libanon, als er verteufelt wurde als der inkompetenteste Führer, den Israel je hatte. Er hatte zurückgeschlagen, Ehud Barak zu seinen neuen Verteidigungsminister und Tzipi Livni zur neuen Außenministerin erannt. Beide flankierten ihn nun am Tisch, was Olmert die nötige politische Unterstüzung verschaffte, die er für Sunburst brauchte. Neben ihnen saß Benjamin Natanyahu, vormals Premierminister und nun Führer der Likud-Partei, übernommen vom angeschlagenen Aerial Sharon. Wie Barak war auch Netanyahu erfahren in den Komplexitäten “schwarzer” Operationen. Barak war einst Leiter in Sayeret Matkal, Israels Elitekommandoeinheit, die unter dem selbem Motto stand wie die britische SAS: “Wer wagt gewinnt.” Netanyahu hatte mehrere Einsätze des Mossad bewilligt, während er im Amt war.

Der Dreh- und Angelpunkt von Sunburst war Meir Dagan. Anfang Sommer hatte er Olmert mittels Beweisen präsentiert, was er als “die nukleare Beziehung” zwischen Syrien und Nordkorea bezeichnete, die einen gefährlichen Grad erreicht hatte. Syrien besaß schon sechzig Scud-C-Raketen, die es von Nordkorea gekauft hatte, und am 14. August, als der Frachter al-Hamed schon unterwegs nach Syrien war, war Nordkoreas Außenhandelsminister, Rim Kyong Man, in Damaskus, um ein Protokoll zu “Kooperation und Handel in Wissenschaft und Technik” zu unterzeichnen. Danach war der Minister nach Tehran geflogen, um die Dreiecksbeziehungen zwischen Nordkorea, Syrien und dem Iran voranzutreiben.

Die Analysten des Mossad hatten den Schluss gezogen, dass Syrien nicht nur der Kanal war für den Transport von Raketen im Wert von geschätzten 50 Millionen Pfund nach dem Iran, sondern auch als “Unterschlupf” diente für Nordkoreas eigene Kernwaffen, vor allem sein Plutonium, während das Regimes immer wieder versprach, sein Nuklearprogramm aufgeben zu wollen im Austausch für massive Sicherheitsgarantien und finanzielle Hilfen, die der Westen versprochen hatte.

Noch bis vor Kurzem war sich Mer Dagan unsicher gewesen, ob das der Fall war. Jetzt zeigten die neuesten Informationen seiner Agenten in dem Land, dass Syrien dabei war, seine eigenen Atomwaffen herzustellen.

Das Treffen war einberufen worden, um diese Angelegenheit zu diskutieren. Dagan gegann zu erzählen, dass Israels Satellit die Kisten, die von der al-Hamed umgeladen worden waren, bis zum Komplex weiterverfolgt hätte. Dagan führte das Treffen fort mit seiner, wie sonst auch, knapp und prägnant vorgetragenen Analyse. Es war nun nahezu sicher, dass es sich um das Gebäude handelte, an das die Kisten geliefert wurden. Im seinem Innern bildete die Machinerie zum Guss der Sprengköpfe, die das waffenfähige Plutonium enthielten, die Hauptkomponente. Wissenschaftler aus Dimona hatten ausgeführt, dass kleine Anteile an Polonium und Berillium ausreichten zur Schaffung der Kettenreaktion für das Plutonium, nachdem die Pellets in “glove boxes”, abgedichtete Container, die nur mit speziellen Larborhandschuhen zugänglich sind, um die Techniker vor Ort zu schützen, bearbeitet wären. Dagan hatte mit einer kleinen Warnung abgeschlossen: je länger Israel warten würde, den Ort zu zerstören, umso schneller würde es den Technikern in dem Gebäude gelingen, ihre Waffen zu bauen.

Innerhalb von Minuten war die Entscheidung getroffen, den Komplex zu eliminieren.

Am späten Abend des 5. September 2007 marschierten Israelische Kommandotruppen der Sayeret Matkal in syrischen Armeeuniformen über seine nördliche Grenze mit dem Iraq in Syrien ein. Sie waren mit einem Laser-Zielsuchsystem ausgestattet, das entwickelt wurde, um die Luftwaffe zu ihrem Ziel zu geleiten. Mit dabei waren Spezialisten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte.

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An der Landepiste in der Negev saßen die fünf Einsatzpiloten bei einem ausgdehten Abendessen, obwohl sie gar nicht hungrig waren, sie wussten, sie würden alle Kalorien brauchen für die blose körperliche Energie und geistigen Fertigkeiten, die sie in den kommenden Studen aufwenden mussten. Danach gingen sie zum Einsatzbesprechungsraum, wo Shkedy mit anderen höheren Offzieren wartete. Der Einsatzleiter ging noch einmal die ganze Prozedur des Einsatzes durch: Funkfrequenzen, Funkstille-Protokoll und individuelle Rufzeichen. Startzeit würde um 23.59 sein mit 20 Sekunden zwischen jedem Flieger. Es würde einen Richtungswechsel geben auf See bei 500 Knoten, über acht Meilen eine Minute, dann, mit Haifa zu iherer Rechten, würden sie auf Meereshöhe absinken und auf die Küste des Libanon zuhalten, an Beirut vorbei und weiter in den syrischen Luftraum. Von da an ging es zum Zielpunkt.

Als er fertig war, begab sich Shkedy nach vorne und machte eine Pause, um sich jeden Piloten anzusehen.

“Sie sind sich alle klar über die Wichtigkeit Ihres Ziels. Es muss um jeden Preis zerstört werden. Das ist der wichtigste Einsatz, den jeder von Ihnen je hatte oder je haben wird. Alles wurde unternommen, um Sie zu schützen. Sollte irgendetwas passieren, werden wir alles tun, um Sie zu schüzen. Das verspreche ich Ihnen. Aber ich bin überzeugt, dass das Glück auf Ihrer Seite sein wird. Sie werden drinnen und wieder draußen sein, bevor die Syrier merken, was passiert ist”, sagte General Shkedy.

Keiner im Raum zweifelte an ihm. Alle wussten, der Einsatz war lebenswichtig zum Schutz Israels. Die Stille wurde unterbrochen von Shkedys agschließenden Worten: “Gott sei mit Ihnen !” Dann trat er einen Schritt vor und schüttelte jedem Piloten die Hand.

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Nachts um viertel vor Zwölf hatte das Technikerteam die Bomen überprüft, um sicherzugehen, dass sie richtig positioniert waren in ihren Release-Clips unter den Flügeln jeder F-151. Nach dem Check entferten die Techniker die Metallschutzbolzen an den Bomben.

Eine Minute später hatte die Rollbahnbesatung berichtet, die Piste wäre frei von kleinen Steinen und anderen Hindernissen, die vom Sog in den Motor gelangen und ihn zerstören könnten. Aus den beiden Schubdüsen der ersten Maschine, gefolgt von den anderen, drang die siedende Hitze der Nachbrenner.

In jeden Cockpit mussten die Piloten dieselbe Übung durchgehen: die Computer-gesteuerten Checks der Navigation, Automatik, Kommunikationsbereich und schließlich die Feuerungssysteme aktivieren.

Jeder Pilot trug zwei Anzüge: seinen Fliegerdress und, darüber, den G-suit, einen Rumpf-Auffanggurt, survival gear und einen Helm. An jedem Gurt war ein kleines Gerät befestigt, das ein Zielflug-Signal senden würde, falls er gezwungen wäre, die Mission abzubrechen.

Eine Minute vor Mitternacht raste die erste F-151, mit Getöse und einer den Fortgang makierenden Abgaswolke die Rollbahn hinunter. Kurz nach Mitternacht hatten die letzten der Flugzeuge ihre Räder eingefahren. Sunrise war gestartet.

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Die Mission war ein totaler Erfolg. Satellitenbilder zeigten die komplette Zerstörung des Komplexes und, am nächsten Tag, bedeckten syrische Bulldozer das bombardierte Gebiet mit Erde um die Verbreitung der Abstrahlung zu vermeiden. Es dürfte zehn Tage gedauert haben, bis der Vizepräsident des Landes, Farouk al-Sharaa, sagte: ”Unsere militärische und politische Befehlsebene kümmert sich um die Angelegenheit”. In Tel Aviv sagte Ehud Olmert, ohne sich ein Grinsen verkneifen zu könnnen: “Sie werden verstehen, wir können der Öffentlichkeit natürlich nicht immer unsere Karten zeigen.“

Aber um sie auszuspielen hatten jene Piloten in den frühen Morgenstunden des 6. September 2007 einen der gewagtesten Luftschläge, die je stattfgefunden haben, ausgeführt.

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Im Januar 2008, drei Tage, nachdem Präsident Bush Israel verlassen hatte, wo er privat über den Einsatz unterrichtet worden war, gaben die israelischen Verteidigungsstreitkräfte ein Satellitenbild heraus, auf dem zu sehen war, dass Syrien begonnen hatte, den zerstörten Ort wieder aufzubauen.

 
© G-2 Bulletin, Washington D.C./USA and Gordon Thomas
Gordon Thomas ist ein international anerkannter Geheimdienstspezialist und Autor des Buches „Secrets & Lies: A History of CIA Mind Control and Germ Warfare“ (Octavo Editions, USA). Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge im Internet im G2 Bulletin.
 

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