Im ehemaligen NS- und Stasi-Zuchthaus Cottbus: Organraubnachstellung an Gewissensgefangenen in China

Die Gedenkstätte im Zuchthaus Cottbus erinnert mahnend an die Vergangenheit. Doch manchmal zeigt sie uns auch die grausame Gegenwart: In den Mauern des ehemaligen NS-Zuchthauses und Stasi-Gefängnisses wurden jetzt erschütternde Szenen eines nachgestellten Organraubs gezeigt, wie sie im Verborgenen in chinesischen Lagern heute zu Tausenden stattfinden ...

Das Zuchthaus in Cottbus hat seit seiner Erbauung 1860 schon Einiges gesehen. In der NS-Zeit wurde es als Jugend- und Frauengefängnis benutzt. Nach dem Krieg quartierte hier die DDR-Stasi hauptsächlich politische Gefangene ein.

Nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes wurde das Gefängnis noch bis zu seiner Schließung 2002 regulär genutzt. Mithilfe privater Spender und dem Land Brandenburg erwarb das Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. 2011 das Areal und eröffnete zwei Jahre später zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2013 im Hauptgebäude die Dauerausstellung „Karierte Wolken – politische Haft im Zuchthaus Cottbus“, erinnert „Wikipedia“.

Auf der Webseite des Menschenrechtszentrums, dessen Mitglieder hauptsächlich ehemalige politische Gefangene des DDR-Regimes sind, heißt es:

Wir möchten einen Beitrag zur Versöhnung leisten und in Aufarbeitung der Unrechtsgeschichte an diesem Ort Verständnis und Hilfsbereitschaft für Menschen wecken, die in anderen Staaten dieser Welt politisch, rassisch oder religiös verfolgt werden.“

(Menschenrechtszentrum Cottbus e.V.)

Und dazu gab es dieser Tage Gelegenheit …

In diesen geschichtsträchtigen und mahnenden Wänden wurde nun am vergangenen Samstag im Rahmen der Aktion „Die Nacht der kreativen Köpfe“ ein dunkles Kapitel der heutigen Geschichte angepackt:  die politische Verfolgung und der staatlich organisierte Organraub an Gewissensgefangenen im kommunistischen China.

Beängstigend authentisch und mit beunruhigender Gewissheit, dass gerade in diesem Moment irgendwo in China genau dies passiert, wurde man hier auf dem ehemaligen Haftgelände in Cottbus Zeuge einer grausamen, wenn auch nachgestellten Operation, die verdeutlichte, wie gewissenlose Ärzte in einem chinesischen Gefängnis einer Falun Gong-Praktizierenden das Herz bei lebendigem Leib herausschneiden – lediglich gelähmt durch eine Injektion.

Das Herz der Frau, die nichts weiter getan hat, als sich nach einer uralten traditionellen buddhistischen Kultivierungspraxis zu veredeln, mit dem Wunsch, ein besserer Mensch zu werden, dieses Herz sollte gleich darauf in einer chinesischen Transplantationsklinik zahlungskräftigen Chinesen, mutmaßlich hohen Parteikadern oder westlichen „Transplantationstouristen“ eingepflanzt werden.

Die Organe der Hingerichteten

Organentnahmen an Zum-Tode-Verurteilten besitzen in China eine lange Tradition. Schon in den 80ern wurde bekannt, dass sich unmittelbar an den Hinrichtungsorten auch Ärzte befanden, um dem lediglich angeschossenen, noch lebenden Menschen die Organe an Ort und Stelle zu entnehmen. Die Verwendung solcher Organe wurde von offizieller chinesischer Seite schon länger als Selbstverständlichkeit bestätigt.

Im Dezember 2005 äußerte der stellvertretende chinesische Gesundheitsminister Huang Jiefu erstmals, dass die Verwendung der Organe exekutierter Gefangener weit verbreitet sei und bis zu 95 Prozent aller Organtransplantate aus Hinrichtungen stammen würden.

Doch dies genügte ihnen noch nicht. Bald schon gierte man nach einer neuen, größeren Quelle für menschliche Organe …

„Blutige Ernte“: Organraub an Lebenden

Der kanadische Menschenrechtsanwalt David Matas und der ehemalige kanadische Staatsanwalt und Staatssekretär für den Asien-Pazifik-Raum, David Kilgour, wiesen in ihrem 2006 veröffentlichten Untersuchungsbericht „Blutige Ernte“ darauf hin, dass die Herkunft von 41.500 in China transplantierten Organen aus dem Zeitraum von 2000 bis 2005 ungeklärt sei.

Sie prüften dazu alle verfügbaren staatlichen Zahlen und Veröffentlichungen. Doch selbst unter Einbeziehung aller Zum-Tode-Verurteilten und aller potenziell freiwilligen Spender war die hohe Anzahl von Transplantaten nicht erklärbar – es sei denn: Es gibt noch eine andere, weitaus größere Quelle für menschliche Organe …

In ihrem Bericht, für den sie 2010 für den Friedensnobelpreis nominiert wurden, trugen die beiden Ermittler eine bedrückende Fülle an Indizien zusammen, durch die sie schließlich zu einer schrecklichen Schlussfolgerung kamen: Es muss einen staatlich gedeckten Organraub an politischen Gefangenen geben, und zwar in industriellem Maßstab, allen voran an Falun Gong Praktizierenden. Nur so war die hohe Anzahl an Transplantaten erklärbar.

Die Ermittler kamen durch ihre Untersuchungen zu dem Ergebnis:

  • dass Falun Gong-Praktizierende in ganz China Opfer von Organentnahmen sind
  • dass die Organentnahmen ohne Einwilligung der Falun Gong-Praktizierenden an vielen verschiedenen Orten, im Zuge einer systematischen Politik, in großer Anzahl stattfinden
  • dass die Organe bei lebendigem Leibe entnommen werden
  • dass die Praktizierenden im Verlauf der Operation oder unmittelbar danach getötet werden
  • dass die getöteten Praktizierenden anschließend verbrannt werden

Beginn der Verfolgung und rasanter Anstieg der Transplantationen

Das wichtigste Indiz für dieses unsagbar schreckliche Verbrechen, welches die Ermittler selbst als „eine neue Form des Bösen auf diesem Planeten“ bezeichneten, war, dass trotz der hohen, aber gleichbleibenden Anzahl von Hinrichtungen die Anzahl an Transplantationen nach 1999 drastisch anstieg. Doch genau zu diesem Zeitpunkt, am 20. Juli 1999, begann die Verfolgung von Falun Gong durch die Kommunistische Partei in China. Unter den Anweisungen von Jiang Zemin, dem damaligen Staatspräsidenten und Vorsitzenden der Kommunistischen Partei wurden Hunderttausende Falun Gong-Praktizierende in Arbeitslager verschleppt.

Amnesty International und der damalige UN-Sonderberichterstatter über Folter, Manfred Nowak, bestätigten Folter und Misshandlungen an Falun Gong Praktizierenden in chinesischen Gefängnissen.

Doch dabei sollte es nicht bleiben …

Mit dem Anstieg der Zahlen von verhafteten und entführten Falun Gong-Übenden schnellten auch die Zahlen für Transplantationen plötzlich in die Höhe.

Während zwischen 1991 und 1998 beispielsweise nur 78 Lebertransplantationen in China notiert wurden, stieg deren Anzahl im Jahr 1999 leicht auf 118 an. Im Jahr 2005 lag sie bereits bei 4.000. Auch die Anzahl der Transplantationszentren stieg explosionsartig zwischen 1999 und 2006 von ungefähr 150 auf 600 an.

Ausländischen Patienten wurde das Angebot gemacht, innerhalb einer Wartezeit von nur einer bis vier Wochen ein passendes Spenderorgan bereitgestellt zu bekommen.

Im Jahr 2006 stand auf der Website des China International Transplantation Network Assistance Center folgende Preisliste:

  • Niere 62.000 $
  • Leber 98.000-130.000 $
  • Leber + Niere 60.000-180.000 $
  • Niere + Pankreas 150.000 $
  • Lunge 150.000-170.000 $
  • Herz 130.000-160.000 $
  • Augenhornhaut 30.000 $
  • bei Patienten, die zehn Jahre Dialyse bekamen, erhöht sich der Preis um 20.000 $
  • bei Patienten für Leber-, Herz- und Lungentransplantationen erhöht sich der Preis im Falle einer Komplikation um 80.000 $

Neuer Untersuchungsbericht erhärtet die Vorwürfe

Ein weiterer Ermittler widmete sich dem grausigen Phänomen. Der unabhängige amerikanische Journalist Ethan Gutmann kam bei seinen Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Anzahl von Falun Gong-Praktizierenden, die auf diese Weise getötet wurden, im Zeitraum von 2000 bis 2006 bei 40.000 bis 65.000 Fällen lag.

Am 22. Juni 2016 wurde der neue Untersuchungsbericht „Bloody Harvest/ The Slaughter – An Update“ im International Press Club in Washington D.C. durch Kilgour, Matas und Gutmann vorgestellt.

Der Bericht enthielt die detaillierten Untersuchungsergebnisse von 165 der insgesamt 865 untersuchten chinesischen Krankenhäuser, in denen Organ-Transplantationen durchgeführt werden dürfen. Zudem wurden chinesische Medienberichte, Internetseiten der chinesischen Regierung, aktuelle und archivierte Webseiten von Krankenhäusern und medizinische Fachzeitschriften von über 712 Leber- und Nierentransplantationszentren in China ausgewertet.

Aufgrund der Ergebnisse der Untersuchungen wurde die Anzahl der jährlich transplantierten Organe in China von den Autoren auf 60.000 bis 100.000 und einer Dunkelziffer von eventuell sogar dem Doppelten geschätzt. Dies würde bedeuten, dass in dem untersuchten Zeitraum von 15 Jahren (2000 bis 2016) vermutlich bis zu 1,5 Millionen Transplantationen stattfanden, eine Zahl, die bis zu zehnmal höher ist, als die offiziellen chinesischen Angaben. Die einzig mögliche Schlussfolgerung ist, das es einen vor der Welt verborgenen und staatlich organisierten Massenmord durch Organraub in China gibt.

Kaum freiwillige Spender in China

Eine traditionelle Besonderheit der Chinesen ist es, dass es eine extrem geringe Bereitschaft zur Organspende gibt, da dies den kulturellen Werten Chinas widerspricht, wonach der Leichnam des Verstorbenen unversehrt bestattet werden soll. Nach offizieller Angabe gab es von 1977 bis 2009 in ganz China nur 130 freiwillige postmortale Spender.

Auch die Zahl hingerichteter Straftäter in der VR China bietet keine Erklärungsgrundlage. Seit der Veröffentlichung des Untersuchungsberichtes von Kilgour und Matas sowie den Ergebnissen von Gutmann konnte die chinesische Regierung weder entkräftendes Beweismaterial liefern noch eine nachvollziehbare Erklärung dafür geben, woher die hohe Anzahl von Organen stammt, die sich in den staatlichen Statistiken und den Bilanzen der Krankenhäuser wiederfinden.

Die Schlussfolgerung der Autoren des Untersuchungsberichts: Der Großteil der verwendeten Organe stammt von Gewissensgefangenen wie Uiguren, Tibetern, Haus-Christen und im allergrößten Ausmaß von Falun Gong-Praktizierenden.