Malaysia Airline Flug MH17: ORF-Reporter widerlegt die Aussage von „unwürdigem Treiben“ russischer Rebellen

Der deutsche Bundesaußenminister Steinmeier hat die Aussage von US-Außenminister Kerry, dass die russischen Rebellen die Leichen der Opfer des abgestürzten Malaysia Airline Flug MH17 in der Ukraine würdelos behandeln würden, …

Der deutsche Bundesaußenminister Steinmeier hat die Aussage von US-Außenminister Kerry, dass die russischen Rebellen die Leichen der Opfer des abgestürzten Malaysia Airline Flug MH17 in der Ukraine würdelos behandeln würden, ohne Zögern übernommen. 

Steinmeier nahm diese Angaben auch gleich als Grund, die Sanktionen gegen Russland zu verschärfen. 
Obwohl noch keine eindeutigen Beweise vorliegen, ob die pro-russischen Separatisten oder das ukrainische Militär den Flug MH17 abgeschossen haben, wurden sofort weitere Sanktionen über Russland verhängt. Diese Sanktionen schaden nicht nur Russland, sondern auch der Deutschen Wirtschaft. 
"Nach dem Tod von 300 unschuldigen Menschen beim Absturz von MH17 und dem unwürdigen Treiben marodierender Soldateska an der Absturzstelle, lässt uns das Verhalten Russlands keine andere Wahl," verteidigte der Bundesaußenminister die verschärften Sanktionen gegen Russland im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. 
Nun wurde vom österreichischen Rundfunk ein Bericht ausgestrahlt, der die Behauptung, die Rebellen würden die Leichen schäbig behandeln, widerlegt. 

Der ORF-Reporter Christian Wehrschütz berichtet live aus der Ostukraine von der Absturzstelle des Flug MH17. Nachfolgend einige Teile von einem Gespräch zwischen Wehrschütz und einem ORF-Moderator, welche vom Nachrichtenportal Deutsche Wirtschafts Nachrichten veröffentlicht wurden:

ORF-Moderator: Ich gebe die Frage gleich weiter. Unser Reporter Christian Wehrschütz an dem Absturzort in der Ukraine: Ist dieser würdelose Umgang mit den Opfern inzwischen vorbei?
Christian Wehrschütz: Ich kann hier dem amerikanischen Außenminister nicht folgen und ich kann hier auch nicht von einem würdelosen Umgang mit den Opfern sprechen. Die Gesamtsituation hat sich zunächst so dargestellt, dass, nach dem Absturz, ich selbst ein Gespräch von OSZE-Vertretern mitgehört hatte, entweder mit der Zentrale in Wien oder mit anderen Dienststellen, wo es um die Debatte gegangen ist, dass die Rebellen die Leichen bergen wollen und man herumdiskutiert hat, ob sie das dürfen oder sollen, wegen der Veränderung des sogenannten Tatortbildes. Wir hatten hier Temperaturen von 30 Grad. Wir hatten dann Regen. Das liegt auf einem Feld. Das Würdelose wäre gewesen, die Leichen dort liegenzulassen, denn man hat gesehen, dass Fliegen, Hunde und alles andere Getier dort bereits begonnen haben, sich zu bedienen. Das ist der eine Punkt.
Der zweite Punkt ist das Problem, dass wir hier in einem Krisen- und Kriegsgebiet sind. Wir haben hier ein Ministerium für Katastrophenschutz – formell trägt es noch ukrainische Uniformen – aus der Nähe von Donezk. Diese 380 machen vor allem die Bergung der Leichen. Zweitens haben wir hier Bergleute im Einsatz vom nahegelegenen Donbas, die ebenfalls die Felder durchkämmen. Die haben eine Absturzstelle von einer Größe, von einem Territorium von 35 Quadratkilometern.

Es geht überhaupt nicht um irgendwelche Sympathien oder Nicht-Sympathien für die Rebellen, sondern es geht darum, dass es allein für eine derartige Gruppe in einer derartigen Krise eine enorme Herausforderung ist, so ein Territorium zu durchkämmen.
ORF-Moderator: Christian Wehrschütz, kommen wir kurz zur Rolle der Rebellen. Sie haben es berichtet, wir haben es auch Samstag in einem Live-Gespräch im Mittagsjournal gehört, wie die Rebellen dort das Kommando führen, den Journalisten, den OSZE-Beobachtern Befehle erteilen. Können unabhängige Ermittler inzwischen arbeiten oder unterliegt dort alles mehr oder weniger der Willkür der Rebellen?
Christian Wehrschütz: Der Rebellenführer Borodaj hat gestern über ein Gespräch mit der OSZE berichtet, wonach sich die OSZE beschwert haben soll, dass Journalisten so ohne ihn Zugang zu ihrer Arbeit hatten. Natürlich läuft das unter einem Kommando von Rebellen ab. Die haben eine Kalaschnikow. Gestern hat die OSZE deutlich gemacht, dass sie weit mehr Zugang hatte und sich weit mehr anschauen kann.
Aber die Grundfrage stellt sich doch, was macht die OSZE eigentlich und warum sind nicht die vor Ort, die wirklich in der Lage wären, zu untersuchen, was ist die Absturzursache? Oder zum Beispiel forensische Experten, die die Leichen versuchen zu untersuchen?
Die OSZE besteht aus Diplomaten. Die Masse der OSZE-Beobachter hier hat genauso wenig Ahnung von Flugzeugabstürzen oder genauso viel wie die Journalisten, die hier herumarbeiten.
ORF-Moderator: Was ist der Grund, warum da noch keine Ermittler am Arbeiten sind?
Christian Wehrschütz: Ich glaube, da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Der eine Punkt ist der: Die forensischen Experten aus Malaysia sollten jetzt hierher kommen. Vielleicht kommen die auch nach Charkiw, wo die Leichen möglicherweise im Zug abtransportiert werden. Das steht noch nicht fest. Geheißen hat es, sie sollten gestern kommen. Das wäre ohne weiteres möglich zu untersuchen hier.
Schwieriger ist es natürlich für Flugabsturz-Experten, weil das Territorium groß ist und an den Rändern dieses Territoriums gekämpft wird beziehungsweise es sporadische Kämpfe gibt. Aber zum Beispiel die großen Teile, die wir selber gesehen haben, die hätte man hier auch begutachten können, wenn das etwas bringt. Denn man kann von Kiew nach Dnipropetrowsk fliegen und nach Donezk fahren. Das haben wir alle gemacht.
Also bei den Flugabsturz-Experten gibt es natürlich das Sicherheitsrisiko, aber bei den forensischen Experten sehe ich das überhaupt nicht. Natürlich ist hier sehr viel Politik im Spiel, weil man das natürlich maximal ausschlachten möchte: die Rebellen sind die ganz einseitigen Bösen und die Ukraine oder die andern sind die ganz Guten. Das Problem ist, es gibt hier weder gut noch böse, sondern nur mehr oder weniger Böse.
ORF-Moderator: Danke für diesen Bericht.