Peter Haisenko: Der falsche Eindruck über die Lage in Syrien

Weder Gaddafi, noch Saddam hätten jemals so viel Tod und Leid über die eigene Bevölkerung bringen können wie es letztlich der amerikanische „Feldzug für Demokratie“ bewirkt hat. Ganz zu schweigen von den unsäglichen Lebensumständen mit Hunger und Angst vor Terroranschlägen, die jetzt dort herrschen.

Wenn heute von Syrien die Rede ist, herrscht der Eindruck vor, das ganze Land sei im Terror versunken und es gäbe nur total zerstörte Städte und Dörfer. Dieser Eindruck ist falsch. Der größte Teil der syrischen Bevölkerung ist zwar potenziell terroristischen Bedrohungen ausgesetzt, führt aber ein weitgehend normales Leben. Worunter diese etwa 70 bis 80 Prozent der syrischen Bevölkerung, die im Machbereich der Regierung Assad leben, am meisten leiden, sind die Sanktionen und Embargos des Westens. Diese sollen einen durch Mangel erzeugten Regierungswechsel bewirken, wie es in den 1990er Jahren im Irak geplant war oder seit zwei Jahren in Russland.

Meine unzähligen Reisen durch die Welt haben mich auch in aktive Konfliktgebiete geführt. Dabei habe ich eines gelernt: Wenn es nicht planmäßige Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung gibt, dann sind Kampfhandlungen kleinräumige Ereignisse, die manchmal nur 500 Meter entfernt nur noch akustisch wahrgenommen werden. Die Reichweite eines üblichen Sturmgewehrs beträgt gerade mal 300 Meter. Ich habe bei Nacht aktive Kampfzonen überflogen und aus zehn Kilometer Höhe kann man gut erkennen, wie geradezu lächerlich klein die betroffenen Gebiete sind, solange nur am Boden gekämpft wird, ohne Luftangriffe.

Es war Churchill, der in einem seiner Bücher bereits 1928 darüber philosophiert hat, dass er mit seiner Luftwaffe den Krieg ins Hinterland ausweiten und so Zivilisten, Frauen, Greise und Kinder in die Vernichtung einbeziehen kann. Das hat er dann auch in den letzten Kriegsjahren gegen Deutschland exzessiv betrieben. Ohne die Flächenbombardierungen gegen die Zivilbevölkerung hätte diese auch in Deutschland wenig vom Krieg mitbekommen – außer Mangel und den Meldungen über gefallene Soldaten. Das war auch der generelle Zustand im Ersten Weltkrieg.

Weiterhin sollte man daran denken, dass sowohl der Erste, als auch der Zweite Weltkrieg effektiv nur vier Jahre gedauert haben. Eingedenk dessen wird ersichtlich, was den Bevölkerungen angetan wird in Afghanistan (Krieg seit 1980, also seit 36 Jahren), Irak (Krieg und Embargos seit 1991, also 25 Jahren), jetzt Syrien seit 2011 (fünf Jahre) und nicht zu vergessen Vietnam, das letztlich auch 20 Jahre Krieg im Lande hatte. In Jugoslawien dauerten die Kampfhandlungen „nur“ etwa fünf Jahre, was wohl der europäischen Tradition entspricht, was die Bevölkerung bereit ist auszuhalten.

Bilder und Karten zeigen oftmals nicht die Realität

Wenn uns Bilder aus Syrien erreichen, dann werden uns spektakuläre Szenen aus den direkt betroffenen Kampfzonen gezeigt – allzu oft häufig verwendetes Archivmaterial und keineswegs aktuell. Es sind Aufnahmen von den Schnittstellen zwischen terrorkontrollierten Gebieten und regierungstreuen Regionen, in denen die Menschen noch in Frieden leben können. Bilder aus Homs bekommen wir überhaupt nicht mehr zu sehen, seit diese geschundene Stadt von Assads Truppen befreit wurde. Wir erfahren nicht, wie großflächig die Zerstörungen dort wirklich sind und auch nicht, in welchem Maße der Wiederaufbau und der Weg zurück in die Normalität voranschreitet.

Wir erfahren auch nichts darüber, warum zum Beispiel die Einwohner des terrorbeherrschten Teils von Aleppo nicht den kurzen Weg in den sicheren Teil der Stadt zur Flucht nutzen. Warum überhaupt kaum jemand die Möglichkeit erhält, in die sicheren Gebiete unter Regierungskontrolle zu wechseln. Man muss wohl davon ausgehen, dass die Terroristen das mit Waffengewalt verbieten, um nicht ihre menschlichen Schutzschilde zu verlieren, die immer wieder die schrecklichen und zugleich propagandistischen Bilder für die westliche Presse liefern.

Karten, die uns präsentiert werden, zeigen ein falsches Bild. Da werden große Gebiete ausgewiesen, die unter Kontrolle der unterschiedlichen Anti-Assad-Fraktionen stehen sollen. Wer das Land nicht kennt, fällt darauf herein. Der Osten Syriens und andere weite Teile des Landes sind unbewohnbare Wüstenregionen, die letztlich von niemandem zu kontrollieren sind. Aber so wird der Eindruck erzeugt von einer großflächigen Besetzung durch Kräfte, deren Ziel die Zerstörung des Landes ist.

Tatsache ist, dass die Menschen in 70 bis 80 Prozent des fruchtbaren und bewohnbaren Landes treu zu Assads Regierung stehen und dort ein weitgehend normales Leben führen. Hier ist nach wie vor ein friedliches Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen möglich. Genau das aber sollen wir nicht sehen, denn dann würde deutlich, was die Menschen vor Ort zu verlieren haben, wenn die säkulare Regierung Assad nach dem Muster von Irak und Libyen von der Koalition der Willigen aus dem Amt gebombt würde.

Ohne Munition fällt kein Schuss

Betrachtet man die Landkarte, wird deutlich, in welchen Teilen Syriens der Terror herrscht: Im Norden und Nordosten, also in den Regionen, die an die Türkei und den Irak grenzen. Damit sollte klar sein, dass der Terror aus der Türkei und dem Irak nach Syrien gebracht worden ist und von dort weiterhin unterstützt wird. Keine der Terrorgruppen verfügt über die Fähigkeit, selbst Waffen oder Munition herzustellen. Sie sind vollständig auf Lieferungen aus dem Ausland angewiesen. Eines sollte hierbei bedacht werden: Aus Russland erhalten sie definitiv weder das eine, noch das andere. Es können folglich nur der Westen und seine arabischen Vasallen sein, die die todbringenden Gerätschaften an die Schlächter des IS und die „moderaten“ Kräfte liefern. Hier macht sich die deutsche Regierung in höchstem Maße schuldig, weil sie nicht darauf dringt, den Nachschub für die Terroristen einzustellen. Ohne Munition fällt auch kein Schuss.

Weder Gaddafi, noch Saddam hätten jemals so viel Tod und Leid über die eigene Bevölkerung bringen können wie es letztlich der amerikanische „Feldzug für Demokratie“ bewirkt hat. Ganz zu schweigen von den unsäglichen Lebensumständen mit Hunger und Angst vor Terroranschlägen, die jetzt dort herrschen. Gerade Gaddafi hat sich in dieser Hinsicht überhaupt nichts zu Schulden kommen lassen. Aber jetzt dürfen die „Befreiten“ in „demokratischem“ Chaos leben und massenweise nach Europa flüchten.

Mein Dank gilt Ex-Kanzler Schröder, dass er die Teilnahme am unrechtmäßigen Irakkrieg verweigert hat. Ganz im Gegensatz dazu stand Angela Merkel, die sich damals vehement für eine deutsche Mitwirkung an diesem Krieg an der Seite der USA eingesetzt hat. So, wie sie auch jetzt alles tut, die Kriegsphantasien Washingtons gegen Russland zur Realität werden zu lassen.

Der größte Teil Syriens ist sicher und lebenswert

Politiker sind gescholten worden für den Vorschlag, syrische Wirtschaftsmigranten – also Migranten, die keinen Schutz- oder Asylanspruch reklamieren können – nach Syrien zurückzuführen. Diese Schelte kann nur von jemandem kommen, der keine Ahnung von den Verhältnissen hat, die im größten Teil Syriens herrschen. Erst recht, wenn man bedenkt, dass Syrien gerade um Touristen wirbt, die an seinen Mittelmeerstränden Urlaub machen können.

Während beinahe täglich über tödliche Anschläge im Irak oder Afghanistan berichtet wird, geschieht desgleichen nur selten im Machtbereich Assads, jedenfalls seltener als in der Türkei. Das beweist, dass der überwiegende Teil Syriens nicht von Terror und Chaos betroffen ist.

Die Politik des Westens zielt darauf ab, diesen Zustand zu ändern, das Chaos über das gesamte Land zu bringen. Wenn das mithilfe von Waffenlieferungen und Söldnern erreicht ist, stehen weitere 20 Millionen Syrer bereit, den Weg nach Europa/Deutschland zu beschreiten. Wo sollen sie dann auch hin gehen? Immerhin haben nach dem Irakkrieg zwei Millionen Flüchtlinge in Syrien Aufnahme gefunden und eine ähnliche Anzahl im Libanon. Der Libanon kann nicht mehr aufnehmen. Seien wir also froh, dass es immerhin noch der größere Teil Syriens ist, der sicher und lebenswert bezeichnet werden kann.

Ich bin ein intimer Kenner Syriens und schätze dieses Land mit seinen freundlichen und toleranten Bürgern sehr. Demokratie nach westlichem Muster? Wir sollten langsam gelernt haben, dass dieses Modell nicht für alle Länder und Ethnien geeignet ist. Freiheit? Welche Freiheit meinen wir? Sind wir wirklich so arrogant zu glauben, dass jeder dieselbe Vorstellung von „Freiheit“ haben muss, von der auch wir sehr unterschiedliche Erwartungen haben? Frieden in Syrien kann nur dann erreicht werden, wenn alle, die dort völkerrechtswidrig agieren, das Land verlassen und es in Ruhe seinen eigenen Weg gehen lassen.

Auch wir in Europa haben einen langen und schmerzlichen Weg hinter uns, zu einem für uns passenden System und dieses Recht sollten wir allen Völkern und Ländern dieser Erde auch zugestehen. Das laizistische Syrien ist noch nicht verloren und wir sollten alles tun, damit es nicht nur so bleibt, sondern zurückfinden darf zu dem guten Weg, auf dem es war, bevor fremde Mächte für Öl, Gas und Machtpolitik Verderben gebracht haben. Der erste Schritt dahin sollte die sofortige Beendigung der Sanktionen sein. Das kostet nichts, bringt sogar Gewinn und hilft, die Flüchtlingsströme zu reduzieren.

Peter Haisenko absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung an der Lufthansa-Flugschule zum Verkehrspiloten. Die folgenden 30 Jahre war er im weltweiten Einsatz als Copilot und Kapitän auf den Mustern B727, DC 8, B747, B737, DC 10 und A 340. Seit 2004 ist er tätig als Autor und Journalist. Er gründete den Anderwelt Verlag. www.anderweltonline.com/

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