Todenhöfer über Mittleren Osten: Das Einzige was der Westen macht „ist Bomben, Bomben, Bomben – das ist doch keine Strategie!“

Jürgen Todenhöfer – ein Jurist, ehemaliger deutscher Politiker (CDU) und ein Medienmanager, der als Publizist aktiv ist – beschreibt in einem Interview mit RT die Lage im Irak und in Syrien. Vor allem die Situation in Mossul. Er sagt mit Bombenteppichen werde der Westen den Terrorismus nicht besiegen können – im Gegenteil.
Der Journalist und Autor Jürgen Todenhöfer kritisiert gegenüber RT die Berichterstattung über die angebliche Befreiung der irakischen Stadt Mossul von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat.

Einige westliche Medien würden ausführlich über Mossul berichten, „aber in vielen Medien findet diese Katastrophe von Mossul nicht statt“. Dies wäre „schlimm“ und eine Form von „Fankurven-Journalismus“, so Todenhöfer.

„Das heißt, manche Journalisten sitzen nicht auf der Haupttribüne, sondern sie sitzen auf der Fankurve – und wenn Amerika und Deutschland etwas machen, dann ist das grundsätzlich gut, aber wenn Russland etwas macht, dann ist das schlecht“, beschreibt der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete die Situation.

Ganz nach dem Motto: „Amerikanische Bomben gute Bomben und russische Bomben schlechte Bomben“. Eine derartige Berichterstattung würde ein falsches Bild der Lage vermitteln.

Todenhöfer spricht sich in diesem Zusammenhang grundsätzlich gegen die Luftangriffe aller Beteiligten aus.

80 Prozent der Terroristen entkommen – Zivilisten sterben

„Ich finde das Bombardement Mossuls – dass jetzt schon seit Monaten geht – und die Vernichtung anderer Städte katastrophal, grauenvoll. Ein schlimmer Verstoß gegen die Menschenrechte, weil dort in erster Linie Zivilisten getötet werden und die meisten Terroristen entkommen“, betont Todenhöfer, der selbst immer wieder Kriegsgebiete wie den Irak oder Syrien besucht.

Im irakischen Ramadi seien über 80 Prozent der Terroristen entkommen. Diese Leute würden weiter kämpfen. „Sie werden ihren Islamischen Staat verlieren, das ist gut so, aber sie werden als Terrorgruppe weiter existieren.“ Der Westen müsse in Zukunft „mit schlimmen Anschlägen rechnen.”

Wenig Interesse an Mossul – „Die Lage ist katastrophal”

Warum die Internet-Community sich wenig für die Geschehnisse in Mossul interessiert, versteht Todenhöfer nicht. „Ich schreibe über das Thema auf Facebook und berichte darüber, aber das Interesse ist relativ gering.“

Er sei im Kontakt mit Irakern, die in Mossul leben. Diese Menschen seien verzweifelt da die Welt über die „Morde und Bombardements” schweigt. „Sie fliehen vor den US-Bomben und den Mördern des IS. Sie haben nichts zu essen, nichts zu trinken und keine Medikamente. Die Lage ist absolut katastrophal, unvorstellbar”, so der 77-Jährige.

Todenhöfer betonte im Interview, in erster Line nicht die Medien zu kritisieren, sondern die westlichen Politiker. Diese würden „immer wieder zur Einhaltung der Menschenrechte aufrufen und bei Mossul schweigen.“ Natürlich sei Deutschland bei den Angriffen durch die Tornado-Flugzeuge der Bundeswehr beteiligt – sie übermitteln die Angriffsziele. „Aber das heißt doch nicht, dass Politiker nicht trotzdem sagen können, ‚Hallo so geht es nicht weiter'“.

Der Westen mache eine „sunnitische Stadt im Irak nach der andern platt“. Das sei „erstens menschenrechtlich nicht vertretbar und zweitens beseitigt das den Terrorismus nicht, sondern es züchtet neuen Terrorismus – eine neue Generation von Terroristen“, betont der Journalist. Dies Menschen dort würden die „Tage und Monate nicht vergessen, als ihre Städte zerbombt, und ihre Familien getötet wurden.“

Der IS wird verlieren – der Terrorismus bleibt

Mossul werde Fallen – doch die Lage im Irak bleibe auch danach weiter schwierig. „Natürlich kann der IS die Stadt nicht halten,“ sagt Todenhöfer. Der Islamische Staat werde aufhören zu existieren „aber der Terrorismus wird weitergehen“.

Im Irak gebe es massive Probleme, „weil die überwiegend sunnitische Bevölkerung möchte, das Mossul in erster Linie sunnitisch und arabisch bleibt. Es gibt aber auch andere Bestrebungen von anderen ethnischen Gruppen, die wollen dass ihr Einfluss steigt. Diese Auseinandersetzungen werden sehr sehr heftig sein und ich sehe im Augenblick keine Ordnungsmacht, die bereit ist da eine vernünftige Lösung herbeizuführen,“ so Todenhöfer.

Das einzige was man derzeit mache sei „Bomben, Bomben, Bomben und das ist für mich keine Strategie“.

Hunderttausend Terroristen – „Das ist doch Wahnsinn“

Als der Krieg gegen den Terror in Afghanistan begann „da hatten wir ein paar hundert Terroristen in den Bergen des Hindukusch. Jetzt haben wir hunderttausend,“ beklagt Todenhöfer die Situation – und das allein in Syrien und im Irak. „Das ist doch Wahnsinn.“

Dies zeige doch, dass die derzeitige Strategie falsch sei. Man könne Guerillakämpfer nicht mit Bomben und Raketen besiegen. Man gehe „ja auch nicht mit Panzern auf die Fuchsjagd“.

Durch die Bombardements würden sich die Stellungen der Terroristen nur auf andere Gebiete verlagern. Todenhöfer zitierte den Führer Kurdistans mit den Worten: „Jeder der glaubt, dass der IS besiegt ist, wenn wir Mossul zertrümmern, hat keine Ahnung von der Lage und vom Problem dieses Terrorismus“.

Der Mittlere Osten „braucht eine umfassende Friedenskonferenz“

Todenhöfer sagt, um Ruhe in die Region zu bringen, brauche es Politiker, die Interesse an der Stabilisierung des Mittleren Ostens hätten und kein Interesse daran, „dass in diesem Gebiert permanent Chaos herrscht“.

„Ich war während der Präsidentschaftswahlen in den USA und habe viele hochrangige Politiker und Militärs gefragt, was ihre Strategie für den Mittleren Osten sei – weil ich sie nicht verstanden habe – und sie haben mich angelacht und fröhlich gesagt ‚Wir haben keine'“, sagt Todenhöfer. Das seien „Ad-hoc-Aktionen und keine Strategie wie dieser Raum in Frieden leben soll“.

Deshalb fordert der Kenner der Region eine umfassende Friedenskonferenz im Mittleren Osten. Dort müssten auch die Probleme, die es zwischen Saudi-Arabien und dem Iran gibt, angesprochen und Lösungen gefunden werden. Aber dieses „Hallo ich seh da ein Problem und werfe einmal Bomben drauf, ist keine Strategie“.

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