Weihnachts-Verbot an Istanbuler Schule: Scharfe Reaktion der Bundesregierung gefordert

Die Bundesregierung hat auf die Streichung weihnachtlicher Traditionen in einem von Deutschland unterstütztem Istanbuler Gymnasium mit Bedauern reagiert. Rufe nach Einbestellung des türkischen Botschafters wurden laut.

+++ 6:30 Bosbach verlangt scharfe Reaktion der deutschen Regierung +++

Das Verbot des Weihnachtsfests an der Deutschen Schule in Istanbul durch türkische Behörden sei ein Schlag gegen die Lehr- und Religionsfreiheit, sagte die Chefin der CSU-Abgeordneten im Bundestag, Gerda Hasselfeldt, der „Passauer Neuen Presse“. CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach verlangte eine scharfe Reaktion der Bundesregierung. (dpa)

+++ 16:10 Schule dementiert nach Empörungswelle +++

Nach der Empörung über ein Verbot von Weihnachtsbräuchen an einem von Deutschland unterstützten Gymnasium in Istanbul hat die Schule ein solches Vorgehen dementiert. Es gebe kein derartiges Verbot, versicherte die Schule Istanbul Lisesi am Sonntag in einer Erklärung auf ihrer Website. Ein Konzert sei „ohne Erklärung“ von den deutschen Lehrern abgesagt worden.

Es stehe nicht zur Debatte, dass die Schule oder Schulleitung de Konzert Hindernisse in den Weg legen oder es verbieten würde, hieß es weiter.

Zuvor hatte das Auswärtige Amt in Berlin das Vorgehen der Schulleitung bedauert und Gespräche dazu angekündigt.

Das Vorgehen der Schule hatte in Deutschland eine Welle der Empörung ausgelöst. Politiker von Union, Grünen und Linkspartei forderten, der Schule deutsche Gelder zu streichen. Auch Rufe nach einer Einbestellung des türkischen Botschafters wurden laut.

„Wir verstehen die überraschende Entscheidung nicht“

(Original-Artikel)

Die Bundesregierung hat bedauert, dass ein von Deutschland unterstütztes Gymnasium in Istanbul seine vorweihnachtlichen Traditionen ausgesetzt hat. „Wir verstehen die überraschende Entscheidung der Leitung des Istanbul Lisesi nicht“, hieß es am Sonntag aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Politiker von Union, Grünen und Linkspartei forderten, der Schule deutsche Gelder zu streichen. Auch Rufe nach einer Einbestellung des türkischen Botschafters wurden laut.

Die türkischen Behörden hatten erstmals das Thema Weihnachten aus dem Unterricht an der Schule verbannt: „Es gilt (…)  dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird“, hieß es in einer E-Mail, an die deutsche Abteilung des Istanbul Lisesi.

Auch die Teilnahme des Schulchors am Weihnachtskonzert im deutschen Generalkonsulat wurde von der türkischen Schulleitung kurzfristig unterbunden. EPOCH TIMES berichtete.

„Es ist sehr schade, dass die gute Tradition des vorweihnachtlichen interkulturellen Austausches an einer Schule mit langer deutsch-türkischer Tradition in diesem Jahr ausgesetzt wurde“, hieß es in der Erklärung des Auswärtigen Amtes. „Wir nehmen das natürlich mit unseren türkischen Gesprächspartnern auf.“

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) äußerte Unverständnis. Die EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Montagausgaben), die Kenntnis religiöser und kultureller Traditionen gehöre zum „Bildungsbasiswissen“. „Warum hier ausgerechnet jetzt ein Riegel vorgeschoben werden soll, ist nicht nachvollziehbar.“

Erdogans Kurs? Mehrere Politiker empört

Mehrere Politiker reagierten empört und werteten die Entscheidung der Schule als Folge des politischen Kurses des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan.

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sprach in den Funke Medien von einem Verstoß gegen die Religionsfreiheit als „erneuter Beweis, dass die Erdogan-Türkei alle Brücken nach Europa abreißt“. Weihnachten gehöre zu Deutschland, „ohne Wenn und Aber“, auch in einer deutschen Schule im Ausland.

Der türkische Staat und die Schulleitung müssten „jetzt sofort Klarheit schaffen, ob man die Zusammenarbeit will oder harte Konsequenzen riskieren möchte“, forderte Scheuer. Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) sagte der „Bild“-Zeitung (Montagausgabe), die Bundesreierung dürfe das „Weihnachts-Verbot der türkischen Behörden“ nicht akzeptieren, „auch nicht aus Rücksicht auf den Flüchtlings-Deal“.

„Welchen Sinn hat eine deutsch-türkische Schule dann noch?“

Der Religionsbeauftragte der Unionsfraktion im Bundestag, Franz Josef Jung (CDU), nannte das Vorgehen an der zweisprachigen Auslandsschule „vollkommen inakzeptabel“. „Wenn die Bundesrepublik Deutschland die Lehrer an diesen Schulen finanziert, dann kann sie auch die Inhalte des Unterrichts bestimmen“, erklärte Jung. Innenstaatssekretär Günter Krings sagte der „Rheinischen Post“, wenn es „kein Interesse an einem offenen kulturellen Austausch mehr“ gebe, stelle sich die Frage, „welchen Sinn eine solche deutsch-türkische Schule dann noch hat“.

Rufe nach Einbestellung des türkischen Botschafters

Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt (CDU), sprach sich in den Funke Medien dafür aus, „dass dem türkischen Botschafter in einem Gespräch im Auswärtigen Amt das Befremden vorgetragen werden sollte, das wir bei diesem Vorgehen empfinden“. Das Verhalten der Türkei stelle einen Verstoß gegen die europäische Charta für Menschenrechte dar und müsse daher im Europarat zur Sprache kommen.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen sagte dem „Tagesspiegel“, die Bundesregierung müsse „unverzüglich den türkischen Botschafter einbestellen und eine Protestnote an Ankara senden“. In einer Erklärung mahnte sie, die Bundesregierung dürfe es nicht mit Steuergeldern fördern, wenn in der „islamistischen Diktatur“ von Präsident Erdogan „selbst die Erwähnung von Weihnachten verboten“ werde.

Özdemir: Deutschland darf bei Erdogans Kurs nicht einfach zuschauen

Grünen-Chef Cem Özdemir sagte dem ReadktionsNetzwerk Deutschland, Deutschland dürfe „nicht einfach zuschauen, wenn Erdogan ungeniert säkulare Einrichtungen auf seinen islamisch-konservativen Kurs bringt“. Es sei „nicht hinnehmbar, dass mit deutschen Steuergeldern in der Türkei Kinder zum Erdoganismus erzogen werden“.

Der bildungspolitische Sprecher der  Grünen-Bundestagsfraktion, Özcan Mutlu, erklärte, am 4. Advent von dem Verbot der Behandlung von Weihnachten im Unterricht in der Istanbuler Schule zu erfahren, sei „einfach nur schockierend“. Sollte das Verbot nicht zurückgenommen werden, müsse die Finanzierung durch deutsche Steuergelder „dringend auf den Prüfstand“, forderte Mutlu, der auch der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe angehört.

afp/rf

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