Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Preußen: Deutsche Großmacht mit einem Doppelgesicht – André Uzulis
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Deutsche Geschichte Preußen: Deutsche Großmacht mit einem Doppelgesicht

André Uzulis

27.12.2011

Das Gesicht der Tugenden Preußens: Friedrich der Große. Foto: Dieter Schütz/www.pixelio.de
Das Gesicht der Tugenden Preußens: Friedrich der Große.

Foto: Dieter Schütz/Pixelio

Berlin – Zwei Einschätzungen bringen die unterschiedlichen Sichtweisen auf Preußen zugespitzt auf den Punkt. 1864 schrieb der Historiker und Publizist Heinrich von Treitschke: "Dieser Staat mit all seinen Sünden hat alles wahrhaft Große getan, was seit dem Westfälischen Frieden im deutschen Staatsleben geschaffen ward, und er ist selber die größte politische Tat unseres Volkes."

Ganz anders dagegen die Einschätzung der Siegermächte des Ersten Weltkriegs. In den Verhandlungen von Versailles behaupteten sie 1918/19: "Die ganze preußische Geschichte ist durch den Geist der Beherrschung, des Angriffs und des Krieges charakterisiert." Am 25. Februar 1947 wurde Preußen per Federstrich durch die Alliierten in Deutschland aufgelöst – ein einmaliger Vorgang in der Staatengeschichte. Das preußische Staatsgebiet war bereits mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs de facto aufgeteilt worden. Zwischen jenem Jahr 1947 und dem 13. Jahrhundert liegt die wechselvolle Geschichte eines Landes, das Deutschland prägen sollte.

Die Wurzeln Preußens liegen fernab jener Zentren an Rhein, Mosel und Main, in denen die Politik des mittelalterlichen Heiligen Römisches Reiches Deutscher Nation gemacht wurde. Zwei territoriale Wurzeln hat dieses Preußen, die so weit entfernt liegen an der deutschen Peripherie, dass es im Nachhinein geradezu als ein unglaublicher Zufall erscheint, dass gerade aus diesen dünn besiedelten und kulturell zunächst unterentwickelten Landschaften die entscheidende Macht in Deutschland heranwachsen sollte – und das auch noch unter einem ursprünglich schwäbischen Adelsgeschlecht.

Namensgeber waren die baltischen Pruzzen

Zum einen war da ein Territorium hoch oben an der Ostsee zwischen Litauen und Polen, in das sich die Ritter des Deutschen Ordens nach den Kreuzzügen zurückgezogen hatten, als es im Heiligen Land nichts mehr zu gewinnen gab. Benannt war die Gegend nach den Pruzzen, den baltischen Ureinwohnern. Sie sollten dem künftigen Staat seinen Namen geben. Den Rest dieses Ordenslandes wandelte der Deutschordens-Hochmeister Albrecht von Brandenburg 1525 in ein weltliches Herzogtum der aus Südwestdeutschland stammenden Hohenzollern um. Es unterstand, da fernab der Reichsgrenzen gelegen, dem polnischen König als Lehen.

Die andere Wurzel des preußischen Staates lag schon etwas näher am Zentrum des Reiches, aber immer noch so weit weg, dass es als "Mark", also als Grenzgebiet, bezeichnet wurde: die Mark Brandenburg, im Wesentlichen das heutige Bundesland Brandenburg. Dort herrschten nach den Slawen zunächst die Askanier, dann die Wittelsbacher und die Luxemburger, schließlich die Hohenzollern. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde dem Nürnberger Burggraf Friedrich, ein Hohenzollern, von König Sigismund die Markgrafschaft übertragen. 1618 gelang die Vereinigung mit der anderen Hohenzollernherrschaft im Osten. Jenes Herzogtum Preußen hatte sich schon 1525 als erstes Land überhaupt der Reformation angeschlossen.

Die Hohenzollern betrieben eine Politik der Ausdehnung, denn sowohl in der Mark Brandenburg wie in Ostpreußen gab es nicht viel zu holen, das Land war arm. Winzige Territorien ganz im Westen im heutigen Nordrhein-Westfalen – Kleve, Mark und Ravensberg – kamen hinzu. Die kargen preußischen Territorien waren am Ende über ganz Norddeutschland verteilt, eine "Streusandbüchse" am Rande des alten Reichs.

Der Große Kurfürst als Glücksfall

Ganz besonders erschüttert wurde das Land durch den 30-Jährigen Krieg 1618 bis 1648, durch den die Hohenzollern fast in den Ruin getrieben wurden. Friedrich Wilhelm, später genannt der Große Kurfürst, erwies sich jedoch als ein Glücksfall für die preußische Geschichte, denn er legte durch seinen Pragmatismus und seine Reformfreude die Grundlage für den Aufstieg des Landes. Er ließ Manufakturen gründen, förderte das Handwerk, baute Straßen und Kanäle aus und erwarb sogar kurzzeitig Kolonien in Afrika.

Unter seinem Sohn Friedrich Wilhelm, der als Soldatenkönig bekannt wurde, kam ein straff geführtes Heer hinzu: die Grundlage für Preußens Militärmacht. Das inzwischen durch einen staatspolitischen Trick zum Königreich aufgewertete Preußen wurde unter dem Sohn des Soldatenkönigs, König Friedrich, vollends zur Großmacht. Friedrich, der noch zu Lebzeiten der Große genannt wurde, eroberte von Österreich die reiche Provinz Schlesien und verleibte sie seinem Staat ein. Von nun an gehörte Preußen neben Österreich, Russland, Frankreich und England zu den fünf europäischen Großmächten.

Im 19. Jahrhundert beherrschte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck das "Spiel mit den fünf Kugeln", die das europäische Staatensystem charakterisierten, bis zur Perfektion. Bismarck gilt als eines der größten politischen Genies der deutschen Geschichte. Unter ihm wurden die deutschen Staaten unter Führung Preußens 1871 zum Nationalstaat vereinigt: zum Deutschen Reich - allerdings um den Preis, das Österreich fortan endgültig andere Wege ging. Bismarcks Nachfolger als Reichskanzler und der Deutsche Kaiser Wilhelm II. hatten nicht die Weitsicht des Reichsgründers, ihnen misslang das fein austarierte "Spiel mit den fünf Kugeln", sie stürzten Deutschland in den Ersten Weltkrieg, die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Freistaat innerhalb der Weimarer Republik

Nach der Novemberrevolution 1918 und der Abdankung des Kaisers wurde Preußen zu einem Freistaat innerhalb der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik. In der Endphase der Weimarer Republik wurde die preußische Regierung im sogenannten Preußenschlag 1932 entmachtet, ein Reichskommissar wurde eingesetzt, das Land fortan von der Zentralmacht aus regiert. 1947 lösten die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg Preußen formell auf.

Der Name Preußens bleibt verbunden mit Aufklärung und Toleranz, wie sie Friedrich der Große verkörperte, dessen 300. Geburtstag 2012 gefeiert wird. Preußen ist aber auch: früh unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm entstandener Militarismus. Später Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung, wie sie der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. personifizierte. Preußen ist mit humanistischen Reformen, mit Förderung von Wissenschaft und Wirtschaft in Erscheinung getreten, hat aber auch den Stechschritt in die Welt gesetzt und Gehorsam und Untertanengeist absolut gesetzt.

Preußische Tugenden wurden im Nationalsozialismus pervertiert, sie fanden aber andererseits auch in den Taten der Widerstandskämpfer gegen Hitler ihren Ausdruck. Somit ist Preußen am Ende nicht mit einer einzigen Einschätzung zu greifen. Die französische Schriftstellerin Anne Louise Germaine de Staël hat dieses nicht auf einen Nenner zu bringende Bild Preußens schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts erkannt: "Preußen zeigte ein Doppelgesicht wie der Januskopf: ein militärisches wie ein philosophisches." An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert.

(dapd)

 

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