Aktuelle Nachrichten – Deutschland
08.02.2011
Stuttgart – Die Bahn hat in der Nacht zum Dienstag unter dem Schutz eines großen Polizeiaufgebots mit der umstrittenen Verpflanzung mehrerer Bäume am Hauptbahnhof für das Projekt "Stuttgart 21" begonnen. Mehrere hundert Demonstranten protestierten auf der "Stuttgart 21"-Baustelle gegen die Baumaßnahme, es kam zu Rangeleien zwischen der Polizei und Gegnern des Projekts. Nachdem die Polizei mehrere Blockaden aufgelöst hatte, wurden vor dem Nordausgang des Stuttgarter Hauptbahnhofs die ersten von insgesamt 16 Bäumen zur Verpflanzung ausgegraben. Unter einem gellenden Pfeifkonzert der Demonstranten wurden die ersten beiden Bäume gegen 07.20 Uhr abtransportiert. Die befürchtete Eskalation der Proteste wie im September 2010 blieb allerdings aus.
Laut Polizei hatten sich den frühen Morgenstunden etwa 300 bis 500 Demonstranten vor dem Nordausgang versammelt. Etwa 50 hätten versucht, die Zufahrt von vier Spezialmaschinen zu verhindern, teilte die Polizei mit. Handgreiflichkeiten gab es auch beim Aufbau von Absperrgittern. Beim Ausgraben eines Baumes versuchten Demonstranten die Absperrgitter umzuwerfen. Ein Polizeisprecher sprach von "aktivem Widerstand". Mehrere hundert Polizeibeamte waren im Einsatz. Ein Baum wurde von Aktivisten besetzt gehalten.
Die sogenannten Parkschützer, die den Schlichterspruch zu "Stuttgart 21" ablehnen, hatten gegen 04.00 Uhr im Internet gemeldet, dass ein Polizeieinsatz anstehe. Hannes Rockenbauch, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen "Stuttgart 21", zeigte sich erfreut, dass so viele Demonstranten in der Nacht gekommen seien. Dies zeige, dass der Widerstand lebt. Er prognostizierte, dass "Stuttgart 21" aufgrund der Hartnäckigkeit der Demonstranten nicht durchgehalten werden könne.
Befürchtungen, wonach sich bei der Baumverpflanzung die Ereignisse des 30. September 2010 wiederholen könnten, bestätigten sich nicht. Damals waren bei einem Polizeieinsatz im Schlossgarten mehr als 100 Personen verletzt worden, als eine Baustelle zur Fällung der ersten 25 Bäume eingerichtet wurde. Rockenbauch führte dies auf die Friedlichkeit der Demonstranten zurück. Auch die Polizei habe sich abgesehen von einigen Ausnahmen "Mühe gegeben", umsichtig zu handeln. Auch sei die Emotionalität bei den Bäumen am Nordausgang geringer als die der bis zu 200 Jahre alten Bäume im Park.
Am Montagmorgen hatte das Kommunikationsbüro für das Bahnprojekt "Stuttgart 21" bekannt gegeben, dass ab Dienstag vor dem Nordausgang 16 Bäume ausgegraben und verpflanzt werden sollten. Die 16 Bäume sollen einem unterirdischen Technikgebäude weichen. Sie werden mit Spezialmaschinen ausgegraben und an andere Standorte in Stuttgart umgesetzt.
Nach Angaben der Projektbüros sind die rund 200.000 Euro teuren Umpflanzungen eine freiwillige Leistung der Bahn und nicht Teil des Schlichterspruchs von Heiner Geißler. Dieser hatte nach der Eskalation im September in einer Faktenschlichtung vermittelt und sich Ende November für einen Weiterbau des Tiefbahnhofs unter Auflagen ausgesprochen. Unter anderem sollen gesunde Bäume im Schlossgarten nach Möglichkeit verpflanzt und nicht gefällt werden. Beim Bahnprojekt "Stuttgart 21" soll der Hauptbahnhof für mehr als vier Milliarden Euro von einer Kopf- in eine unterirdische Durchgangsstation umgebaut werden.
(dapd)
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