Aktuelle Nachrichten – Gesellschaft
06.08.2008
Düsseldorf – Überforderte Schüler, gestresste Eltern, entnervte Lehrer: Vor einem halben Jahr waren die Probleme mit dem Turbo-Abitur nach acht Jahren in aller Munde. Nach den monatelangen Protesten gegen das G8 haben inzwischen viele Länder bei der Umsetzung der umstrittenen Schulzeitverkürzung noch einmal nachgebessert. Der Weg zur Hochschulreife in acht statt neun Jahren soll den Schülern nun mit entrümpelten Lehrplänen, einer Begrenzung des Nachmittagsunterrichts und dem Ausbau des Ganztagsschulbetriebs erleichtert werden. Beruhigt haben sich die erhitzten Gemüter deswegen aber noch lange nicht.
Jahrelang gab es das so genannte G8-Abitur als Relikt aus der DDR-Zeit nur in Ostdeutschland. 18 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die gesamtdeutsche Lage eine andere. Inzwischen ist Rheinland-Pfalz das einzige Land, dass das Abitur am Gymnasium mit Abschluss der 12. Klasse noch nicht flächendeckend eingeführt hat. Das Land behilft sich jedoch mit einer 2001 eingeführten Sonderregel, die die Hochschulreife nach 12,5 Jahren ermöglicht. Ziel ist hier wie dort: die verkürzte Schulzeit soll den Schülern einen schnelleren Einstieg ins Berufsleben ermöglichen.
Dieser tiefgreifende Systemumbau stößt bei vielen Eltern und Schülern bislang jedoch auf wenig Gegenliebe. Pflichtunterricht am Nachmittag, danach noch Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen – „das ist kein Leben mehr“, finden Elterninitiativen und Bildungsgewerkschaften.
Nun ist Bewegung in die festgefahren Fronten gekommen. In Bayern wird mit Beginn des neuen Schuljahres sowohl die Stundenzahl leicht gesenkt wie auch der Lehrplan in allen Fächern weiter ausgedünnt, wie der Sprecher des Kultusministeriums Ludwig Unger erklärt. Insgesamt soll der Lehrstoff im Vergleich zum Abitur nach neun Jahren um ein Neuntel gestrafft werden. Die Reform sei mit der Landeselternvereinigung der Gymnasien, Schulleitern und Gymnasiallehrerverband abgesprochen und von diesen auch akzeptiert worden.
Reagiert hat auch Baden-Württemberg auf die massive Elternkritik: Künftig sind alle Gymnasien verpflichtet, eine Hausaufgabenbetreuung anzubieten, vorrangig in den Stufen fünf bis sieben. Das Land stellt dafür 5,3 Millionen Euro zur Verfügung. Auch die Umstellung auf den Ganztagsschulbetrieb soll stärker gefördert werden, um die Schüler beim Turbo-Abitur zu entlasten.
Darauf setzt ebenfalls die nordrhein-westfälische Landesregierung, die im April ankündigte, ab dem Schuljahr 2009/2010 jährlich 108 Schulen auf den Ganztagsbetrieb umzustellen. Ende Januar hatte das Düsseldorfer Schulministerium bereits unter anderem mit der Landeselternschaft und dem Philologenverband ein Maßnahmenpaket geschnürt, das eine Begrenzung des Nachmittagsunterrichts vorsieht. In der 5. und 6. Klasse darf demnach höchstens einmal, in der 7. und 8. Klasse höchstens zweimal pro Woche in den Nachmittagsstunden unterrichtet werden. Hausaufgaben sind an diesen Tagen nicht erlaubt.
Auch in Hessen will man mit einer Vielzahl kleinerer Reformen die umstrittene Schulzeitverkürzung entschärfen. Ein Elf-Punkte-Plan sieht unter anderem kleinere Klassen und weniger Klassenarbeiten vor.
Die Reaktion auf die Nachbesserungen fallen allerdings unterschiedlich aus. In Bayern ist die Landes-Eltern-Vereinigung mit der ausgehandelten Reform zufrieden. In Baden-Württemberg meldeten verschiedene Elterninitiativen dagegen bereits neue Proteste an. „In den Schulen gärt es gewaltig“, sagt Jörg Sommer, einer der Mitautoren eines offenen Briefs an Ministerpräsident Günther Oettinger. Die jüngsten Maßnahmen seien nichts als ein Aufguss aus in der Praxis längst gescheiterten Maßnahmen und ein bisschen Hausaufgabenkosmetik. Es müssten endlich mehr Lehrer und eine deutliche Reduzierung der Arbeitsbelastung bei den Schülern her, fordert er.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) steht den Kurskorrekturen ebenfalls skeptisch gegenüber. Sie fordert weiterhin eine Grundüberholung des G8-Abiturs: „Eine Schulzeitverkürzung sollte sich, wenn überhaupt, auf die Oberstufe beschränken“, sagt die hessische GEW-Sprecherin Barbara Dietz-Becker. Die generelle Erhöhung der Pflichtstundenzahl sei gerade in der Mittelstufe kontraproduktiv. „In diesem Alter brauchen die Schüler nicht nur Zeit zum Lernen, sondern vor allem Zeit für ausreichend außerschulische Aktivitäten.“
Beklagt wird außerdem die Sonderrolle des Gymnasiums. „Die Durchlässigkeit zwischen den Gymnasien und anderen Schulformen ist mit dem Turboabitur verschwunden“, sagt Christel Jungmann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Nordrhein-Westfalen. Wechselwillige Realschüler zum Beispiel könnten den Bildungsvorsprung kaum noch einholen. (AP)
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