Aktuelle Nachrichten – Gesundheit
11.11.2009
Berlin – Das Versprechen ist verführerisch: Der Mensch schluckt eine kleine Pille und ist sofort hochkonzentriert, kann sich alles merken und trotz größtem Druck wichtige Entscheidungen treffen. Doch die Bundespsychotherapeutenkammer warnt vor dem sogenannten IQ-Doping. „Das Beunruhigendste daran ist der Ansatz, sich nicht mehr auf seine eigenen Potenziale zu verlassen“, sagte der BPtK-Präsident Rainer Richter am Mittwoch in Berlin.
Im Februar dieses Jahres hatte die DAK eine Studie veröffentlicht, nach der rund zwei Millionen Menschen ihrer Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz schon einmal nachgeholfen haben. Von diesen zwei Millionen „dopen“ 800.000 Menschen laut DAK regelmäßig, um am Arbeitsplatz leistungsfähig zu sein. Umfragen in den USA zeigten, dass dort etwa jeder zehnte Student Amphetamine zu „nicht-therapeutischen Zwecken“ schluckt, sagte Richter.
Das Versprechen dieser Medikamente sei, dass das Leben besser gelinge. So fragten Wissenschaftler sogar öffentlich, was so schlimm daran sei, psychotrope Substanzen zur Verbesserung der kognitiven Leistungen bei Gesunden einzusetzen. „Bisher hat aber noch jede Pille, insbesondere Psychopharmaka, Nebenwirkungen“, betont der BPtK-Präsident. Diese reichten bei den zur Leistungssteigerung eingesetzten Medikamenten von Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit bis zu Herzrhythmusstörungen, Krampfanfällen und Abhängigkeit. „Wir halten es für unverantwortlich, diese Mittel bei Gesunden einzusetzen oder, wie in den USA üblich, frei zu verkaufen“, sagte Richter.
Neben dem medizinischen Risiko sprach der BPtk-Präsident von einer beunruhigenden gesellschaftlichen Entwicklung: Schon bei Kindern mit Lernschwierigkeiten werde immer häufiger zu leistungssteigernden Medikamenten gegriffen – oft ohne nach den tatsächlichen Ursachen für die Leistungsschwäche zu suchen. „Damit lernen Kinder, dass Probleme mit Pillen behandelt werden“, kritisierte er. Ähnlich wie im Radsport drohe langfristig eine Verschiebung der Leistungsnormen und ein immer stärkerer Leistungsdruck: Um mithalten zu können würden im Laufe der Zeit immer mehr Menschen zum IQ-Doping greifen. „Irgendwann wird der erste Nobelpreisträger unter Tränen gestehen, dass er seine Leistungen unter dem Einfluss von Medikamenten vollbracht hat“, sagte Richter.
Zu den Wirkstoffen, die aufgrund ihrer aufputschenden, stress- und angstlösenden Wirkung auch für Gesunde diskutiert werden, gehören nach Angaben der BPtK Amphetamine und Antidepressiva. Wie viel die Pharma-Industrie jedes Jahr mit psychotropen Substanzen umsetzt sei unklar. (AP)
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