Kultur – Publikum goutiert problematischen „Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper – Rosemarie Frühauf
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Wagners Ring in München Publikum goutiert problematischen „Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper

Rosemarie Frühauf

29.05.2012

Siegfried (Lance Ryan) schmiedet das Schwert.  Foto: Wilfried Hoesl / Bayerische Staatsoper München
Siegfried (Lance Ryan) schmiedet das Schwert.

Foto: Wilfried Hoesl / Bayerische Staatsoper München

Im neuen „Siegfried“ der Bayerischen Staatsoper sieht man unter der Regie von Andreas Kriegenburg den Wald vor lauter Leuten nicht: Ein souveräner Kent Nagano präsentierte am Pfingstsonntag auf üppigen Wagnerwogen sehr durchwachsene Gesangsleistungen. Garniert war das Ganze mit einem Salat aus kammerspielartigen Ideen und pantomimischen Massenbewegungen eines halbnackten Statistenheeres, wie sie bereits aus Teil eins und zwei der Kriegenburgschen Neudeutung bekannt waren.

Am Ende stimmte jedoch die Stimmung und das Publikum erklärte den Abend per Beifallssturm zum Erfolg. Die berechtigten Buhs einer unbefriedigt gebliebenen, sensiblen Minderheit, die erhebliche künstlerische Mängel bemerkt und beklagt hatte, wurden von der großen Masse mit Applaus, Bravos und Getrampel übertönt – offenbar hatte man sich gut unterhalten gefühlt. Wie sehr Andreas Kriegenburg und sein Team auch szenisch gegen das vierstündige Drachentöter-Epos gekämpft hatten – am Ende wurden sie zu Siegern gekürt. Vorher fielen sie jedoch mit Pauken und Trompeten in die Fallgruben des tiefsinnigen Werkes, dass auch der Sommertag von Wagners Ring des Nibelungen genannt wird.

Die Retter des Abends: Nagano und sein Orchester

Nun ist die Musik des Siegfrieds unheilvoll durchwirkt von den Motiven des „Riesenwurms“, des Fluches etc., feiert aber immer wieder in magischen und lichtdurchfluteten Momenten die Schönheit des Lebens, der Natur und der Elemente. Außerdem reflektiert Wagner im Siegfried in geradezu philosophischer Weise darüber, ob Angst nicht die eigentliche Ursache für die innere Unfreiheit des Menschen ist und was tatsächliche Freiheit bedeutet. Das Bühnengeschehen stand in seiner optischen Bescheidenheit im krassem Gegensatz zur überschäumenden Musik und ihren Inhalten.

Kent Naganos Interpretation hatte nicht unbedingt den absoluten Feinschliff, war jedoch praktisch orientiert, weil sängerfreundlich und publikumswirksam. Die besten Momente erzielte er in den Vor- und Zwischenspielen, wo er ungehemmt symphonisch arbeiten konnte. Seine Vision von der Gesamtanlage des Werkes trug mühelos durch den ganzen Abend – er hatte den Bogen buchstäblich raus.

Die Sogkraft Wagners könnte sich einstellen, wenn man die richtigen Höhepunkte herausarbeitete und den einzelnen Instrumentengruppen und ihren Motiven Raum zum Entfalten geben würde und so geschah es dann auch: Dank der hochmotivierten Musiker des Bayerischen Staatsorchesters wurde es ein sehr emotionaler Abend, einer, der die Erwartungen an einen „Siegfried“ vollständig erfüllte. Denn alles, was Aura hatte, kam bis auf wenige Ausnahmen aus dem Graben.

Kulturdemontage unterm Tarnhelm der Verulkung

Ja, es gibt im Siegfried nicht nur viel Gewalt, sondern auch ziemlich viele Witze. (Siegfrieds Provokation des Drachens: „Redlich und fromm doch scheint mir´s, du verrecktest hier ohne Frist“ ist nur einer davon.) Kriegenburg jedoch nahm dies zum Anlass, mit Gewalt witzig zu sein, was im ersten Akt zähe sechzig Minuten lang überhaupt nicht klappte.

Mit stumpfen Gebrüll liefen die Szenen zwischen Siegfried und Mime ab, die wegen fehlender optischer Attribute eines Alters- und Wesensunterschiedes mehr den Konflikten in einer erkalteten gleichgeschlechtlichen Ehe glichen, als dem von Wagner intendierten Aneinandergekettetsein des Zwergenziehvaters mit seinem unfreiwilligen Heldensohn. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Mime war sowohl stimmlich als auch schauspielerisch weder Fisch noch Fleisch. Es fehlten ihm leider der hinterhältige Biss und der hysterische Größenwahn, der einen richtig guten Mime ausmacht, weshalb er über pauschales Selbstmitleid und den harmlosen Trottel nicht hinauskam.

Überdies flog seine Metallic-Styroporplattenhütte samt Herd und Dunstabzugshaube während des ersten Akts insgesamt sieben Mal auseinander, um den Blick auf Spielszenen der Statisten freizugeben. Und sieben Mal setzte sie sich zum gleichen, lächerlich uninspirierten Versatzstück einer Kulisse wieder zusammen (Bühnenbild: Harald B. Thor).

Der Spaß vertreibt die Langeweile

Doch dann kam die 61. Minute: Siegfried beschließt, ob der Unfähigkeit Mimes, das Zauberschwert Nothung selbst zusammenzuschweißen und mit seinem Schmiedelied war auf einmal die Party eröffnet. Alle, die sich bis dahin über Lance Ryans starken amerikanischen Akzent, Mimes charakterlosen Karo-Pullunder innerhalb des nicht vorhandenen Kostüm- und Maskenbilds (Andrea Schraad), den schwachen Thomas Mayer als Wanderer und seine unmotivierte Rätselszene geärgert hatten, schwenkten auf einmal um. Die gedachten Buhs, die bereits über den Köpfen der Zuschauer geschwebt hatten, verwandelten sich in Begeisterung.

Da war es plötzlich egal, dass Siegfried immer noch Ton neben Ton hämmerte und Mime eine Ratte in den Gifttrank einrührte. Wagners hinreißende Musik, herumhüpfende Röhrengestalten, dazu ein riesiger Blasebalg (auf dem auch einmal eine Frau mit gespreizten Beinen lag) und die per Luftpumpe fliegenden Konfetti-Funken funktionierten als Entertainment und stimmten versöhnlich.

Der einzig wahre Herr der Lage

Den zweiten Akt eröffnete die einzige wirkliche Weltklasse-Wagnerstimme des Abends: Wolfgang Koch als Alberich. Endlich ein Sängerdarsteller, der mühelos den Raum füllen und mit jedem Wort und bis in die kleinste Schwingung hinein erzählen konnte. Wohlartikuliert und hochspannend zog er die Zuhörer in alle Schattierungen der Gedankenwelt des entmachteten Albenfürsten hinein und wurde vokal zum ungekrönten König des Abends.

Auch Thomas J. Mayer hatte sich inzwischen warmgelaufen und der Dialog der Erzfeinde Wotan und Alberich bekam so etwas wie Charakter. Mayer steigerte sich zwar kontinuierlich, wirkte jedoch mit einer Stimme, die von Natur aus eher sandig als stählern klingt, in der Rolle des verkleideten Göttervaters wie jemand, der in einem mehrere Nummern zu großen Mantel versinkt: Die Partie passte einfach nicht zu ihm.

Auf der Suche nach Brünnhilde und mehr als nur zwei Lautstärken

Lance Ryan wirkte nach der Pause wie ausgewechselt: Er konnte auf einmal nicht nur grinsen, sondern auch singen. Optisch erinnerte er übrigens an Leonardo di Caprio in seinen besten Zeiten und versprühte in jedem Moment jugendliche Unbekümmertheit. Er sprang je nach Klangvolumen des Orchesters zwischen rabiatem Fortissimo und leisem, theaterwirksamem Sprechgesang hin und her und spielte sich nun schnurstracks und endgültig in die Herzen des Publikums.

Die kleinen Gags, die sich aus den Umständen ergaben, dass die Bäume aus Menschen drapiert waren, der Vogel auf einer Stange herumgetragen wurde und ein Kontrabassist ihm das Horn aus dem Orchestergraben hochreichte, kompensierten den ernsthaften Mangel an Nachdenklichkeit und Waldromantik. Es gab übrigens nicht mal im Ansatz eine Arbeit mit Licht und Projektionen in Richtung der musikalisch beschriebenen Atmosphären, weder im Wald, noch beim späteren Feuerzauber, dort blieb das beschriebene Lichtmeer ein düsteres Wabern auf Plastikfolie vor pechschwarzem Hintergrund (Licht: Stefan Bolliger)

Siegfried besiegte den Drachen in Form der diesmal rot angestrahlten Statistenschar, die in einem Gitter hing, das mit riesigen Kuscheltierglasaugen und einem Vampirgebiss dekoriert war. Der Blick auf das mit Spannung erwartete Monster war bereits in der Szene mit Alberich und dem Wanderer freigeben worden, weshalb der Drache zweimal auftrat. Rafal Siwek gestaltete Fafner prägnant und mit solidem, rabenschwarzem Bass.

Richtig viel zu tun hatte Anna Virovlansky als Waldvogel. Sie flatterte mit Federfächern umher und sang tadellos zwitschernd und textverständlich mit ihrem sehr hochtimbriertem Koloratursopran. Sie durfte sogar beim Mord an Mime mithelfen, der dadurch zur Lachnummer wurde.

Ein spätes Wunder und blöde Bettgeschichten

Mit der Hoffnung auf starke Frauen ging es in den dritten Akt: Die klanglich massive, eher grobgeschnitzte Erda von Jill Groves erschien umringt vom ameisenartig krabbelnden Statistenheer, das kurz darauf in kollektiven Schlaf versank in Vorbereitung auf die Schlussszene. Lance Ryan war mittlerweile auf der wonnigen Höhe seiner stimmlichen Bestform angelangt (akzentfrei und mit Ausdruck!), mit der er bis zum Schluss begeisterte.

Brünnhildes Erwachen wurde zum schönsten Moment des Abends, und das wunderbare Orchester tat seinen Teil dazu, dass man es kaum erwarten konnte, wie sie eigentlich aussehen würde, die – und das muss anerkennend bemerkt werden – von der Regie äußerst intelligent und geheimnisvoll platziert worden war, mit den Füßen zum Publikum. Catherine Naglestad (langes weißes Kleid, blonde lange Haare) wirkte umwerfend romantisch, der legendären Gwyneth Jones im Chereau-Ring sehr ähnlich. Und sie spielte und sang fantastisch. Sie hatte einen absolut leuchtenden Sopran, der ausdrucksvolle Reife mit mädchenhafter Zartheit verband. Sie war einfach die zum Leben wiedererweckte Göttertochter und damit die Göttin des Abends.

Nach diesen bezaubernden Augenblicken dank einer schönen Frau auf unmenschlich kahler Bühne wurde der Zuschauer mit Holzhammer-Ästhetik darauf hingewiesen, dass es sich hier eine Liebesszene handelte. Ein riesiges knallrotes Seidensegel entfaltete sich im gesamten Bühnenraum und ein Bett wurde hereingeschleppt. Dabei waren Siegfried und Brünnhilde doch gerade erst dabei, sich scheu und fragend kennenzulernen, was Naglestad und Ryan auch wirklich rührend spielten.

Die Statisterie beobachtete die Beiden dabei erwartungsfroh. Nun ja. Am Ende bekam die Frau, die Regie und Rollenanforderung mit Grazie und Stil zu meistern verstand, den größten Applaus unter den Solisten und so nahm der neue Münchener Siegfried doch noch ein gutes Ende.

Den allergrößten Applaus jedoch erhielten Kent Nagano und sein Orchester. Denn ohne sie? Chaos, völlige Anarchie ...

Fazit: Alles in allem theatralische Mittel, zu denen man kreativen Schultheatergruppen in Ermangelung jeglichen Etats gratulieren würde, die aber auf einer der prestigeträchtigsten Bühnen Deutschlands und in einer der wirtschaftsstärksten Städte etwas deplatziert, oder eben wie Kulturdemontage wirken.

 

 

 

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