Aktuelle Nachrichten – Kultur
11.10.2012
Foto: © 2012 AP. Photographer: Sergey Ponomarev/AP/dapd
Berlin – Die zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilte Pussy-Riot-Musikerin Nadeschda Tolokonnikowa hat in einem heimlichen Interview mit dem deutschen "Musikexpress" ihren Alltag in der Haft beschrieben. "Die ganze Zeit über schreibe ich, lese oder nehme an Seminaren teil zu politischen und sozialen Themen, die wir unter Mitinsassen veranstalten", schrieb die 22-Jährige. Der Zeitschrift war es über Anwälte gelungen, ein schriftliches Interview mit Tolokonnikowa zu führen, das aus dem Gefängnis geschmuggelt werden konnte.
Sie lese im Gefängnis auch die Bibel und finde darin Trost. "Mich inspirieren fast alle Worte und Handlungen von Christus. Das Alte und Neue Testament lesen wir öfter und besprechen es unter den Insassen." Ihre Mitinsassen schätzten Pussy Riot für deren ehrliche und offene Äußerung ihrer Positionen. "Wir unterhalten uns über ewige Werte, über Literatur, Kino, Gott und Homosexualität."
Fernsehen schauten sie nicht, Zeitungen gebe es nicht. Zu ihren Bandkolleginnen von Pussy Riot habe sie keinen Kontakt - "Isolation", schrieb Tolokonnikowa knapp. Sie bemühe sich, sich in der Haft nicht auf das Vermissen von etwas oder jemandem zu konzentrieren, sondern "weiter zu arbeiten und sich zu entwickeln".
Tolokonnikowa würde gern im Westen Politologie studieren
Pussy Riot hatten im Februar die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau gestürmt und den damaligen russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin mit einem "Punkgebet" verunglimpft. Drei Frauen wurden zu zwei Jahren Straflager wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" verurteilt. Einer der Musikerinnen, Jekaterina Samuzewitsch, wurde jetzt die Haftstrafe erlassen. Die Strafen gegen Maria Alechina und Tolokonnikowa wurden bestätigt. Der Fall sorgte international für Empörung und löste viele Proteste von Bands und Künstlern aus.
Tolokonnikowa schrieb dem "Musikexpress" mit Blick auf ihr "Punkgebet": "Wir hatten nicht die Absicht, die Gefühle der Gläubigen zu verletzen. Wenn jemand sich gekränkt gefühlt hat, so war das ein Missverständnis." Sie hoffe, die Einmischung westlicher Künstler und Kulturschaffender in den Fall Pussy Riot werde Einfluss auf die politische Situation in Russland haben.
Die 22-Jährige sagte, sie würde gern ein Studium der Politikwissenschaft im Westen beginnen. Ständig dort zu wohnen, könne sie sich aber nicht vorstellen: "Meine Verbundenheit mit der russischen Kultur ist zu groß." Künftige Pläne der Gruppe wollte sie nicht verraten - "damit wir es dem russischen Spitzeldienst nicht zu leicht machen".
Die Gründung einer eigenen Partei erwägen Pussy Riot aber vorerst nicht: "Erst nach einer entsprechenden Ausbildung. Dilettanten gibt es auch so schon ausreichend in der russischen Politik. Ich möchte ihre Reihen nicht noch verstärken."
dapd
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