Aktuelle Nachrichten – Kultur
17.08.2009
Frankfurt/Main – In dem besetzten Frankreich des Jahres 1944 wird von den Alliierten ein Spezialtrupp jüdischer Soldaten aufgestellt. Der Auftrag: So viele deutsche Soldaten wie möglich töten, und zwar so bestialisch wie nur irgend möglich. Denn die Besatzer sollen mit diesen Taten in Angst und Schrecken versetzt werden. Nebenbei wird den jüdischen US-Soldaten auf diese Weise Gelegenheit geboten, sich für die Massenvernichtung ihrer Glaubensgenossen zu rächen.
Dass sich im Verlauf dieses blutigen Sonderauftrags auch noch die Gelegenheit bietet, die versammelte Nazi-Prominenz mit Adolf Hitler an der Spitze in einem Pariser Kino in die Hölle zu befördern, ist eine willkommene Sondereinladung für die Truppe, ihren Einsatz zu krönen. Wer immer noch glaubt, dass der Diktator erst 1945 seinen schmählichen Untergang erlebte, hat den neuen Film von Quentin Tarantino nicht gesehen, der am 20. August unter dem Titel „Inglourious Basterds“ in die Kino kommt. Tarantino, der auch das Drehbuch zu der zweieinhalbstündigen Gewaltorgie verfasst hat, zeigt eine Art Italo-Western, in dem Deutsche Nazis und die Nazis die Bösen sind.
So ganz neu ist das natürlich nicht, aber wohl noch nie wurde es mit solch brutal-sadistischer Lust und so unbekümmert um die historischen Fakten auf die Leinwand gebracht wie in diesem Film eines Regisseurs, der in weiten Kreisen Kultstatus genießt. Wäre es ein anderer gewesen, würde er zumindest in Deutschland weder bei den Kritikern noch an den Kassen Aussicht auf Erfolg haben. Denn „Inglourious Basterds“ ist, allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz, ein Tiefschlag gegen alle Bemühungen, 70 Jahre nach Kriegsbeginn nicht Hass und Rache, sondern den Respekt vor Millionen Gräbern auf allen Seiten in den Mittelpunkt zu stellen.
Mit der aufwendigen Inszenierung einer – durchaus verständlichen – jüdischen Rachefantasie verletzt der amerikanische Regisseur nicht nur die Gefühle all jener Deutschen, die es unerträglich finden, wenn in einem Film des Jahres 2009 pauschal Deutsche mit Nazis gleichgesetzt und zum Abschlachten freigegeben werden. Tarantino erweist auch dem jüdischen Anliegen keinen Gefallen, wenn er Juden als eiskalt-sadistische Killer zeigt, die in einer der widerlichsten Szenen des Films einem deutschen Offizier den Schädel mit einem Baseballschläger zertrümmern.
In einem Interview hat Tarantino über diesen so bestialisch ermordeten Deutschen gesagt: „Er ist ein äußerst tapferer, aufrechter Soldat.“ Auf die folgende Frage, was uns das lehren soll, antwortete der gefeierte Regisseur: „Der Punkt ist: Die Wirklichkeit des Krieges war eben kompliziert“. Und Hitlers Lieblingsfilmemacherin Leni Riefenstahl nennt der Amerikaner ganz unbefangen „die beste Regisseurin, die jemals lebte“. In Kenntnis all dessen müsste Tarantino entweder als Zyniker oder Wirrkopf bezeichnet werden. Aber ein Mann, der 1994 mit dem gewaltlastigen Krimi „Pulp Fiction“ einen Welterfolg erzielte und mit Arbeiten in weiteren Kinogenres große Beachtung fand, kann nicht einfach so abgetan werden.
Deshalb muss Tarantinos neuer Film trotz aller Unsäglichkeiten daran gemessen werden, ob er als Art Sado-Märchen vor historischer Kulisse genügend Unterhaltungswert besitzt, damit sich mitten im Sommer genügend Zuschauer gegen Eintrittgeld 150 Minuten ins Kino zu setzen, um jüdischen Rächern bei der Massakrierung von Deutschen mit und ohne Nazi-Gesinnung zuzuschauen. Die Antwort lautet: Nein. Denn „Inglourious Basterds“ fällt hinter das Niveau anderer Tarantino-Filme zurück, ist voller Klischees, langweilt mit exzessiv ausgedehnten Dialogen, die Western-Musik ist eine Zumutung, die Gewaltexplosionen sind ebenso absehbar wie eklig.
Ein Seelenforscher war dieser Kinomaniac noch nie, aber so desinteressiert an der Psychologie seiner Figuren darf auch ein Kultregisseur nicht ungestraft sein. Dem widerspricht kaum, dass die einzige interessante Figur, der von Christoph Waltz glänzend gespielte SS-Mann Hans Landa, durchaus im Gedächtnis bleibt. Doch auch der dämonisch-charismatische Wendehals Landa wird am Ende noch mit dem Kainsmal des von einem Messer geritzten Hakenkreuzes auf der Stirn versehen – auch deutsche Überläufer sind und bleiben eben Nazis, wenn sie nicht gerade Wernher von Braun heißen und Amerikaner zum Mond befördern.
Brad Pitt als Anführer der Rächertruppe agiert blass, Martin Wuttke ist der schlechteste Hitler-Darsteller seit langem, Daniel Brühl mimt einen reichlich unglaubwürdigen Kriegshelden. Ob die zahlreichen deutschen Darsteller in künftigen Jahren auf ihre Mitwirkung in Tarantinos Machwerk so begeistert wie jetzt zurückblicken werden, bleibt abzuwarten. In den Internet-Foren regt sich jedenfalls schon vor dem Kinostart viel Protest und Kritik gegen das Werk eines Filmemachers, der mit „Inglourious Basterds“ mehr als nur die Grenzen des guten Geschmacks verletzt. (AP)
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