Gipfelstürmer per Dampflok im Harz: Mit Volldampf auf den Brocken

Der Harz, die höchste Erhebung Norddeutschlands, scheint als Publikumsmagnet über sich selbst hinauszuwachsen. „Viele Steine / müde Beine / saure Weine / Aussicht keine / Heinrich Heine.“ Mit diesem poetischen …

Der Harz, die höchste Erhebung Norddeutschlands, scheint als Publikumsmagnet über sich selbst hinauszuwachsen.

„Viele Steine / müde Beine / saure Weine / Aussicht keine / Heinrich Heine.“ Mit diesem poetischen Kabinettstück soll sich der Autor der „Harzreise“ im September 1824 höchstpersönlich im Gipfelbuch des Brockens verewigt haben. Doch dieses gilt längst als verschollen, und niemand kann sich mehr an dessen Existenz erinnern. So stellt sich zu Recht die Frage, ob es denn je existiert hat. Spricht daher nicht einiges dafür, dass das erheiternde aber doch wenig motivierende Kurzgedicht dem vermeintlichen Autor erst später in die Wanderschuhe geschoben wurde?
Unzugängliche Wildheit
War dieser doch von seiner Universitätsstadt Göttingen aus aufgebrochen, um in mutigem  Abenteuerdrang auf die Berge zu steigen. Getrieben von der Absicht, den miefigen Trott hinter sich zu lassen und von den lichten Höhen des Harzes herab lachend auf  die sich selbst genügende bürgerliche Gesellschaft nieder zu schauen.
Immerhin kam er nach mehrwöchiger schweißtreibender Wanderschaft wohlbehalten auf dem Gipfel des Brockens an. Der höchsten Erhebung Norddeutschlands, die sich allein durch ihre unzugängliche Wildheit und ihren unvergleichlichen Ausblick über die Harzberge bis weit hinein in das nördliche Harzvorland stets gebührenden Respekt verschaffte. Doch, wie sollte es anders sein, Goethe war längst schon vor ihm da gewesen. Aufgestiegen auf einem Fußweg, der verklärend bis heute seinen Namen trägt.

„Kolossale Zärtlichkeit“
Das war nicht zu übertreffen, und so musste es für Heine genügen, in seiner Unterkunft zu nächtlicher Stunde inmitten illustrer Gestalten Augen und Ohren offen zu halten. Um sodann mit seiner scharfen Beobachtungsgabe deren Skurrilitäten in seiner „Harzreise“ ein literarisches Denkmal zu setzen. Und am nächsten Morgen, beschwingt durch den Abstieg, seine Wanderung in östlicher Richtung fortzusetzen.  Dorthin, wo ihm an der legendären Felsklippe der Rosstrappe die tief in den Felsen eingeschnittene Bode mit „kolossaler Zärtlichkeit“ entgegen leuchtete.
Auch nach Heine wollte der Strom der Brockenbesucher nicht abreißen. Erst recht, als mit dem Ende des 19. Jahrhunderts die von der Harz-Querbahn abzweigende Brockenbahn die Besucher in einer spiralförmig angelegten Routenführung schnaubend und mit Volldampf auf den Gipfel beförderte.
[–Antennenohren bis Westeuropa–]
Droben im Brockenhaus-Museum sind die geologischen und biologischen Informationen für jeden Besucher ansprechend und kurzweilig aufbereitet. Ebenso die mit der deutschen Teilung verbundenen historischen Ereignisse zu einer Zeit, in der noch die Grenzlinie zwischen Ost und West unmittelbar am Fuße des Brockens verlief. Als Stasi und Warschauer Pakt von hier aus ihre lauschenden Antennenohren bis weit in den westeuropäischen Raum hinein öffneten.
Eckhard Selz, als Museumsführer mit den Ereignissen der letzten Jahrzehnte bestens vertraut, erinnert sich noch genau, wie er früher regelmäßig mit seinem Großvater auf den Gipfel herauf  kam. Vor allem, um Heilkräuter zu sammeln, die nur unter den hier vorherrschenden alpinen Bedingungen gedeihen. Er war einer der ersten, die nach der Einheit wieder hinauf eilten, um hier oben ihrer Freude über den historischen Neubeginn Ausdruck zu verleihen.
Originelle Rathaus-Architektur
Von der politischen Neuorientierung nach dem Kalten Krieg profitierte schon bald der gesamte Ostharz. Denn inzwischen, ein Vierteljahrhundert danach, sind viele der größeren Bauprojekte abgeschlossen. Zum Beispiel in Wernigerode, dem nördlichen Eingangstor zum Brocken. Jenem gepflegten Städtchen, das einlädt mit einem äußerst originell verzierten Rathaus, für dessen architektonische Besonderheiten Gästeführer Adam Lazik die Augen öffnet.

In unmittelbarer Nähe der Stadt überragt zudem an einem Berghang das Schloss der einstigen Fürsten von Stolberg-Wernigerode mit seiner abwechslungsreichen Turmsilhouette die Stadt. Ein liebevoll restauriertes Bauwerk, in dessen gepflegten Inneren Geschäftsführer Dr. Christian Juranek deutliche Bezüge herzustellen vermag zur Harzer Geschichte und zur Geschichte des deutschen Kaiserreiches.
Wiege des Deutschen Reiches
Noch weiter zurück reicht jedoch die Geschichte von Quedlinburg, der Wiege des Deutschen Reiches vor mehr als tausend Jahren. Denn hier findet sich unweit des malerischen Marktplatzes nicht nur der legendäre Finkenherd, an dem, wie die Legende berichtet, einst Heinrich I. von den deutschen Fürsten die Kaiserwürde angetragen wurde.
Ohne zu zögern soll er sie ergriffen und Quedlinburg zu seiner Lieblingspfalz ausgebaut haben, wie Gästeführerin Sabine Houben fachkundig erklärt. Mit einer prächtigen romanischen Stiftskirche, die hoch über der Altstadt thront.
[–Prächtige Domschätze–]
Zum Kostbarsten jedoch, das Quedlinburg aufzuweisen hat, gehört sein mittelalterlicher Domschatz. Heute wieder in der Stiftskirche ausgestellt, galt er in den Wirren des Kriegsendes als verschollen. Bis Teile davon auf dem amerikanischen Schwarzmarkt auftauchten und schließlich der größte Teil der Kostbarkeiten wieder  zurückgekauft werden konnte. Nur noch übertroffen von dem vollständig erhaltenen Halberstädter Domschatz. Dem größten und prächtigsten in ganz Deutschland, wie Dr. Thomas Labusiak nicht ohne Stolz erklärt, dem als Domkustos beide Schätze anvertraut sind.
Hätte Heinrich Heine am Ende seiner Harzreise nicht lieber doch einen Abstecher hierher machen sollen, statt sich in Weimar vor dem alten Goethe zu blamieren? Und sich wegen seiner eigenen Befangenheit und dessen distanzierter Unfreundlichkeit noch einen lange anhaltenden Albtraum einzuhandeln? Denn ehrenrührig war es schon, wenn der Dichterfürst über diesen Besuch in seinem Tagebuch nur schlicht und ergreifend festhielt: „Heine aus Göttingen“. Hatte der unschlagbare jugendliche Spötter schließlich doch noch seinen Meister gefunden?
www.nationalpark-harz.de, www.hsb-wr.de, www.travelcharme.com