Grenzgänger Reinhold Messner

Einsam ruht „Ötzis“ mumienhafter Körper in einer bläulich schimmernden Eishöhle. Als „der Mann aus dem Eis“ ist er der Dreh- und Angelpunkt einer Sonderausstellung, mit der ihn das „Ötzi“-Museum in …

Einsam ruht „Ötzis“ mumienhafter Körper in einer bläulich schimmernden Eishöhle. Als „der Mann aus dem Eis“ ist er der Dreh- und Angelpunkt einer Sonderausstellung, mit der ihn das „Ötzi“-Museum in Bozen anlässlich des 20. Jahrestages seiner Auffindung am 19. September 1991 würdigt. Fast alle Fragen um seine Person sind inzwischen mit wissenschaftlicher Akribie gelöst. Nur nicht die Frage nach den Umständen seines Todes. War dies gar der erste bekannte Mordfall im Skizzenbuch der europäischen Kriminalgeschichte?

Oder sogar eine plumpe Fälschung wie ein Zeitungsartikel als Teil der Ausstellung vermutet? Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner höchstpersönlich habe ihn damals an den Fundort in den Ötztaler Alpen transportiert. Und tatsächlich befand sich Messner zum Zeitpunkt der Auffindung während seiner 41-tägigen Südtirol-Umrundung in unmittelbarer Nähe dieses Ortes. Ein neuer Kriminalfall mit Klärungsbedarf?
Der Bezwinger aller Achttausender wartet bereits im „Messner Mountain Museum“, einer gepflegten Burgruine am Rande von Bozen. Ihn umgeben zur Reflexion und Meditation anregende fernöstliche Exponate, die über das ganze Ausstellungsgelände hinweg verteilt sind. In Messners markantem Gesicht spiegelt sich etwas von seiner lebenslangen Besessenheit wider, die ihn stets vorantrieb. Und nicht zuletzt sein fester Glaube, im Extremfall selbst Berge versetzen zu können.
Umso bemerkenswerter das leichte Lächeln, das über seine Züge huscht, als die „Ötzi“-Unterstellung ins Gespräch kommt. Dies alles habe er zum Glück hinter sich, gesteht er erleichtert und verweist beim hastigen Durchblättern des Bozener Ausstellungskatalogs auf den neuesten Stand der Wissenschaft. Wichtiger scheint ihm jedoch die Tatsache, dass er damals Schlimmeres habe verhindern können. Denn sofort hatten sich die Österreicher der Mumie bemächtigt und sie hinunter nach Innsbruck abtransportiert. Widerrechtlich! So musste er ihnen erst erklären, dass sie die Wasserscheide im Hochgebirge mit der Staatsgrenze verwechselt hatten. Und die lief knapp aber eindeutig um „Ötzi“ herum und machte aus ihm unwiderruflich einen Südtiroler.
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Inzwischen hat Messner, das zeigen die zahlreichen Publikationen in dem kleinen Museumsladen, den Karrieregipfel längst erreicht. Zumindest was seine Bergbesteigungen und Wüstendurchquerungen anbelangt. Und auch seine Karriere als Museumsgründer und Europapolitiker. Doch Messner wäre nicht er selbst, wenn er als der Erfinder einer effizienten Logistik nicht stets auf der Suche nach  Möglichkeiten wäre, sich erneut in die Diskussion einzubringen und Andere von seinen Erfahrungen profitieren zu lassen.
Vor allem Unternehmer und Geschäftsleute, die offen sind für neue Ideen und außergewöhnliche Anregungen. Ihnen gilt neuerdings sein Interesse, das ihn um die ganze Welt herum führt zu Vorträgen und Referaten. Nicht besserwisserisch oder mit erhobenem Zeigefinger. Vielmehr „als jemand, der Geschichten erzählt“, Geschichten des Erfolges und des Scheiterns, die genügend Anhaltspunkte bieten, um daraus auf anderer Ebene eigene Konsequenzen zu ziehen.
Selber geschult durch fernöstliche Weisheit, spricht aus ihm ein Suchender, der in zum Teil lebensbedrohenden Situationen selber zum Philosophen herangereift ist. Als solcher traut er sich in aller Zurückhaltung und Bescheidenheit zu, „Erfahrungen des Extrembergsteigens auf das Management übertragbar zu machen“. Nicht zuletzt durch die verbindende Erfahrung, dass das Erfolgsgeheimnis vor allem beruhe auf der asketischen Konzentration auf das Wesentliche.
Ebenso zentral ist für ihn die Erkenntnis, dass die Kunst des richtigen Gehens im richtigen Weg begründet liegt. Na klar, die Zielsetzung beim Bergsteigen ist zunächst einfach: Der Gipfel ist oben, er ist sichtbar und zumeist auf Landkarten eingetragen. Ihn direkt anzusteuern wäre jedoch ein verhängnisvoller Fehler, wie beispielsweise seine Bezwingung des K2, des zweithöchsten Berges der Welt, beweist. Hier bedarf es einer langen Vorbereitung, da der letzte Schritt zum Gipfel stets abhänge vom ersten soliden Schritt dem Gipfel entgegen.
Der Weg entlang dem Risiko zum angestrebten Ziel lasse sich durchaus als ein „Grenzgang“ bezeichnen: sich in der Vertikalen und der Horizontalen, in der Höhe und in der Weite bewusst zu begeben an den Rand der eigenen Möglichkeiten. Und immer wieder einen Schritt weiter zu gehen, ohne dabei umzukommen. Eine Sichtweise, die Manager in den letzten Jahren dazu verleitet hat, manchmal einen  Schritt zu weit zu gehen?
Denn Fehler werden gemacht, das weiß auch Messner nur allzu gut, wie er anhand seiner Grönland-Durchquerung erläutert. Doch genau darin besteht die Lebenskunst des Grenzgängers, gemachte Fehler zu korrigieren und daraus die erforderliche Innovationskraft zu gewinnen. So ist für ihn das Scheitern zumeist der Beginn eines Lernprozesses mit dem Versuch späterer Irrtumsbeseitigung. Und dahinter verbirgt sich das Lebensziel des Weisewerdens im Erkennen und Anerkennen der menschlichen Grenzen. Wer allerdings ausschließen wolle zu scheitern, der komme auf Dauer nicht weiter.
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Woher aber käme der Sinn, der uns auf dem Lebens- und Berufsweg antreibt? „Sinn wird uns nicht von außen eingetrichtert, wir geben Sinn“, weiß Messner aufgrund seiner langen Erfahrung zu berichten. Dabei unterscheidet er strikt zwischen dem kollektiv zugeordneten Sinn und dem Sinn, der entsteht aus persönlichem Gewichten, aus eigenem Sinn stiften. Lassen sich diese Erkenntnisse des Grenzgängers Messner aber auch übertragen auf die Situation im Bereich der Wirtschaft oder des Bankwesens?
Messner zeigt Verständnis. Es gehe ihm nicht vordringlich um geographische Eroberungen, sondern um das „Ausleuchten meines Spielfeldes“. Nebulöse Vorsätze und idealistisches Wollen will er solange überprüfen, bis sich daraus eine konkrete Handlungs-Wirklichkeit ergibt. Eine Vorgehensweise, die er anhand seiner Himalaja-Unternehmung zum Gasherbrum I, auch Hidden Peak genannt, verdeutlicht. Eine riskante Angelegenheit. „Doch Erfolg hat auf Dauer nur, wer sich mit seiner Sache identifiziert, nicht mit seinem Image.“ Eine Erkenntnis, sicherlich auch übertragbar auf andere Lebensbereiche.
Es bedarf für den Erfolg demnach einer Vision, die sich im Bewusstwerdungsprozess zu einer Realutopie entwickeln muss. Nicht Kleinmütigkeit ist dabei angesagt, sondern der Mut, sich der Grenze des Machbaren – wenn auch in kleinen Schritten – zu nähern, stets wissend um die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Und offensichtlich hat Messner diese niemals überschritten – darin ein Vorbild jedem, es ihm gleich zu tun.
Welchen Stellenwert jedoch hat für ihn die klare Kosten-Nutzen-Analyse? Auch dabei bewegt er sich im Grenzbereich zwischen dem Erreichen des Ziels und der Nutzlosigkeit der Unternehmung. Grundsätzlich hält er Arbeit und Spaß miteinander vereinbar und fühlt sich als privilegiert, seine „Verrücktheiten“ ausleben zu können. Ein Vorteil, den sicherlich nicht jeder seiner Zuhörer für sich in Anspruch nehmen kann.
Wohl eher sein Bekenntnis zur „Seilschaft als Zweckgemeinschaft“ und damit der  Erkenntnis, manchmal eines verlässlichen Teams zu bedürfen, das ebenso ernsthaft die gesteckten Ziele im Auge hat. Und an dessen Spitze stehe natürlich jemand, der als psychisch-physisch stärkste Persönlichkeit die Führung übernimmt. Eine gruppendynamische Situation, für die in anderen Lebensbereichen im Einzelfall der jeweilige Nachweis erst zu erbringen wäre.
Für alle Grenzgänger jedoch gilt, dass Mut und Angst wohl als gleichwertige Hälften eines unteilbaren Ganzen gesehen werden müssen: „Dabei darf Angst nicht als Makel und Mut nicht als Ideal betrachtet werden.“ Wer dies nicht tue, überlebe nicht lange – sowohl im Gebirge als auch in der Wirtschaft.