Sommerliche Begegnungen im Ötztal

Das Tiroler Ötztal bei Sölden wartet auf mit bezaubernder Landschaft und beeindruckenden Menschen. Allen Anderen an Höhe überlegen die Wildspitze, mit 3774 Metern die unangefochtene Königin der Region. Für Bergführer …

Das Tiroler Ötztal bei Sölden wartet auf mit bezaubernder Landschaft und beeindruckenden Menschen. Allen Anderen an Höhe überlegen die Wildspitze, mit 3774 Metern die unangefochtene Königin der Region. Für Bergführer Martin Gstrein gehört sie seit langem zum täglichen Leben. Mit 17 Jahren, so erinnert er sich, hat er sie zum ersten Mal bestiegen. Und dann kamen – hier kann er nur noch raten – in den nächsten 65 Jahren mehr als 700 weitere Besteigungen hinzu. Da kann die Gruppe der Bergwanderer, die sich ihm anvertraut hat, nur staunen. Denn sie schafft es heute nur bis zur Breslauer Hütte und stößt bei 2848 Höhenmetern, davon 500 nur selbst erarbeitet, schon hart an ihre Grenzen.

Noch dreieinhalb Stunden wären es von hier aus bis zum Gipfel. So jedenfalls steht es auf einer Anzeigetafel hinter der Hütte mit einem Pfeil nach schräg oben. „Das muss ich heute nicht haben“, murmelt einer. Und wenn er wollte, hätte er sicherlich wesentlich früher aufbrechen müssen. Denn die Hochalpen haben ihre eigenen Regeln, denen sich niemand durch eigene Logik oder Unachtsamkeit entziehen kann. Bergführer Martin macht das immer wieder deutlich, wenn er mit der Präzision eines Uhrwerks die Füße voreinander setzt und damit seine Trittfestigkeit unter Beweis stellt.

Fernwanderung mit den Augen
Das Hochgebirge am Fuße der Wildspitze belohnt mit einer Fülle von Naturschönheiten, denen sich der Wanderer nur zu öffnen braucht: die Bergketten im Vorfeld von Hochgurgl und Obergurgl, der Rofenkar-Gletscher mit seinem vorgelagerten Bergsee in hellem Türkis, die graubraunen Gesteinshalden, die der zurück weichende Gletscher hier in den letzten Jahrzehnten abgeladen hat. Und gleich dahinter, man kann ihn von hier aus nur erahnen, der Rettenbachgletscher, der auch in diesem Jahr Ende Oktober zur Weltcup-Eröffnung viele tausend Zuschauer in diese Gegend locken wird.
In der kalten Jahreszeit, wenn der Winter seine weiße Decke über die Hochgebirgslandschaft geworfen hat, mögen die Konturen verschwimmen. Nun aber, mitten im Sommer, zeigt sich die Schroffheit der Gegend in allen Details. Sie erlaubt es den Augen, selbst bei einer kurzen Rast die Wanderung fortzusetzen und von den Dreitausendern bis hinunter ins Tal zur Ötztaler Ache seine Lieblingsziele für die nächsten Tage auszukundschaften. Auf halber Höhe vielleicht eine idyllisch gelegene Alm, die mit guter Aussicht und guter Küche zum Verweilen einlädt?
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Betriebsgeheimnis eines Almwirts
Ein solcher Ort ist zweifellos die „Gampe Thaya“, eine Almwirtschaft mit tibetanisch klingendem Namen in 2000 Metern Höhe oberhalb von Sölden. Von der Mittelstation der Gaislachkoglbahn ist es nur eine halbe Stunde auf schmalem Pfad durch ein kleines zerzaustes Bergwäldchen – und schon öffnet sich der Blick über das Obere Ötztal hinweg auf die Vorläufer der Stubaier Alpen. Hier präsentiert sich für den Besucher eine Bergidylle, geradezu typisch im Vergleich zu allem, das er bisher an Vergleichbarem gesehen und erlebt hat.
Dem Wirt der Almhütte, Jakob Prantl, geht der Ruf voraus, er habe zu vielen Dingen des Lebens in den Bergen seine besondere Meinung. So etwas macht neugierig und gibt Anlass zu der Hoffnung, Näheres über das Betriebsgeheimnis des Almwirts zu erfahren. Und der nimmt sich, kaum ist das Essen unter freiem Himmel auf der Terrasse aufgetragen, auch tatsächlich Zeit für ein ausführliches Gespräch. Es ist eine Unterhaltung, die besticht durch die Offenheit, mit der sich Jakob Prantl seinem Gesprächspartner mitteilt.
Eigenverantwortung und Fremdkontrolle
„Ich bin Bauer“, sagt er nicht ohne Stolz, und hat damit in knappster Form seine eigene berufliche Identität umschrieben. „Eine Almhütte ohne eigene Almwirtschaft?“ Nein, soweit würde er es niemals kommen lassen, denn beides gehöre unbedingt zueinander. Diese Kombination beschere ihm zwar einen 14-Stunden-Tag. Doch der Verzicht auf jegliche Eigenproduktion sei für ihn genauso stillos wie ein mehrfacher Almabtrieb im Spätsommer, nur um anderen damit eine Schau zu bieten.
Als Bauer in seinem eigenen Almbetrieb trägt er natürlich auch die volle Verantwortung für alles, was hier geschieht. Er kennt sogar, so gesteht er auf Nachfrage, alle seine 14 Melkkühe mitsamt den 16 Jungtieren mit Namen. Umso mehr findet er es als unangemessen, wenn zuständige Kontrolleure – woher auch immer – ihm das Heft des Handelns aus der Hand zu nehmen versuchen. Denn schließlich wisse er selber am besten, wie gedüngt, wie viel gefüttert und wie viel Ertrag von den Tieren erwartet werden solle.
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Sonntagsruhe und Slow Food Ernährung

In die Lokalpolitik gehen? „Bloß nicht“, entfährt es ihm: „Ich gehe die gerade Linie“, fügt er erklärend hinzu als jemand, der offenbar nur ungern Kompromisse eingeht, die seinen Wertvorstellungen zuwider laufen. Dazu gehört, dass er nie an einem Sonntag zur Feldarbeit aufbricht oder als Verfechter der Slow-Food-Ernährung keine Spaghetti oder Pommes serviert: „Die Gäste“, so erklärt er nachdenklich, „sollen das spüren und sich ihre Gedanken dazu machen“. Denn „ich verkaufe alles“, bemerkt er abschließend mit verschmitztem Lächeln, „nur nicht mich selbst“. Ein Bekenntnis, das man ihm umgehend abnimmt.
Und sogleich gewährt er noch einen Einblick in sein wunderbar renoviertes Alm-Bauernhaus, das einzige in dieser Qualität erhaltene in der ganzen Umgebung: Küche und Wohnstube mit niedriger Decke auf der Vorderseite, dahinter die Schlafzimmer für Eltern und Mädchen, droben auf dem Dachboden für die Jungen. Von den einstigen Viehunterkünften ist allerdings nichts mehr zu sehen. Sie wurden stilvoll ausgebaut zu Gästeräumen, an deren gemütlichen Tischen man augenblicklich Platz nehmen möchte.
Nein, Leichtlebigkeit ist es in der Tat nicht, die die Menschen hier oben in den Bergen auszeichnet. Vielmehr, so zeigt Jakob Prantls Beispiel, sind sie geprägt durch Ernsthaftigkeit bei gleichzeitiger Freude an der Arbeit, durch Gradlinigkeit und eine liebenswürdige authentische Ausstrahlung. Ein Nachmittag, der zu denken gibt und bereits neue Urlaubspläne schmieden lässt.