Winterromantik in den Kitzbüheler Alpen

Es ruft der Berg, und Ungeduld spiegelt sich in den Gesichtern. Endlich gibt Bergführer Hubert das Zeichen zum Aufbruch. Denn gerade hat sich die leicht durchlöcherte Wolkendecke vollends zur Seite …

Es ruft der Berg, und Ungeduld spiegelt sich in den Gesichtern. Endlich gibt Bergführer Hubert das Zeichen zum Aufbruch. Denn gerade hat sich die leicht durchlöcherte Wolkendecke vollends zur Seite verschoben. So kann die grell hervor leuchtende Morgensonne nun ungehindert die winterherrliche weiße Schneedecke zum Strahlen bringen.

Genau vierhundert Höhenmeter sind es von der Seilbahn-Mittelstation bis hinauf zum Gipfelkreuz des Schatzberges, der sich als respektabler Zweitausender über dem Tiroler Alpbachtal auftürmt. Und wo andere auf der nahen Piste mit Schi und Snowboard in eleganten Schwüngen zum Schiort Inneralpbach hinunter wedeln, soll nun der Berg mit untergeschnallten Schneeschuhen in genau entgegen gesetzter Richtung bezwungen werden. Nicht jeder fühlt sich dabei gleich wie ein kleiner Reinhold Messner. Zum Glück jedoch verstärkt eine Spur im Neuschnee die Zuversicht, dass jemand kurz vorher diese Herausforderung bereits erfolgreich auf sich genommen haben muss. Auf geht’s!
Spielzeugsiedlungen im Tal
In der Tat: Geschenkt wird den Schneeschuhwanderern nichts. Schritt für Schritt, Meter um Meter stapft ein jeder durch die dicke Schneeschicht voran so gut er kann. Und wären da nicht zwischendurch die zur kurzen Rast einladenden kleinen Almhütten mit ihren einfachen Holzbänken, stieße mancher sicherlich schon bald an seine körperlichen Grenzen.
Nach und nach öffnet sich eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch, in der die Siedlungen tief unten im Tal auf Spielzeuggröße zusammenschrumpfen.  Dann schließlich ist auf halber Höhe nach fast zwei Stunden endlich der Punkt erreicht, an dem jeder seine anfänglichen Gedanken an eine vorzeitige Umkehr nicht mehr wahrhaben will. Denn nun entschädigt der Blick in die Ferne reichlich für die vorangegangene Kraftanstrengung.

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Panorama der Berggiganten
Es ist dies der Augenblick für Bergspezialist Huberts großen Auftritt. Mit ausgestrecktem Arm erklärt er fachkundig die Namen der Gipfel und Gebirgszüge ringsum, deren wahre Höhe als stattliche Fast-Viertausender sich aus der Ferne nur erahnen lässt: vom Großglockner im Westen über die Zillertaler und Stubaier Alpen bis hin zum Karwendelgebirge im Osten beschreibt sein Arm im Uhrzeigersinn einen weiten Bogen, bis schließlich nur noch der vorgelagerte Reither Kogel und das Rofangebirge als die Hausberge des „Alpbachtal Seenlandes“ übrig bleiben.
In die Begeisterung über dieses gewaltige Hochgebirgspanorama mischt sich nun sogar ein wenig Stolz darüber, es bis hierher geschafft zu haben. Ein Erfolgserlebnis, das sich droben in der gemütlichen Berghütte nahe dem Gipfelkreuz sogar noch steigert und sogleich mit einer deftigen Jause bei kräftiger Leberknödelsuppe, verführerisch duftenden Bratkartoffeln mit Schinkenspeck und zu guter Letzt einem heimischen Zirbenlikör angemessen gefeiert wird.
Schönheitskonkurrenz der Alpendörfer
Wie der Ausblick von oben verwöhnt bei der Rückkehr auch der Anblick der schmucken Häuser drunten im Tal. Denn hier präsentiert sich mit dem Ort Alpbach nichts Geringeres als „das schönste Dorf Österreichs“. Ein Spitzenplatz im jährlichen Ranking, den Alpbach seiner ebenso einheitlichen wie geschmackvollen Holzbauweise zu verdanken hat. Ein Ort zum Träumen und Genießen, denn jedes Haus entlang den schmalen Dorfstraßen und an den steil ansteigenden Hängen hinter der Hauptstraße erweist sich in seiner individuellen handwerklichen Ausgestaltung als ein Kunstwerk für sich.
Bei einer Selbstdarstellung dieser Qualität schläft natürlich auch die Konkurrenz nicht. Und richtig: Nur ein paar Kilometer entfernt liegt direkt am Inn der Ort Rattenberg. Mit knapp 400 Einwohnern ist er die sprichwörtlich „kleinste Stadt Österreichs“, aber was für eine! Denn Rattenberg seinerseits imponiert mit seinen prächtigen Fassaden, die ihrerseits die Hauptstraße der vom Fluss und Berg eingezwängten Ortschaft einrahmen.
Kurz: ein Städtchen, dem einst mit dem florierendem Bergbau und den sprudelnden Zolleinnahmen an der verkehrsreichen Wasserstraße des Inn der Reichtum nur so zugeflossen sein muss und dadurch Geld im Überfluss in die heimischen Kassen spülte. Diese Vermutung weiß Stadtbegleiterin Sabine zu bestätigen, die zielsicher die markantesten Vorzeigeobjekte des Städtchens ansteuert. Allen voran der von einem verspielten Arkadengang verzierte romantische Malerwinkel, an dem das Klicken der Kameras bereits vorprogrammiert ist.
Reichtum und Hochmut
Er bildet zugleich auch den Zugang zu der „ausgefallensten Barockkirche der Region“. Diese erweist sich als ein Eldorado stimmig aufeinander abgestimmter Figuren und Ornamente. Doch noch aufschlussreicher für das einstige Leben in der Stadt ist die Tatsache, dass neben dem Hauptschiff noch ein ebenso prächtiges und funktionsfähiges Seitenschiff besteht. Genau der Ort, so erklärt Sabine, an dem einst die Bergknappen ihren separaten Gottesdienst abhielten, weil sie sich wegen ihres doppelt so hohen Einkommens für etwas Besseres hielten.
Hätte es damals schon den auf der anderen Flussseite gelegenen Kramsacher Museumsfriedhof gegeben, heute bekannt als „der lustigste Friedhof Europas“, wäre Ihnen ihr Hochmut sicherlich noch einmal durch den Kopf gegangen. Denn hätten sie sicher sein können, ob sie  wegen ihrer arroganten Grundeinstellung auf ihren Grabinschriften nicht wie andere auch mit beißendem Spott und gepfefferter Ironie überschüttet worden wären?
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Schönheit und Eitelkeit
Diesem Risiko waren die zahlreichen Glasbläser der Stadt nicht ausgesetzt. Auch sie hatten in Konkurrenz zum venezianischen Glas ein Schweiß treibendes Handwerk auszuführen und bringen nach den im Verlauf der Jahrhunderte stets verfeinerten Fertigkeiten auch heute noch wahre Wunderwerke hervor.
Das zeigt sich bei einem Rundgang durch die Felsenkeller und Ausstellungsräume der Glasbläserei Kisslinger, die hier bereits während des Dreißigjährigen Krieges mit der Produktion begann. Und die heute Gegenstände produziert, die, wie Firmenleiter Hannes Kisslinger betont, im Grunde niemand mehr braucht, weil er schon alles hat. Die andererseits aber, wie er mit einem Lächeln hinzufügt, so schön und originell sind, dass jeder sie haben möchte.
Ähnlich wie im nahen Ort Reith, der während der Sommersaison wegen seiner Blumenpracht als „das schönste Blumendorf Europas“ gefeiert wird. Hier wohnt Georg Leitner, heute noch einer der wenigen hauptberuflichen Federkielsticker der Region. Schon ab morgens früh um fünf stellt er sich in den Dienst menschlicher Eitelkeit, indem er Trachtengurte mit Mustern aus schmalen Pfauenfederstreifen verziert. Selbst ein Stardirigent sowie der Landeshauptmann von Tirol gehören, wie Georg Leitner im Gespräch durchblicken lässt, zu seiner Kundschaft. Doch auch sie müssen wegen der starken Nachfrage nicht weniger als eineinhalb Jahre auf ihre die Jahrhunderte überdauernden Schmuckstücke warten.
Naturmaterialien und Naturheilkunde
Über eine noch ausgefallenere Kundschaft freut sich nahe dem Dorfzentrum von Reith die Doggelnmacherin Anneliese Naschberger. In Handarbeit produziert sie Hausschuhe, „Doggeln“, in fünf Lagen aus Wolle, Baumwolle und Filz. Ihr Ruhm dringt bis weit hinauf  in den Himalaja, aus dem die Shaolin-Mönche, die zuweilen an kalten Füßen leiden, sich hier mit den praktischsten und zugleich „wärmsten Hausschuhen der Welt“ eindecken.
Wer sich bei den eisigen Temperaturen während der Wintermonate dennoch eine Erkältung zuzieht, dem steht nur wenige Meter entfernt der Naturladen „Einfach Leben“ zur Verfügung. Hier werden – erstmals in der Region – die bewährten Naturheilmittel der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen angeboten. Für Eingeweihte eine Offenbarung, wie die Geschäftsführerin des Hotels Pirchner Hof bestätigt, in dem die neunhundert Jahre alten Kenntnisse in der Küche sowie im Wellnessbereich bereits seit längerer Zeit Anwendung finden. Bis hin zum Heilfasten, bei dem, wie es heißt, durch Ernährungsumstellung unter fachmännischer Anleitung die Pfunde nur so purzeln.
Keine schlechte Idee, dem Winterspeck im Frühjahr auf diese zwischenzeitlich in Vergessenheit geratene Naturmethode zu Leibe zu rücken. Gerade dann, wenn die Traumlandschaft und die zahlreichen Attraktionen des „Alpbachtal Seenlandes“ den Besucher, wie das anfängliche Schneeschuhabenteuer beweist, ohnehin auf Trab halten.