Malaysia und Malakka im Aufwind

“Wo ist der Tiger?“ Die rhetorische Frage des „Tiger Rag“, sonst bei heißen Rhythmen eher zur Belustigung beitragend, wird urplötzlich zur Realität. Ein einziger Tatzenabdruck auf feuchtem Dschungelpfad reicht aus, …

“Wo ist der Tiger?“ Die rhetorische Frage des „Tiger Rag“, sonst bei heißen Rhythmen eher zur Belustigung beitragend, wird urplötzlich zur Realität. Ein einziger Tatzenabdruck auf feuchtem Dschungelpfad reicht aus, um hochgesteckte Abenteuerlust augenblicklich in zögerliche Habachtstellung zu verwandeln. Wo ist er? Lauert der Tiger bereits in einem Hinterhalt?  Vorsicht scheint geboten. Denn steht nicht, wie man behauptet, auf Unachtsamkeit im Gesetzbuch der Natur die Todesstrafe?

Undurchdringlichkeit des Unterholzes
Ranger Bakri sieht es gelassen. Er deutet die feuchtschwüle Mittagshitze als ein sicheres Indiz für den Rückzug des gestreiften Jägers unter das schützende Blätterdach des tropischen Regenwaldes. So gilt nun die volle Aufmerksamkeit des Begleiters dem Krächzen der Nashornvögel und dem Geschrei der Nasenaffen. Als markantes Staccato bilden sie die auffälligen Muster in einem eher eintönigen Klangteppich des Dschungels, gewoben aus dem monotonen Quaken der Frösche und dem schnarrenden Zirpen der Zikaden. Eine Urwald-Musik, die jedoch ausreicht, um die spärlich durchdringenden Sonnenstrahlen auf dem Blätterparkett des Urwald-Bodens zum Tanzen  zu bringen.
Es ist das täglich neue Spiel der Natur im Royal Belum State Park, mit 130 Millionen Jahren der älteste Regenwald der Erde. Bis heute behält er wegen der Undurchdringlichkeit des Unterholzes die meisten seiner Geheimnisse für sich und präsentiert sich im nördlichsten Teil des Landes als die wilde Seite von Malaysia. Breite Flussarme und Fjorde in seinem Zentrum bilden eine bizarre Seenlandschaft, die die Orientierung erschwert und das Vertrauen in die langjährige Erfahrung des Bootsführers voraussetzt. Nur die sprühenden Wasserfälle der Uferlandschaft setzen Orientierungsmarken in der hoch aufragenden Blätterwand dieser unberechenbaren „grünen Hölle“.

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Giftpfeil und Potenzmittel
Und doch ist sie die Heimat der Orang Asli, jener Ureinwohner melanesischer Abstammung, die sich hier in eine kleine Holzhütten-Siedlung auf Bambusstelzen zurückgezogen haben. Scheu und gezeichnet vom Ernst des (Über-)Lebens empfangen sie die hin und wieder bei ihnen anklopfenden Fremden, zeigen ihnen ihr winziges, nur wenige Quadratmeter großes Schulgebäude, weisen sie ein in die Technik des geräuschlosen Jagens mit dem Giftpfeil-Blasrohr. Und bieten ihnen dazu ihre Fortpflanzungs-Geheimwaffe zum Kauf an, jene legendäre „Tongkat Ali“-Wurzel, die geraspelt und als Tee gereicht sich unter Kennern als malaysisches Potenzmittel bewährt hat.
Von der Fruchtbarkeit dieses Landstrichs profitiert sogar die Rafflesia-Pflanze, die größte Blütenpflanze der Welt. Als kleine dunkle Knolle sucht sie sich – unauffällig wie ein Kuckucksei – ihren Platz auf dem borkigen Stamm eines der Urwald-Riesen. Um dann plötzlich, sobald ihre Zeit gekommen ist, für nur wenige Tage ihre in majestätischem Purpur erstrahlenden Blütenblätter zu öffnen. Gerade so, als wollte sie durch ihre beeindruckende Schönheit nachträglich die Genehmigung für ihr Schmarotzertum bei ihrem bislang ahnungslosen Gastgeber einholen.
Abwechslungsreiche Kolonialgeschichte
Mit ihrer üppigen Farbentfaltung steht sie zugleich symbolisch für das bunte Malaysia, wie es sich seit Jahrhunderten als Schmelztiegel unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen präsentiert. Besonders intensiv zeigt sich diese Vielfalt in der Stadt Malakka an der Straße von Malakka. Jener Meerenge zwischen der Malaiischen Halbinsel  und der indonesischen Insel Sumatra, die noch vor wenigen Jahren als Piratenhochburg Schlagzeilen machte.
Doch das ist nun vorbei, und heute präsentiert sich die schmucke Altstadt von Malakka sogar als ein südostasiatisches Kulturzentrum, das den ihr kürzlich verliehenen Ehrentitel eines Unesco-Weltkulturerbes zu Recht trägt. Der Grundstein dazu wurde bereits vor fünfhundert Jahren gelegt. Denn schon kurz nachdem Vasco da Gama den Seeweg nach Indien um Afrika herum entdeckt hatte, waren es die Portugiesen, die hier an dieser strategisch wichtigen Stelle ihre Duftnoten setzten.
Später kamen die Holländer, die mit ihren gepflegten Häuserfassaden und rechtwinkligen Straßenzeilen der Stadt bis heute ihr besonderes Aussehen verliehen. Selbst die Engländer, die dann im Verlauf der Kolonialgeschichte deren Erbe übernahmen, fügten sich ein in diesen vorgegebenen Rahmen in Sichtweite des imponierenden Alten Rathauses.
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Fantasie anregende nächtliche Kulisse

So ist der Rathausplatz von Malakka noch heute Treffpunkt all jener, die sich aufmachen, um den Zauber der Stadt und die historischen Etappen der Stadtentwicklung nachzuvollziehen. Am besten dreirädrig in einer knallig bunten Rikscha, die sich dezent klingelnd ihren Weg durch die engen Straßen bahnt. Vorbei an der alten Stadtbefestigung, dem einstigen Sultanspalast, gepflegten buddhistischen Tempelanlagen sowie an prächtigen Herrenhäusern malaiischen, indischen und natürlich chinesischen Ursprungs.
Keine Erkundung der Altstadt von Malakka ist jedoch  romantischer als eine nächtliche Bootsfahrt. Auf  ruhig dahin strömenden  Kanälen, die wie holländische Grachten vorbei führen an alten Lagerhäusern, einladenden Restaurants und traditionellen Stelzenhäusern. Im Halbdunkel dezenter und Fantasie anregender Beleuchtung erweist sich Stadtführer Bernard Goonting mit seinen Eltern und Großeltern jeweils unterschiedlicher Nationalität  als bestes Beispiel für die Bevölkerungsvielfalt seiner Heimatstadt. Und um die Originalität seiner multikulturellen Herkunft noch zu überhöhen, verabschiedet er seine Gäste bravourös in mehr als fünfzig Sprachen.
Buntes Kaleidoskop kultureller Vielfalt
Es ist ein buntes und harmonisch wirkendes Miteinander, das allerdings noch übertroffen wird von dem alljährlich in der Landeshauptstadt Kuala Lumpur stattfindenden  Festival „Colours of Malaysia“. In einer dreistündigen Choreographie strömen Tausende von Tänzern aus allen Teilen des Landes über den Merdeka Square und vermitteln dadurch genau diese unglaubliche kulturelle Vielfalt, aus der heraus der Vielvölkerstaat Malaysia seine nationale Identität schöpft.
Indische Shiva-Jünger, chinesische Neujahrsfest-Ekstatiker, malaiische Trommelwirbler, dazu Repräsentanten der gegenwärtigen malaysischen Sport- und Musikszene fügen sich zusammen zu einem bunten Kaleidoskop. Und demonstrieren damit zugleich die unterschiedlichen Reize ihres Landes, das neben der südlichen Malaiischen Halbinsel auch noch die nicht minder attraktiven Landesteile Sabah und Sarawak im Norden der Insel Borneo (Kalimantan) umfasst.
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Zwillingstürme als Ikone
Hinzu kommt das moderne Malaysia, das die Attraktivität des wilden und bunten Landes am Äquator vervollständigt. Unübersehbar der „Menara Kuala Lumpur“, der sich mit seinen 421 Metern als einer der weltweit höchsten Telekommunikationstürme zum Besucherziel Nummer eins gemausert hat. Nicht nur wegen seines Drehrestaurants in luftiger Höhe. Sondern vor allem wegen der runden Aussichtsbühne, die einen Blick auf Augenhöhe ermöglicht zu den Spitzen der nahe gelegenen  „Petronas Twin Towers“. Noch immer sind diese mit 452 Metern Höhe bei 88 Stockwerken die höchsten Zwillingstürme der Welt und zugleich – wen sollte es wundern – die alles überragende Ikone der Stadt.
Einstmals eine ideale Kulisse für Sean Connery und Catherine Zeta-Jones in ihrem Thriller „Entrapment“ („Verlockende Falle“), in dem sie bei Atem beraubenden Fassaden-Kletterjagden zur Mitternachtsstunde der Jahrtausendwende den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen scheinen. Eine Kinosensation, die Interesse weckte an einem Land,  das erst relativ spät damit begann, das Augenmerk des Auslands auf seine landschaftlichen und kulturellen Schätze zu lenken. Ganz im Unterschied zum Nachbarn Thailand, der bereits wesentlich früher damit anfing, asiatische Urlaubsträume wahr zu machen.
Inspirierender Modernisierungsschub
Weniger bekannt als die Attraktionen im Zentrum von Kuala Lumpur ist das neue Regierungsviertel Putrajaya am Rande der Stadt, in dem sich bereits jetzt die planerische Stilsicherheit der verantwortlichen Architekten allgegenwärtig manifestiert. Denn hier verbinden sich – ganz im Stil des aufstrebenden Landes – ultramoderne Bauwerke mit traditionellen Erholungszentren zu einer inspirierenden architektonischen Einheit, wie Assistant Director Noor Azhar anhand zahlreicher Beispiele vor einer Bootsfahrt durch das Areal verdeutlicht. Ein Anziehungspunkt vor den Toren der Stadt, dessen Attraktionen und Freizeitmöglichkeiten sich längst herumsprechen.
So bleibt Malaysia in seinen Wurzeln zwar der kulturelle Schmelztiegel, der er schon immer war. Und präsentiert sich doch zugleich als aufstrebendes Land, das mit Entschlossenheit daran arbeitet, beim gegenwärtigen Modernisierungsschub Schritt zu halten mit der ostasiatischen Konkurrenz. Eine faszinierende Region, die das im Ausland erwachte Besucherinteresse zweifellos verdient.