Spurensuche auf der Viermast-Barkentine „Star Clipper“ durch das östliche Mittelmeer

Seine Krallen waren scharf und seine Kraft war gefürchtet. Wo immer der venezianische Löwe sich zeigte, kannte er kein Pardon. Ja selbst das prächtige Konstantinopel musste sich vor ihm fürchten. …

Seine Krallen waren scharf und seine Kraft war gefürchtet. Wo immer der venezianische Löwe sich zeigte, kannte er kein Pardon. Ja selbst das prächtige Konstantinopel musste sich vor ihm fürchten. Von vielen gehasst als eine rücksichtslose  Bestie, wurde er hingegen von anderen bewundert als durchsetzungsfähiges Alpha-Tier, dessen kulturelle Hinterlassenschaften noch heute Hochachtung hervorrufen.

Ihm bis in die Höhle des Löwen nachzuspüren ist das vorrangige Ziel der „Star Clipper“ bei ihrer Kreuzfahrt durch das östliche Mittelmeer. Schon gehen an der Hafenausfahrt von Piräus knatternd die weißen Segel in Position, bis kurz danach der Wind sie mit prallen Bäuchen vor sich her treibt. Unter den anrührenden Klängen von „Conquest of Paradise“, gerade so, als gelte es, die drei kleinen Meere rund um die Balkan-Halbinsel  erneut zu erobern.
Geliebte „White Lady“
Die Spurensuche im Gefolge der venezianischen Galeeren erfolgt mit einer schnittigen Viermast-Barkentine aus der Familie der Clipper-Schiffe des 19. Jahrhunderts. Bis zu siebzehn Knoten schafft es die „Star Clipper“ unter allergünstigsten Voraussetzungen. Unter normalen Bedingungen ist Kapitän Yuriy Sastenin schon mit acht Knoten zufrieden. Denn atemlose Hektik ist das Letzte, das er seiner geliebten  „White Lady“ abverlangen möchte.
So wäre es geradezu vermessen, in übersteigerter Abenteuerlust „die Reling bei scharfer Schräglage  ins Wasser eintauchen zu lassen“, so Cruise Direktor Peter Kissner, der sich wie kein Anderer mit der Geschichte und den Geschichten der Seefahrt seit der Antike auskennt. In seiner spannenden „Story Time“ räumt er auf mit dem Vorurteil, der Großsegler müsse, um seine  Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, mit allen 3500 Quadratmetern Segelfläche voll aufgetakelt sein.  Volle Segel, so erklärt er seinen staunenden Zuhörern, seien eher gleichbedeutend mit „zu wenig Wind“.
Launen des Poseidon
Davon kann heute jedoch keine Rede sein. Denn schon nähert sich die „Star Clipper“ zügig der Insel Santorin. Der einzigen Vulkaninsel weltweit, in deren Caldera Schiffe hineinfahren können. Ein wahrer Augenschmaus, aus der Schiffsperspektive den hoch aufragenden Kraterrand mit seinen weißen Häuserquadern und seinen blauen Kirchenkuppeln vorbeigleiten zu sehen. Ein Vergnügen zweifellos auch für die Venezianer,  die seinerzeit nach ihrem Sieg über Konstantinopel  die strategisch wichtige Vulkaninsel ihrem Einflussbereich unterstellten.
Doch wirklich ungeteilte Freude wird bekanntlich keinem Irdischen zuteil. Zweifellos hat sich der launische und wetterwendische Meeresgott Poseidon dazu entschlossen, im Ionischen Meer an der Westseite der Peloponnes eine rauere Gangart einzuschlagen als in der Ägäis. Lässt er hier doch gewohnheitsmäßig  gern seine Muskeln spielen. So wie bereits in mythischer Vorzeit, als er hier mit schäumendem Wogen dem verhassten Odysseus den Garaus machen wollte.

Maritimes Bilderbuch
Diesmal jedoch hat er dann doch noch ein Einsehen, und das Meer vor Korfu präsentiert sich plötzlich wie aus einem maritimen Bilderbuch. Ehrfurcht gebietend  wirkt allerdings das venezianische Fort, das einst dabei half, jeden äußeren  Angriffswillen bereits im Keim zu ersticken. Denn an dieser Stelle verstand der venezianische Löwe am wenigsten Spaß, musste er doch von hier aus am südlichen Ende des Adriatischen Meeres den Zugang zu seiner Höhle streng überwachen.
Von dieser ernsthaften militärischen Logik ist heute allerdings nichts mehr zu spüren in den Gassen und Gässchen der Altstadt von Korfu. Hier haben heute die Händler und Wirte das Sagen, sodass die kostbare Zeit bei gediegener Gastlichkeit wie im Flug vergeht.
Wehrhafte Mauer

Schon bald nach dem Aufbruch folgt das kleine Montenegro, in das sich ein Fjord tief ins Landesinnere einschneidet. Für die Venezianer damals zweifellos ein Gottesgeschenk, hielt doch diese tiefe Kerbe in der Küstenlinie bei maritimen Überraschungen  jeglicher Art einen geeigneten Unterschlupf bereit. An seinem Ende öffnet sich die weit ausladende Bucht von Kotor, benannt nach dem zwischen Meeresufer und Bergmassiv eingezwängten mittelalterlichen Städtchen. Sensationell seine wehrhafte Mauer, aus deren Quadern der in Stein gemeißelte venezianische Löwe stolz  herab schaut.
Eine  kleine Kapelle auf der Anhöhe hinter der Stadt hält einen zauberhaften Blick bereit über die blau schimmernde Bucht, in der die „Star Clipper“ bereits darauf wartet, ihre Reise in die nördliche Adria fortzusetzen. Doch zuvor passiert sie noch Dubrovnik, jene einstige Festungsstadt Ragusa an der kroatischen Adriaküste, an deren festen Mauern der venezianische Löwe sich einst für lange Zeit selbst die Zähne ausbiss.
Morbide Kulisse
Dann endlich ist es soweit. Durch eine kleine Lücke nördlich des Lido schiebt sich der Schiffsbug hinein in die legendäre  Lagune. Schon reihen sich an der Steuerbordseite dicht gedrängt die prächtigen Patrizierhäuser aneinander. Noch vor der Einmündung des Canal Grande öffnet sich am Dogenpalast die stattliche Häuserfront  und gibt den Blick frei auf den geflügelten venezianischen Löwen. 
Selbstbewusst  blickt er vom Uhrturm herüber, als grüße er die stolze „Star Clipper“ nach erfolgreichem Einholmanöver auf dem Weg zu ihrer Anlegestelle in der Straße von Giudecca. Vorbei an einer morbiden aber noch immer äußerst attraktiven  Häuserkulisse, die die große Vergangenheit Venedigs noch heute erahnen lässt. Als die nach wie vor imponierende Stadt des Löwen, dessen Krallen jedoch längst stumpf geworden sind. 
 www.star-clippers.de