Die Zirkus-Oscars von Monaco

Was für ein Zirkus! Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin öffnen zwei Manegenordner in leuchtend roten Uniformen schwungvoll die beiden Seiten des Manegenvorhangs. Heraus drängt eine Gruppe von Artisten, die …

Was für ein Zirkus! Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin öffnen zwei Manegenordner in leuchtend roten Uniformen schwungvoll die beiden Seiten des Manegenvorhangs. Heraus drängt eine Gruppe von Artisten, die sogleich versuchen, durch Längsreihen Ordnung in die leicht aus den Fugen geratene  Aufstellung zu bringen. Mit nur mäßigem Erfolg, denn sogleich heißt es: „Allez hopp – zurück und von vorn!“

Der zweite Versuch gelingt schon wesentlich besser, auch wenn dieser Auftritt wegen der in Räuberzivil auftretenden Darsteller noch keinen überzeugenden Eindruck hinterlässt. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Ist doch der Choreograph dieser Selbstpräsentation kein Geringerer als „Monsieur Loyal“ höchstpersönlich, der als Zirkus-Direktor mit entsprechender Mimik und Gestik seine ganze Autorität in die Waagschale wirft. Immerhin handelt es sich bei der locker auftretenden Schar um die diesjährigen Gewinner der begehrten „Clowns“ des „Internationalen Zirkusfestival von Monte Carlo“.
Nervosität am Manegenrand
Während sich die Generalprobe der Preisträger für die Preisverleihung am gleichen Abend durch eingehende Personenregie immer mehr der gewünschten Präzision annähert, legt sich zunehmend auch die Nervosität der verantwortlichen Programmgestalter am Manegenrand. Allen voran Prinzessin Stephanie, die in braunen Lederstiefeln, Bluejeans und einem saloppen roten Sweater durchgehend Präsenz zeigt. Lässig im Auftreten und doch mit kritischem Blick beobachtet sie das Geschehen in der Manege.
Denn schließlich ist Prinzessin Stephanie die Präsidentin des Organisationskomitees, das im Namen der monegassischen Fürstenfamilie alljährlich zu diesem circensischen Großereignis einlädt. Nun schon zum 37. Mal, seit im Jahr 1974 ihr Vater Fürst Rainier III. diese Zirkus-Institution aus der Taufe hob, die längst zu einem weltweiten Mythos herangereift ist. Dieses und noch viel mehr weiß sie eloquent dem Mikrofon anzuvertrauen, als sich zwischendurch eine Fernsehkamera neugierig auf sie richtet. Vor allem wohl in der Hoffnung, ihr Neuigkeiten zum Höhepunkt dieses Festivals, dem heutigen Galaabend, zu entlocken.

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Ein flüchtiges Lächeln der Prinzessin
Und die gibt es in der Tat. Denn gerade erst wurden die Preisträger aus allen Bereichen des vorangegangenen Wettbewerbs benannt. Nach einwöchiger Begutachtung durch eine international besetzte Jury, der Prinzessin Stephanie ebenfalls vorsteht. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigt ihr schließlich an, dass die Formation in der Manege inzwischen den gewünschten Grad der Perfektion erreicht hat, und sie quittiert diesen Erfolg mit einem flüchtigen Lächeln. Mit dem Zirkus-Geschehen von der Pike auf vertraut, weiß sie natürlich, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist – was bei diesem risikoreichen Metier wohl auch niemand zu wünschen ist.
Ein rundes Podium wird nun an den Manegenrand heran getragen, und der eigentliche Teil der Probe für eine fernsehtaugliche Preisübergabe kann beginnen. Nichts darf dabei dem Zufall überlassen werden, am wenigsten das telegene Lächeln beim Gruppenfoto nach dem Überreichen der Preise. Insgesamt sind es vierzehn Durchgänge für zwei goldene, sechs silberne und sechs bronzene Clown-Statuen, die für die an diesem herausgehobenen Ort erfolgreichen Künstler die Welt bedeuten. Obwohl lediglich Probe, steht die überschwängliche Freude über diese Ehrung den jeweiligen Empfängern bereits im Vorfeld deutlich ins Gesicht geschrieben.
Weißer Löwe in majestätischer Pose
Geehrt werden indirekt natürlich auch die Tiere, die zu dem Erfolg mehrerer Einzelnummern  beigetragen haben. Sie scheinen von ihrem Glück allerdings nichts zu ahnen. Denn entspannt verbringen die meisten den Nachmittag in ihren Zirkus-Wagen und sind bei aller Hektik ringsum die Ruhe selber. So die weißen Pferde von „Pferdeflüsterer“ Jean-Francois Pignon. Oder die indischen Elefanten des spanischen „Gran Circo Mundial“.
Doch auch hinter den Kulissen sind es natürlich die Raubkatzen, die stets die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Besonders der selbstbewusst dreinblickende weiße Löwe, der mit mächtiger Mähne in majestätischer Pose über seinem Löwinnenrudel thront. Nur der Tiger scheint sich in seinem gestreiften Fell heute nicht besonders wohl zu fühlen. Unruhig und mit unstetem Blick zieht er seine Kreise entlang den Gitterstäben und gibt zu der Frage Anlass, welche Rolle Dompteur Kid Bauer wohl in der gemeinsamen Raubkatzen-Dressur für ihn vorgesehen hat.
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Einzug der Fürstenfamilie von Monaco

Innerlich aufgekratzt ist auch die siebenköpfige Trampolingruppe aus Quebec, die sich auf dem Weg zu ihren Wohnwagen an den Raubkatzen vorbei bewegt. Sie alle fühlen sich, wie Adréanne als die einzige Frau der Gruppe im Gespräch betont, wegen Ihrer Einladung nach Monaco äußerst geehrt. Und ihr Auftritt heute Abend? Der sei eine Überraschung, fügen sie augenzwinkernd hinzu, bevor sie im Wagenpark verschwinden. Man darf also gespannt sein.
Schnell ist am Abend das „Chapiteau“ nach Zelteinlass bis auf den letzten Platz besetzt. Alle Blicke richten sich nun erwartungsvoll auf die Fürstenloge am Manegenrand. Applaus brandet auf, als die monegassische Fürstenfamilie erscheint. Allen voran Prinz Albert II. mit seiner Gattin Charlène. Sodann Prinzessin Stephanie, auch sie nun natürlich in eleganter Abendgarderobe und begleitet von ihrer Tochter Pauline, auf die an diesem Abend ebenfalls bereits eine besondere Aufgabe wartet.
„Teufelstöcher“ mit perfekter Kunst
Und dann ein plötzliches Erlöschen der Lichter. Stattdessen erleuchten Scheinwerfer den großen Einzug der Mitwirkenden samt den Fahnenträgern, die mit den Flaggen der teilnehmenden Länder auf dem Manegenrand Position beziehen. Sie allesamt nun in ihrer „Dienstkleidung“, die schon jetzt erahnen lässt, für welche Attraktion ein jeder von ihnen steht. Das Spektakel kann beginnen.
Und wie es das tut! Nach einer rassigen Pferdedressur folgt die Artistinnengruppe der „Teufelstöchter“ aus Peking, die mit ihrer phantasievollen Virtuosität ihrem Namen alle Ehre machen. Durch zylindrische Metallrollen, die sie in unterschiedlichsten Variationen mit dem ihnen eigenen Charme immer neu in Bewegung versetzen, erbringen sie – als Gewinner des Goldenen Clowns – den Beweis, wie sehr die Artisten aus dem Reich der Mitte ihre Kunst immer weiter perfektionieren.
Muskelkraft contra Schwerkraft
Auch die beiden Kubaner Leosvel und Diosmani können mithalten, die sich an einem senkrechten Masten mit unglaublicher Muskelkraft empor arbeiten. Endend in ihrem großen Finale, bei dem sich einer von ihnen, ähnlich einer im Wind wehenden Flagge, horizontal am Mast festhält, während sein Partner mit vollem Gewicht auf seinem Körper freihändig balanciert. Auch sie werden von einem faszinierten Publikum belohnt mit stehenden Ovationen.
Vor der Pause dann der mit Spannung erwartete Auftritt der kanadischen Gruppe aus Quebec, die unter dem Namen „Catwall“  in einem ausgelassenen Bewegungs-Feuerwerk ihre „Trampolin-Fantasien“ ausleben, wobei sie in unglaublicher Leichtigkeit die Schwerkraft zu überlisten scheinen. In einer humorvollen Lockerheit um ein durchsichtiges Glasgerüst herum, das sie spielerisch für ihre Sprungeskapaden benutzen. Ein echter Hingucker ist es, wenn sie flink die Glaswände hinauf laufen und dabei ihre sprühende Lebensfreude zum Ausdruck bringen, die sich augenblicklich auf das Publikum überträgt.
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Sprung ins Guinness-Buch
Nach der Pause endlich der große Auftritt von Kid Bauer, den man hier auch den „Charmeur der Raubtiere“ nennt. Spannung liegt in der Luft, als sich die Manege mit seinen Großkatzen füllt. Nacheinander platziert er die Löwinnen in langer Reihe über einem Holzbalken, wobei sein Star, der weiße Löwe, das Rudel wie ein „König der Löwen“ von seinem Podest herab würdevoll überragt. Erst dann bringt er seinen Tiger ins Spiel, der nach einem ins Mark gehenden Gebrüll mit einem riesigen Satz kraftvoll über das Arrangement der Raubkatzen hinweg springt.
Sprungkraft beweist gegen Ende der Aufführung auch die Gruppe der „Reifenspringer“ aus Peking. Sie ist spezialisiert auf Metallreifen verschiedener Größe, durch die die Artisten aus den unterschiedlichsten Positionen heraus in kaum glaublicher Geschicklichkeit hindurch hechten. Dann ein Trommelwirbel und angespannte Stille: Wird es einer der Artisten durch den drei Meter hohen Reifen hindurch schaffen und damit seinen Guinness-Rekord wiederholen? Dann, nach langer Konzentration, der erlösende Aufschrei aus dem gesamten Zirkusrund, als das Sprunggenie ohne zu reißen auf der anderen Seite elegant abrollt. Geschafft!
Zirkus-Nachwuchs mit „New Generation“
Genau der Zeitpunkt, um mit der Preisverleihung zu beginnen, die nun – entsprechend der Generalprobe – von den Mitgliedern der Fürstenfamilie vorgenommen wird. Eine gute Figur macht dabei Pauline, die Tochter von Prinzessin Stephanie, die sich seit dem letzten Jahr mit der Betreuung des Zirkus-Ablegers „New Generation“ um den circensischen Nachwuchs kümmert. Damit tritt sie nicht nur in die Fußstapfen ihrer engagierten Mutter Stephanie, sondern bietet in ihrer Person zugleich die Gewähr, dass die Zirkus-Tradition von Monaco auch in Zukunft auf hohem Niveau gepflegt wird.