Einsiedeln in Einsiedeln

Titelbild
St. Meinradskapelle mit Pilgergasthaus. (Foto/Inka Ehrbar)
Von 21. Mai 2008

Zeitig am Morgen begrüßt uns Vogelgezwitscher, blauer Himmel und die aufgehende Sonne. Meine Hündin Tila und ich wandern von Rapperswil am Zürichsee hinauf ins berühmte Klosterdorf Einsiedeln.
Vom Bahnhof aus sind es nur ein paar Schritte zum 841 Meter langen Holzsteg, der zur anderen Seeseite führt. Es geht vorbei am Heilighüsli, der aus dem 16. Jahrhundert stammenden Brückenkapelle. Zur linken Hand die Glarner Alpen und zur rechten die Insel Ufenau mit der romanischen Kirche St. Peter und Paul. Nach einem steilen Aufstieg durch die „Hohlen Gassen“ gelangen wir zum zum Aussichtslokal „Luegeten“, wo man neben der großartigen Aussicht auf den Zürichsee hervorragend speisen kann.

Der Mönch St. Meinrad
Tila und ich wandern weiter den Berg hinauf. Die Obstbäume stehen in voller Blüte. Man kann sich gar nicht satt sehen an all dieser Pracht. Aber auch die Buchen sind wunderschön. Sie tragen dieses besondere helle Grün, welches es nur eine kurze Zeit im Mai gibt. Die Sonne blinzelt durch das Blätterdach und lässt das Bächlein, das munter neben uns den Berg hinunter plätschert erstrahlen, als wären flüssige Diamanten auf dem Weg ins Tal. Orangengelbe Butter- und Schlüsselblumen, Veilchen und Wiesenschaumkraut schmücken den Weg hinauf zur Etzelpasshöhe. Hier soll im 9. Jahrhundert der Mönch St. Meinrad sieben Jahre gelebt haben, bevor er an den heutigen Ort Einsiedeln weiter zog. Er kam vom Bodensee – dem Benediktiner Kloster auf der Insel Reichenau – hierher, weil er beschlossen hatte, ein Leben als Einsiedler zu führen. Der Legende nach soll er eine Wunder vollbringende Madonnenfigur mitgebracht haben, die er von der Äbtissin Hildegard von Zürich geschenkt bekommen hatte.

Schon bald erreichen wir die 1697/98 erbaute St. Meinrad-Kapelle und das aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammende stattliche Pilgergasthaus. Hier muss man einfach verweilen! Eine weite, echte und ewige Landschaft – geht es mir durch den Kopf. Eine Landschaft, die so offen und unübersehbar ist, dass man bei ihrem Anblick vor Glück und Freude Luftsprünge machen möchte. Der Blick wandert in die Ferne zu den noch mit Schnee bedeckten Bergketten der Innerschweiz bis hin zur Rigi. Davor kann man den Sihlsee ahnen, der mit dem Dunst und der vom Wind bewegten Luft verschmolzen zu sein scheint. Still setze ich mich an einen der Holztische unter den grossen Bäumen vor dem Gasthaus und geniesse das Glück hier sein zu dürfen. Tila, die es immer versteht eine Pause zu geniessen, rollt sich genüsslich zu meinen Füssen ein und macht ein Nickerchen. Das sympathische Personal gibt mir das Gefühl, ein willkommener Gast zu sein, und die hervorragende Küche macht es mir nicht leichter, mich wieder auf den Weg zu machen.

Bald erreiche ich das Geburtshaus des berühmten Arztes Paracelsus
Den Berg hinunter Richtung Tüfelsbrügg führt der Weg vorbei an blühenden Weissdornhecken, Blumen und allerlei Kräutlein. Bald steht das Geburtshaus des berühmten Arztes Paracelsus, der hier 1493 geboren wurde und einen Teil seiner Kindheit verbrachte, vor uns. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese unbestechliche Landschaft, die den Blick weit in die Ferne zulässt und einen ebenso in der Nähe zu fesseln weiss, seine Sinne geschärft hat und ihm den Verstand öffnete für den Zauber der Natur, die in ihm den Mystiker, Naturphilosophen, Astrologen, Alchimisten und Arzt weckte.

Bald erreiche ich eine Wegkreuzung mit einem besonders schönen Kruzifix.
Wir überqueren auf der überdachten Steinbrücke mit Namen Tüffelsbrügg die Sihl und wandern weiter den Berg hinauf. Der Weg zweigt nach wenigen Minuten von der Fahrstrasse ab und schlängelt sich bergauf durch eine Wiesenlandschaft, die hier und da von Bäumen geschmückt wird. Nach einem Weiler führt uns der Weg durch eine flache Hochmoorlandschaft. Mein Blick gleitet über die leicht bräunliche Fläche mit den tausenden Butterblumen, die wie gelbe Streifen das Braun des Moores durchziehen. Auf der rechten Seite kann man weit unten in der Ferne den Zürichsee sehen und auf der linken Seite den Sihlsee. Er scheint sich stolz mit den hinter ihm liegenden pyramidenähnlichen Bergen – den Mythen – zu schmücken. Bald schon erreiche ich eine Wegkreuzung mit einem besonders schönen Kruzifix. Ein Schild weist uns den Weg über die asphaltierte Strasse zum „Galgenchappeli“. Bis 1799 tagte hier das Einsiedler Hochgericht. In der ehemaligen Kapelle erhielten die zum Tode Verurteilten den letzten Segen. Heute erinnert nur noch ein Schild an den Platz wo die Kapelle einst stand; sie wurde anfangs des 19. Jahrhunderts abgerissen. Den Sihlsee lassen wir nun links liegen und wandern weiter Richtung Einsiedeln. Bei der aus dem 11. Jahrhundert stammenden Gangulfkapelle, der ältesten des Hochtals, erhält man einen ersten Eindruck von der grossartigen Klosteranlage Einsiedelns.

Als Marienwallfahrtsort nahm Einsiedeln einen grossen Aufschwung
Der berühmte Ort geht auf den Mönch St. Meinrad zurück, der hier zurückgezogen im Wald lebte. Die Legende erzählt, dass er von zwei Räubern erschlagen wurde, die die Schätze begehrten die von den gläubigen Pilgern am Schrein niedergelegt worden waren. Daraufhin wurden die Mörder auf ihrer Flucht von zwei Raben, die St. Meinrad grossgezogen hatte, bis nach Zürich verfolgt. Dort überzeugten sie mit ihrem Gekrächze das Gericht von der Schuld der beiden Männer – und diese wurden verurteilt. Daher befinden sich bis auf den heutigen Tag zwei Raben im Einsiedler Wappen. Die nächsten Jahrzehnte nach dem Tod von Meinrad wurde die Klause immer wieder von Einsiedlern bewohnt. Einer von ihnen war Eberhard, vorher Propst von Strassburg. Er errichtete ein Kloster und eine Kirche an der Stelle, wo die Einsiedler Klause stand. 948 wurde die Klosterkirche zu Ehren der Muttergottes Maria und des Märtyrers Mauritius geweiht. Damit ist die Legende der Engelsweihe verknüpft, wonach Christus in Begleitung von Engeln erschienen sei. Im 12. Jahrhundert fand ein Patroziniumswechsel statt: Maria wurde Patronin. Als Marienwallfahrtsort nahm Einsiedeln ab 1300 einen grossen Aufschwung bis zum Höhepunkt im 15. Jahrhundert. Einsiedeln wurde zu einem der grossen Marienheiligtümer des Abendlandes. Die Pilger kamen aus ganz Europa. Rüstige Pilger reisten über Einsiedeln nach Rom, Jerusalem oder Santiago de Compostella. Auch heute noch kommen viele Menschen jährlich nach Einsiedeln – allerdings meist mit Bussen oder Privatfahrzeugen.

Bevor ich mich auf den Heimweg mache, versuche ich die „Schafsböcke“, ein spezielles Pilgergebäck, bestehend aus Mehl, Wasser, Gewürzen und Honig.

Weitere Information unter www.rapperswil.ch und www.einsiedeln.ch



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