Florida – Themenparks drehen auf

„Müssen wir uns heute schon wieder amüsieren?“ Zunächst waren Kyle Post und Stacey Dornboos aus New York begeistert, als man ihnen anbot, alle Attraktionen der Orlando-Themenparks gratis auszuprobieren. Von der …

„Müssen wir uns heute schon wieder amüsieren?“ Zunächst waren Kyle Post und Stacey Dornboos aus New York begeistert, als man ihnen anbot, alle Attraktionen der Orlando-Themenparks gratis auszuprobieren. Von der Öffnung der Tore am frühen Morgen bis hinein in die Abendstunden. Tag für Tag, Stück für Stück, ohne sich in eine der üblichen Warteschlangen einreihen zu müssen. Was dabei unter notarieller Aufsicht herauskam, waren nicht weniger als 67 Tage hintereinander für die sieben Hauptparks und die mehr als einhundert sonstigen Themenparks und Attraktionen.

So erfahren Kyle und Stacey unter körperlichem Höchsteinsatz am eigenen Leibe, was Orlando, die Welthauptstadt des Amusements, zu bieten hat. Nur gerade einmal 100.000 Einwohner leben unter ihren Dächern. Und doch wird Orlando förmlich überschwemmt von inzwischen 54 Millionen Besuchern pro Jahr, die sich das nur schwer überschaubare Angebot der Unterhaltungsindustrie in individuell abgestimmter Dosierung verabreichen lassen. Mit einem solchen Besucheransturm steht Orlando einsam an der Spitze und hat die langjährige Konkurrentin New York längst hinter sich gelassen.
Traumlandschaften und Fantasieräume
Verständlich, denn die Gesamtfläche der damals von Walt Disney erworbenen und inzwischen weitgehend erschlossenen Sumpflandschaft in Zentral-Florida ist doppelt so groß wie der gesamte Großstadt-Dschungel von Manhattan. So können die sich in sprühender Kreativität gegenseitig übertreffenden Planer stets neue Traumlandschaften und Fantasieräume aus dem Boden stampfen und sie innerhalb kürzester Zeit mit Leben füllen. „Eine Safari gefällig im Stil der ostafrikanischen Savanne?“ Kein Problem! Ein Aufenthalt in „Disney’s Animal Kingdom Lodge“ macht’s möglich, sämtliche Tierarten der afrikanischen Wildnis natürlich inbegriffen.

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Dennoch lebt Orlando, so betont Yahayra Vega vom „Visit Orlando“-Besucherbüro, immer noch weitgehend von der guten alten Tradition, wie sie sich hier seit über einem halben Jahrhundert entwickelt hat: von „Main Street USA“, von glitzernden nächtlichen Paraden bis hin zu Traditionsfiguren wie Goofy, Spiderman und Hulk. Ja selbst die Delphin-Schau und das Ballett der Killerwale gehören dazu, ebenso wie das traditionelle Feuerwerk, das allabendlich unter der Verantwortung von Stage Manager Jerry Coleman mit der Präzision eines Uhrwerks Punkt 21.00 Uhr sprühend und krachend in den Nachthimmel hinein explodiert.
Verwirrung durch Spezialeffekte
Und doch schiebt sich gegenwärtig ein ganz neuer Trend in den Vordergrund, der die bisherige Magnetwirkung von Orlando noch verstärkt. Es sind dies die Geschwindigkeits-Attraktionen im 3D-Format, die den Zuschauer raffiniert in das Geschehen einbeziehen und dabei im Rausch der Bewegung die Sinne verwirren und doch die volle Konzentration beanspruchen. So beispielsweise ganz aktuell beim „TurtleTrek“ im Meeresthemenpark „SeaWorld“, an dessen Entstehung der Meeresbiologe Gary Violetta mitgewirkt hat. Hier wird, so berichtet er nicht ohne Stolz, der tägliche Überlebenskampf einer kleinen Meeresschildkröte aus deren Sichtweise in einer 360-Grad-Perspektive mit überraschenden 3D-Spezialeffekten hautnah und realistisch vom Zuschauer nachvollzogen.
Ganz anders „The Wizarding World of Harry Potter“ (Die Zauberwelt des Harry Potter) im Universal Orlando Resort, in der die Besucher durch die naturgetreu nachgebildeten Straßenzüge von „Hogsmeade“ schlendern. Und die dabei im „Hog’s Head Pub“ ein erfrischendes Butterbier zu sich nehmen oder nebenan im „Three Broomsticks“-Restaurant ihre Mittagsmahlzeit verzehren.
Harry Potter und die Simpsons
Und doch ist dies nur der Vorgeschmack zu dem überragenden „Hogwarts“-Abenteuer. Wenn plötzlich die ruckhafte Achterbahn-Fahrt durch das düstere Schlossgemäuer einmündet in eine wilde „Quidditch“-Jagd auf dem Besenstiel um die spitz aufragenden Schlosstürme herum, bei der einem in der Tat Hören und Sehen vergeht. Noch finden die Achterbahn-Kapriolen tatsächlich statt, die zusammen mit realistisch eingeblendeten 3D-Effekten den Schlossbesucher als Mitspieler beim „Quidditch“-Wettkampf in die Zauberwelt des Harry Potter hinein versetzen.
Demgegenüber verzichtet der „Simpson Ride“, bei dem die gelbköpfige Comic-Familie im Mittelpunkt steht, inzwischen völlig auf die traditionelle Achterbahn-Technik. Hier werden die Sitz-Gondeln zu Beginn lediglich per Hydraulik unter eine große Kuppel manövriert, wo 3D-Imaginationen und entsprechende Rüttelbewegungen des virtuellen Fahrzeugs die schrecklichsten Albträume wahr werden lassen: entgegen kommende riesige Steinkugeln, an denen die Insassen unweigerlich zu zerschellen drohen. Oder unüberwindbare Abgründe, die für einen Moment Todesängste auslösen, die sich dann aber nach einem erlösenden Aufschrei schnell wieder verflüchtigen.
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Wechselbad der Gefühle

Und dann wieder, welch ein Wechselbad der Gefühle, das sanfte dahin Gleiten mit einem Schwebefallschirm in Disney’s „Epcot“-Vergnügungspark der technischen Innovationen. Hier unterliegt der Teilnehmer des „Soarin’“-Schwebefluges der Illusion, er sähe die Höhepunkte der bunten Welt Kaliforniens sanft an sich vorüber gleiten: die schneebedeckten Berge, die felsigen Küstenlandschaften, die grünen Weinberge und nicht zuletzt die raffiniert angelegten Golfplätze. Einer der aufsteigenden Golfbälle verfehlt den virtuellen Paraglider nur knapp. Doch das kurze Erschrecken ändert nichts an der  Begeisterung über das Vergnügen dieser geradezu himmlischen Vogelperspektive.
Nach dieser gehäuften Portion von Bewegungs-Simulationstechnologie entsteht wie von selbst das Bedürfnis nach realer Bewegung unter freiem Himmel.  Als Geheimtipp gelten die „Busch Gardens“ bei Tampa, die – obwohl räumlich getrennt – noch zu den Orlando-Themenparks hinzugehören. Auch hier wird der Gast hineingeführt in die Welt der afrikanischen Savanne, bei deren Durchquerung im offenen Geländefahrzeug die Giraffendame „Taquesa“  nicht die geringsten Anzeichen von Schüchternheit zeigt.
Von der Savanne an die Küste
Die im wahrsten Sinne herausragende Attraktion jedoch ist die erst kürzlich eröffnete Achterbahn „Cheetah Hunt“ (Gepardenjagd), die ihrem Namen alle Ehre macht. Bei einer wilden Verfolgungsjagd durch eine zerklüftete afrikanische Berglandschaft bleibt nach mehreren unerwarteten Beschleunigungsmanövern selbst den Mutigsten die Luft weg. Doch nicht lange, wie die aus allen Richtungen des Parks hörbaren lauten Aufschreie beweisen.
Von Tampa aus ist es nicht mehr weit bis an die Golfküste von Florida. Sie ist das ideale Ziel für alle, die nach dem Adrenalin-Rausch in den Themenparks am Strand Erholung suchen. St. Petersburg, liebevoll St. Pete genannt, ist das Haupt-Eingangstor zu dieser bezaubernden Küstenlandschaft.
Noch hat sich hier nicht jeder an die schwungvolle neue Skyline gewöhnt, wie sie erst seit wenigen Monaten durch das neue Dali-Museum komplett geworden ist. Und doch teilen hier alle die Meinung von Direktorin Kathy White, dass dieses moderne Gebäude den ihm kürzlich verliehenen Architekturpreis völlig zu Recht verdient hat, der ihm gleichsam aus dem Stand heraus verliehen wurde. Und nicht nur der äußere Anblick überzeugt, sondern auch der Ausblick aus der breiten Glasfront über den sanft sich kräuselnden Golf von Mexiko.
Der Sonne ein Stück näher kommen
Und doch ist es erst die Anziehungskraft des weiter nördlich gelegenen Städtchens Clearwater mit seinem feinsandigen weißen Strand, der für viele Erholungssuchende die Endstation Sehnsucht darstellt. Vor allem der Abschnitt zwischen dem Hyatt und dem Hilton, an dem sich eine lange Seebrücke weit hinaus ins Meer schiebt. Gerade so, als wolle man hier ganz weit draußen am Sunset Point der allabendlich rot im Meer versinkenden Sonne noch ein Stück näher kommen.
Nur einen Katzensprung ist es von hier aus entfernt zum Caladesi Island, einem Naturpark, dessen Strand von Kennern noch vor kurzem als der beste und der romantischste der Vereinigten Staaten bewertet wurde. Das Wasser, warm und türkisgrün, ist in der Tat bestens geeignet, nach der abwechslungsreichen Reise durch Zentralflorida entspannt zu sich selbst zurück zu finden. Dennoch bleiben die aufregenden Bilder und Eindrücke der vergangenen Tage im Kopf haften. Und sind nicht letztlich sie es, denen der größte Vergnügungspark der Welt nach wie vor seine Anziehungskraft verdankt?