Venedig durch die Hintertür + Bildergalerie

  „So sah er ihn denn wieder, den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfürchtigen Blicken nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des Palastes und …

 

„So sah er ihn denn wieder, den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfürchtigen Blicken nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des Palastes und die Seufzerbrücke, die Säulen mit Löw‘ und Heiligem am Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Märchentempels, den Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, daß zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine Hintertür betreten heiße, und daß man nicht anders als wie nun er, als zu Schiffe, als über das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Städte erreichen sollte.“ (Thomas Mann, Der Tod in Venedig, 3. Kapitel)
Wenn man diesen eindrucksvollen Worten von Thomas Mann Beachtung schenkt, könnte man meinen, man habe Venedig nicht wirklich erlebt, sofern man nicht per Schiff sich den imposanten Eindrücken einer Hafeneinfahrt hingegeben hat.
Nun, ich bin dieses Risiko eingegangen, und habe den Palast durch die Hintertür betreten, doch mein Erlebnis war nicht weniger beeindruckend. Der Hintereingang von Venedig lässt vorerst nichts von dem Glanz und der Glorie, die diese Stadt einst so berühmt machten, erahnen, aber genau das sind die besten Voraussetzungen, zu entdecken.
Frei von Erwartungen und bildlichen Vorstellungen über die Stadt, bewegte ich mich zu Fuß durch enge Gassen und über unzählige kleine Brücken hinweg. Man ist jäh in einem Labyrinth gefangen, nur wenige Menschen sind hier mit einem gemeinsam unterwegs. Man schaut in kleine Lädchen hinein, isst gemütlich ein Eis und lässt sich an jeder Ecke von einem kleinen Hinweisschild Richtung Rialto-Brücke führen, das entscheidet, ob man nun links oder rechts in die nächste Gasse einbiegt. Die heiße Augustsonne heizt dem Labyrinth aus Steinen und Beton dermaßen ein, dass man sich über jeden Windhauch freut, der beim Überqueren der unzähligen kleinen Kanäle zum Begleiter wird.

Und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, steht man vor einer Brücke, die größer und belebter ist als alle anderen. Wie aus dem Nichts kommend folgt man dem Menschengewimmel die steinernen Stufen hinauf  und nach all der Enge und Hitze tut sich mit einem Mal ein imposanter Ausblick in eine andere Welt auf. Begleitet von einer sanften Brise schaut man auf den Canale Grande, einen großen, in der Sonne funkelnden Fluss. Nach einem einstündigen Marsch durch enge heiße Gassen eröffnet sich hier eine weite, glitzernde, bunte Welt. Farbenfrohe Häuserfassaden entlang eines belebten Kanals voller kleinerer Boote, motorisierter Schiffe, Gondeln und Menschen. Ein reges Treiben mit einem Hauch von Nostalgie. Ich war fasziniert, ergriffen und überrascht. Ja, ich war überwältigt und kam aus dem Staunen kaum heraus.
Auch so kann man Venedig betreten, die Stadt ist voller Überraschungen. Man weiß nie, was kommt, wenn man um die nächste Ecke biegt. Das macht das Reisen doch erst reisenswert.