Würzburg bietet mehr als Barock und Wein

Jochem Gummersbach, ein ins fränkische Würzburg verschlagener Rheinländer, der für das Event-Marketing im Weingut „Staatlicher Hofkeller“ verantwortlich zeichnet, zitiert bei Führungen durch das Kellergewölbe gern den Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller …

Jochem Gummersbach, ein ins fränkische Würzburg verschlagener Rheinländer, der für das Event-Marketing im Weingut „Staatlicher Hofkeller“ verantwortlich zeichnet, zitiert bei Führungen durch das Kellergewölbe gern den Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller (1819-1890), der gesagt haben soll: „Wenn ich an einer Weinstube vorbeigehe, kann ich nicht widerstehen. Und wenn ich wieder rausgehe, kann ich wieder nicht stehen.“

Als Rheinländer durfte der Event-Manager genüsslich feststellen, dass die fränkische Fröhlichkeit und so manches Mal bacchanalische Weinseligkeit der rheinländischen in nichts nachsteht.
Dass die fränkischen Bocksbeutel in der ganzen Welt bekannt sind, steht wohl außer Frage. Allein die nur 130.000 Einwohner zählende Barockstadt Würzburg beherbergt sechs Weingüter, von denen vier Kellerführungen mit Weinproben anbieten. Der „Staatliche Hofkeller“ (www.hofkeller.de) mit 120 Hektar Rebfläche ist nicht der größte, doch sicher einer der berühmtesten, wurde er doch von keinem Geringeren als Balthasar Neumann (1687-1753) angelegt – unter der Fürstbischöflichen Residenz. Die labyrinthisch verschlungenen, stimmungsvoll beleuchteten  Kellergänge haben eine Länge von 891 Metern, eine Gewölbehöhe von bis zu 6,5 Metern und eine Mauerstärke von bis zu sechs Metern. Der Besucher erfährt, was es mit den riesigen 1784 erstellten „Beamtenweinfässern“ auf sich hat. Sie nämlich enthielten den „flüssigen Sold der Hofbediensteten“, die zum großen Teil mit Wein ausbezahlt wurden. In den Zeiten der Pest tranken die Leute lieber Wein als Wasser, weshalb der Frankenwein auch als Antipestwirkstoff bezeichnet wurde.
Lesen Sie weiter Seite 2

[–]
Doch letztlich interessiert den Teilnehmer an Weinproben nur noch die Bacchusecke, in der er die edlen Tropfen verkosten darf. Das Catering besorgt unter anderen das am Main neben dem Congress-Centrum gelegene Maritim Hotel Würzburg.

Vom Terrassenrestaurant des Maritim erspäht der Gast die weitläufigen Rebzeilen, die sich um die Festung Marienberg ranken und sich nach der Sonne recken. In der „Fränkischen Weinstube“ des Hotels kann er erlesene Tropfen zusammen mit regionalen Köstlichkeiten genießen. Aber dann will man auch die Festung erobern, was in ihrer über tausendjährigen Geschichte nur einmal gelang – im Dreißigjährigen Krieg durch Gustav Adolf von Schweden. 1201 wurde die Burg gegründet – nur der gewaltige 42,5 Meter hohe romanische Bergfried mit 2,65 Meter dicken Mauern, der schwerste Turm Frankens, stammt noch aus dieser romanischen Zeit -, und von 1253 bis 1719 diente sie als Residenz der Würzburger Fürstbischöfe. Den Kern der Burganlage bildet die 706 geweihte Marienkirche, frühester Sakralbau östlich des Rheins, ein wahres Kleinod, das nur bei einer Führung gezeigt wird. Vom Fürstengarten schweift der Blick über die Alte Mainbrücke zu den zahlreichen Türmen der Stadt, wahrlich ein traumhafter Anblick. Schon deshalb lohnt ein Besuch.

Die spätere Residenz der Würzburger Fürstbischöfe wurde von Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn in Auftrag gegeben und gehört heute zu den bedeutendsten Schlossanlagen des Barock in Europa. Weltberühmt wurde das von Balthasar Neumann stützenfrei überwölbte Treppenhaus, für das 1752/53 der Venezianer Giovanni Battista Tiepolo das Deckenfresko mit den vier Erdteilen schuf. Auch dieses 18 mal 30 Meter messende Gemälde ist einmalig und eines der größten einteiligen Fresken, die je gemalt wurden. 40 Schlossräume sind zu besichtigen, von denen das Spiegelkabinett mit Sicherheit das beeindruckendste ist, zumal es 1945 einem Brand zum Opfer fiel, jedoch an Hand von geretteten Teilen perfekt rekonstruiert und 1987 wiedereröffnet werden konnte. Ein Spiegel-Traum. Seit 1981 gehört die Residenz zum UNESCO-Welterbe.

Eine weitere Rarität bietet das Museum im Kulturspeicher Würzburg mit der Sammlung Peter C. Ruppert, Konkrete Kunst in Europa nach 1945. Da in der Nazizeit in Deutschland für viele Künstler Malverbot herrschte, haben in der Sammlung die Schweizer die Nase vorn, aber auch Deutsche wie Leo Breuer und Günter Fruhtrunk. Wer unvoreingenommen oder nichtsahnend die ersten Bilder sieht, mag denken: Oh, lauter Quadrate! Gar nicht schlecht gedacht, denn die Konkrete Kunst orientiert sich an der Geometrie. Einige typische Beispiele demonstrieren das sehr gut, etwa das Bild des Schweizers Richard Paul Lohse (1904-1988), dem er 1950 den Titel „15 systematische Farbreihen mit vertikaler und horizontaler Verdichtung“ verpasste: verschieden große Quadrate in 15 Farben, die immer wieder zur Farbe Gelb zurückkehren.
Oder der Schweizer Max Bill (1908-1994) mit dem Bild „Farbfeld mit weißen und schwarzen Akzenten“ (1964). Der Betrachter entdeckt gleichzeitig vier Rechtecke, aber auch ein Zickzack, eins in weiß und eins in Schwarz. Der Ungar Victor Vasarely (1906-1997) überhöht das Ganze in „Lapidaire“ (1972), indem er die simplen Vierecke zu Schachteln formt, die immer neue Deutungen zulassen. Wie ein fliegender Teppich mutet „Der Grenzgänger“ (1986) des Schweizers Hans-Jörg Glattfelder von weitem an. Doch aus jedem Blickwinkel wirkt er anders, aber immer entsteht ein Täuschungseffekt, nämlich eine Krümmung, die gar nicht vorhanden ist. Der 1944 in Kollmar an der Elbe geborene Peter Weber faltet Filz so originell und ohne Schnittstellen wie von Zauberhand.
Auch für Kinder eine Attraktion ist die Dreibandscheibe des 1958 in Bocholt geborenen Martin Willing, eine seiner bewegten Figuren, die sich nach Berührung – ausschließlich durch den Museumswärter! – etwa eine Viertelstunde lang bewegt.
Das krasse Gegenteil zur Konkreten Kunst bildet die Sonderausstellung „…die Grenzen überfliegen“ – Der Maler Hermann Hesse (1877-1962). Zum 50. Todestag präsentiert das Museum im Kulturspeicher Würzburg eine umfassende Retrospektive zu Hesses bisher wenig bekanntem malerischen Werk. „Wenn ich male, dann haben die Bäume Gesichter“ – Die Motive von Hesses Landschafts-Aquarellen sind immer die gleichen: Baum, Haus, Berg, See. Hesse selbst bezeichnete sich als Dilettanten, und die Bilder kommen einem auch wie die eines Sonntagsmalers vor. Aber für ihn spielte die Malerei eine bedeutende Rolle, und wer sich für Hesse interessiert oder selbst gern malt, wird sich an den 2000 bunten, kleinformatigen Aquarellen erfreuen.
Wo Würzburg doch wirklich sehenswerte Raritäten zu bieten hat, mokieren sich die Würzburger dennoch, indem sie ihre Stadt „Provinz auf Weltniveau“ nennen und Schweinfurth als nächstgelegene Weltstadt bezeichnen. Ich glaube, die Würzburger haben Humor.