Potsdam – Die Räume sehen aus wie eine fürstliche Baustelle. An den reich mit Holzarbeiten, Blattgold und Spiegeln verzierten Wänden klaffen große Löcher in der Verkleidung, das rohe Mauerwerk ist zu sehen. Auf einem Arbeitstisch liegen Schmuckelemente mit deutlichen Schäden, daneben steht ein abgenommenes Gemälde. Besucher werden schon seit 1983 nicht mehr ins Untere Fürstenquartier im Erdgeschoss des Neuen Palais von Sanssouci gelassen. „Jetzt endlich können wir mit der Sanierung beginnen“, sagt Hartmut Dorgerloh.
Der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hatte bereits vor Monaten vor dem drohenden Verfall einiger der weltbekannten Potsdamer Schlösser gewarnt. Das größte Sorgenkind der Stiftung ist das Neue Palais, denn die zwischen 1762 und 1769 für den preußischen König Friedrich II. errichtete Sommerresidenz ist vom Schwamm befallen. Weniger als 20 Prozent der Gemächer sind noch für Besucher geöffnet, der Rest befindet sich in einem teils erbarmungswürdigen Zustand.
Jetzt aber hat die Preußenstiftung eine Zuwendung „im niedrigen siebenstelligen Bereich“ vom US-amerikanischen World Monuments Fund (WMF) und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung erhalten, mit der zumindest die Sanierung von vier Räumen möglich wird. „Wir fangen an mit ganz konkreten Schritten in Richtung des Großereignisses 'Friedrich 300'“, sagt Dorgerloh, der aber keine konkrete Summe für die Renovierungskosten nennen will. Im Jahr 2012 soll in Potsdam der 300. Geburtstag Friedrichs des Großen begangen werden, dann soll das Untere Fürstenquartier nach 29 Jahren wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein.
Bis dahin ist einiges zu tun. Teilweise noch aus der Zeit des Alten Fritz stammende Entwässerungsrohre müssen ausgetauscht, der Schwamm aus den Gemäuern beseitigt und Mauern stabilisiert werden. Aufwendig werden vor allem die Arbeiten an den detailreichen und üppig verzierten Wand- und Deckenverkleidungen. Im Konzertzimmer sind bereits Gemälde aus ihrer Fassung geholt worden, die Holzvertäfelung muss erneuert werden und unzählige schadhafte Stellen im Blattgold der Verzierungen sind auszubessern. Die aufwendigen Einlegefußböden warten ebenfalls auf eine Wiederherstellung.
Schwierig ist auch die Restaurierung der seidenen Wandbespannung im benachbarten Tressenzimmer. „Die Wände sind noch so, wie sie Friedrich der Große gesehen hat“, schwärmt Dorgerloh. Allerdings ist der Zustand traurig. Holzwürmer haben sich jahrzehntelang durch die Kiefernbretter an den Wänden gefressen. Das Sägemehl rieselte hinter den Seidenbehängen hinab und beulte den empfindlichen Stoff am unteren Ende bis zur Rissigkeit aus. „Mit Nadel und Faden ist da nichts mehr zu machen“, erläutert die Chef-Textilrestauratorin Christa Zitzmann. „Wir werden jetzt allen Stoff abnehmen, auf ein modernes Trägermaterial kleben und dann wieder anbringen.“
Doch auch wenn die vier Räume des Fürstenquartiers in fünf Jahren wieder für Besucher öffnen, werden nur etwa 35 der etwa 200 kulturhistorisch wichtigen Räume des größten und letzten Schlossbaus Friedrichs II. zugänglich sein. „Es ist nicht zu erwarten, dass 2012 das Neue Palais fertig ist“, sagt Dorgerloh. „Das Neue Palais ist wie der Kölner Dom nie fertig.“ In vielen Decken gibt es wegen des akuten Schimmelbefalls Statikprobleme, trotz einer Sanierung der Außenfassade in den neunziger Jahren droht weiter der Verfall.
„Wir dürfen nicht nur die schönen Oberflächen in Stand setzen, sondern müssen die Ursachen für weitere Schäden beseitigen“, schildert der Generaldirektor. Denn wenn der Schwamm im Rohbau sitzt, dringt er früher oder später auch in die kostbaren Verkleidungen vor. Um den baulichen Verfall des Schlosses stoppen zu können, dass bisher auch innen weitgehend im Originalzustand aus dem 18. Jahrhundert erhalten ist, benötigt die Stiftung nach eigener Kalkulation 126 Millionen Euro.
Erst vor einigen Monaten hatte der Bundesrechnungshof gerügt, die Stiftung vergeude Geld für kleinere Reparaturen, anstatt eine grundsätzliche Sanierung zu beginnen. Dorgerloh sieht dies genauso und hatte deshalb im vergangenen Mai dem Stiftungsrat aus Vertretern der Länder Berlin und Brandenburg sowie des Bundes einen über zehn Jahre laufenden Masterplan in Höhe von 285 Millionen Euro vorgelegt. Derzeit umfasst der Jahreshaushalt der Stiftung etwa 50 Millionen Euro. Im Herbst soll entschieden werden, ob das zusätzliche Geld für die Rettung der Preußenschlösser bereitgestellt wird. (AP)
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