Aktuelle Nachrichten – Unterhaltung
17.11.2011
Foto: 2011 Sony Pictures Releasing GmbH
„So weit irgendjemand in der Tat weiß und beweisen kann, hat Shakespeare von Stratford-on-Avon in seinem ganzen Leben kein einziges Stück geschrieben", sagte Mark-Twain. Wer weiß. So wie die Debatte zwischen den Anhängern der darwinistischen Evolutionstheorie und den Kreationisten andauert, diskutieren bis heute "Stratfordians" und „Anti-Stratfordians" darüber, ob William Shakespeare seine Stücke wirklich selbst geschrieben hat. Während begründete Zweifel nicht vollständig ausgeräumt werden können, hinterlässt Roland Emmerichs jüngster Film „Anonymus" beim Zuschauer die eindeutige Überzeugung, dass „Willy the Shake" eine Fälschung war.
Dem England der ersten Queen Elizabeth werden hinterhältige politische Intrigen und verbotene Liebesaffairen bei Hof zugeschrieben - Schmutzigkeiten, die mit dem Schlamm auf den damaligen Straßen Londons ohne weiteres konkurrieren konnten.Viele aufwühlende und umfangreichen Verschwörungstheorien, werden in „Anonymus" aufgegriffen (einige wahr und andere unwahr). Die entscheidende Behauptung aber ist: Hinter den Kulissen war Edward De Vere, der 17. Earl of Oxford, der wahre Autor des Shakespeareschen Lebenswerkes. Er stellt die politischen Intrigen seiner Tage auf die Bühne, die er aus verständlichen Gründen nicht mit dem eigenen Namen unterzeichnen möchte.
In einer der Rückblenden des Films unterhält Edwards Vater, der 16. Earl of Oxford, die junge Queen Elizabeth (Joely Richardson), mit einem seiner persönlich verfassten Stücke. Und sie ist von der Darstellung eines gewissen "Puck" durch den frühreifen und pubertierenden Edward hingerissen.
Als Edwards Vater stirbt, wird der Teenager Edward (gespielt vom hübschen Jamie Campbell Bower) , nun ein Günstling Elizabeths, der Obhut von Sir Williams Cecil (David Thewlis) unterstellt und so von einer begnadeten und gebildeten Renaissance-Persönlichkeit gründlich unterrichtet. Voilá, plötzlich zeigt sich der echte Shakespeare. Der erwachsene Edward (ein großartiger Rhys Ifans) bittet zuerst Ben Johnson, den jungen Dichter, Bühnenautor und Freund Shakespeares darum, sein öffentliches Gesicht und sein offizieller Name zu werden. Daraus ergab sich eine umgekehrte Ghostwriter-Situation. Doch der flegelhafte Womanizer Shakespeare schaffte es, sich in die Konstellation einzumischen. Erfolgreich.
Das elisabethanische England wurde auf der Leinwand noch nie in so krassen Gegensätzen, so prachtvoll und so verkommen gezeigt, obwohl der Film „Elizabeth"mit Cate Blanchett dem nahe kam. Die Computeranimationen sind hervorragend und aufschlussreich.
Besonders die Szenen, die Ausschnitte aus Aufführung des Globe Theatres zeigen sind exzellent. Wenn die meisten dieser Best-Of-Shakespeare-Medleys in Filmen banalisieren, zeigen diese Momente gleich einem schillernden Kaleidoskop, wie brillant dieser Autor wirklich war. Man beginnt sogar, ernsthaft in Erwägung zu ziehen, sich ein Theaterabonnement zuzulegen. Das Stückchen aus dem „Sommernachtstraums" ist besonders zauberhaft.
Interessant ist auch die Perspektive, die zeigt, wie sehr die Zuschauer der einstigen Aufführungen mitgerissen wurden -- bis zur Raserei und Selbstvergessenheit nämlich. Ganz zu schweigen von ihrem Krach und Buhrufen und dem verfaulten Gemüse, dass sie auf die Bühne schmissen.
Es spielt eine britische Starbesetzung, allen voran Derek Jacobi (praktisch in einer Wiederholung seiner Rolle aus Kenneth Branaghs Henry V.). Das Mutter-Tochter-Team von Vanessa Redgrave und Joely Richardson wirkt mit seiner Darstellung der älteren und jüngeren Elizabeth einfach fabelhaft.
In der rührendsten Szene des Films fragt Edward, der sein Leben lang auf seinen rechtmäßigen Ruhm verzichtet hat und diesen vom selbstherrlichen und Reden schwingenden Shakespeare beschmutzt sieht, schließlich Ben Johnson, was dieser von seinen Arbeiten halte. Johnsons Huldigung ist so ergreifend, dass kein Auge tränenleer bleibt. Edward hängt natürlich an jedem seiner Worte, von tiefster Dankbarkeit erfüllt.
„Anonymus" ist für Roland Emmerich (Independence Day), was Schindlers Liste für Steven Spielberg war - ein großartiges Stück Filmkunst, das seinen Regisseur, der bisher für seine Actionfilme und als Unterhalter bekannt war, als wahren Künstler von eindrucksvoller Tiefe offenbart.
Ein Oskar für den besten Regisseur ist das Minimum. Es sollte außerdem ein Oskar eingerichtet werden für Filme, die auf alte Themen neues Licht werfen. „Willy the Shake" war eine Fälschung. Doch es bleibt jedem überlassen, sich selbst zu überzeugen.
Empfehlung: 4 von 5 Sternen
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