Aktuelle Nachrichten Europa – Rosen statt Waffen – Veselin Toshkov
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Aktuelle Nachrichten – Europa

Lukrative Rosenölproduktion Rosen statt Waffen

Veselin Toshkov

18.07.2009

Bulgarien ist einer der größten Anbieter von Rosenöl für die weltweit führenden Parfumhersteller. (AP Photo/Petar Petrov, file)
Bulgarien ist einer der größten Anbieter von Rosenöl für die weltweit führenden Parfumhersteller. (AP Photo/Petar Petrov, file)

Rosowo/Bulgarien – Auf einem Feld in Bulgarien lädt Rumen Rumenow einen großen Plastiksack voller Rosenblätter auf sein Pferdefuhrwerk. Noch vor wenigen Monaten arbeitete der 61-Jährige in der Waffenfabrik von Kasanlak östlich von Sofia. Drei Jahrzehnte lang hat er dort Gewehre zusammengesetzt. Doch die ehemals hoch entwickelte Rüstungsindustrie des osteuropäischen Landes leidet unter der weltweiten Rezession. Rumenow wurde arbeitslos und pflückt nun wie Hunderte seiner ehemaligen Kollegen Blütenblätter für die lukrative Rosenölproduktion.

Bulgarien ist einer der größten Anbieter von Rosenöl für die weltweit führenden Parfumhersteller. „Es ist nicht die Arbeit, die ich gewohnt bin, aber man hat wenigstens einen Job“, sagt Rumenow und zupft vorsichtig die noch mit Morgentau bedeckten Blätter ab. Pro Tag pflückt er etwa 30 Kilogramm und erhält dafür umgerechnet 10 Euro.

Bulgariens Rosenölproduktion bietet derzeit zumindest saisonal rund 40.000 Menschen eine Existenzgrundlage. Die Pflanzungen liegen in dem treffenderweise Rosental genannten Gebiet, das im Norden vom Balkangebirge und im Süden von den Sredna-Gora-Bergen eingeschlossen wird. Das rund 130 Kilometer lange und 50 Kilometer breite Tal beherbergt neben Rosenfeldern auch den Großteil der Waffenfabriken des Landes.

Zu Sowjetzeiten war Bulgarien bekannt für seine Handfeuerwaffen, Sturmgewehre und Panzerabwehrraketen. Rund 800 Millionen Dollar verdiente das Land damit pro Jahr, etwa 100.000 Arbeiter waren in der Rüstungsindustrie beschäftigt. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind die goldenen Zeiten jedoch vorbei. Der Balkanstaat versucht seit seinem Beitritt zur NATO 2004, den Industriezweig wieder aufzubauen, indem er die Waffen den Bedürfnissen des atlantischen Verteidigungsbündnisses anpasst. Doch die Nachfrage liegt weit unter der aus Sowjetzeiten. Die weltweite Rezession verschärft diese Situation und führte zu Massenentlassungen.

3.600 Hektar mit Rosen bepflanzt

Dagegen boomt nach einem deutlichen Rückgang in den 90er Jahren die Herstellung von Rosenöl wieder. Nach dem Ende des Kommunismus wurden viele Rosenpflanzungen zunächst vernachlässigt. Wurden zu Sowjetzeiten rund 80 Prozent des weltweit erzeugten Rosenöls in Bulgarien hergestellt, waren es 1990 weniger als 30 Prozent. Finanzhilfen der Europäischen Union und ausländische Investoren haben in den letzten zehn Jahren jedoch zu einer Wiederbelebung der traditionellen Industrie geführt. Von den 3.600 Hektar, die in Bulgarien mit den duftenden Blumen bepflanzt sind, wurden 2.500 erst nach 2001 angelegt.

Im Frühsommer arbeiten jeden Morgen mit Anbruch der Dämmerung tausende Pflücker auf den Feldern von Rosowo. Denn Rosenblätter erntet man am besten, wenn der Tau ihren Duft vor dem Verdunsten schützt. Binnen 24 Stunden wird das Öl dann mit Hilfe von Wasserdampfdestillation aus den Blütenblättern gepresst. So erhält man die beste Qualität und das meiste Öl.

Mehr als 5.000 verschiedene Rosenarten gibt es weltweit, doch nur wenige enthalten den von Parfumherstellern geschätzten Duft. Die bulgarische Damaszener-Rose (Rosa damascena) hat 30 Blütenblätter und ist reich an ätherischem Öl. Sie wird im Zentrum Bulgariens seit mehr als 300 Jahren kultiviert. Das Land ist heute wieder einer der weltweit führenden Exporteure von Rosenöl und für mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion verantwortlich. Hauptabnehmer sind Frankreich, die USA, Deutschland und Japan.

Klimawandel macht den Herstellern Sorgen

„Um ein Kilogramm reines Rosenöl herzustellen, braucht man etwa 4.000 Kilogramm Blütenblätter“, erklärt Nedko Nedkow, Leiter des Roseninstituts in Kasanlak. „Unser Rosenöl bildet die Grundlage von Parfumsorten wie Chanel und Givenchy und wird häufig als das beste der Welt bezeichnet“, sagt Nedkow stolz. Der Preis liegt seinen Angaben bei rund 5.000 Euro pro Kilogramm. Genaue Zahlen über den Wert der Rosenölindustrie gibt es keine. Viele private Destillerien weigern sich unter Berufung auf das Geschäftsgeheimnis, ihre Exportpreise zu nennen.

Nach dem Rekord von mehr als drei Tonnen Rosenöl 2008 werde die diesjährige Produktion vermutlich geringer ausfallen, fürchtet Nedkow. Grund ist aber nicht die Wirtschaftskrise, sondern vielmehr das heiße und trockene Wetter zu Beginn der Saison. Ähnliche Sorgen hat auch Wesela Tersiewa von der bulgarischen Zweigstelle der französischen Firma Biolandes, einem führenden Hersteller von natürlichen Extrakten für die Parfumindustrie. Biolandes exportiert 250 Kilogramm Öl im Jahr und ist damit einer von Bulgariens größten Rosenölexporteuren. „Die Wirtschaftskrise betrifft uns nicht direkt, ganz im Gegenteil, uns fehlen Arbeitskräfte“, sagt Tersiewa. „Uns macht viel mehr der Klimawandel Sorgen. Das Wetter wird immer unvorhersehbarer.“ (AP)

 

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