Aktuelle Nachrichten – Deutschland
14.03.2012
Foto: Sascha Schuermann/dapd
Düsseldorf – Das Projekt Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen ist gescheitert. Für den rot-grünen Haushaltsentwurf 2012 fand sich am Mittwoch im Düsseldorfer Landtag keine Mehrheit. Das Parlament löste sich daraufhin einstimmig auf. Damit stehen innerhalb der nächsten 60 Tage Neuwahlen an. Als Termine sind der 6. oder der 13. Mai im Gespräch. CDU-Landeschef und Bundesumweltminister Norbert Röttgen will gegen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) antreten.
Kurz nach dem Aus für Rot-Grün begann in Düsseldorf bereits der Wahlkampf. "Wir haben immer gesagt, dass die Minderheitsregierung ein Konstrukt auf Zeit ist", sagte Kraft. Sie rechne nach der Neuwahl fest mit einer Wiederauflage von Rot-Grün. "Unsere Bilanz kann sich sehen lassen", betonte die Ministerpräsidentin.
Kraft machte FDP und die Linkspartei für die überraschenden Ereignisse verantwortlich. Beide Oppositionsparteien hatten wie die CDU am Mittwoch gegen einen Einzeletat des rot-grünen Haushalts gestimmt. "Es ist offensichtlich, dass Linkspartei und FDP keine Brücke mehr bauen wollten. Sie hätten sich auch enthalten können", sagte Kraft.
CDU-Landeschef Röttgen äußerte sich schon vor der offiziellen Auflösung des Landtages vor einem frisch gedruckten Wahlplakat der Union. "Wir sind vorbereitet", sagte Röttgen. "Die Landesregierung hat heute das Vertrauen im Parlament verloren. Der Schuldenhaushalt ist abgelehnt worden." Und er ergänzte: "Dass die FDP erwogen hat, sich aus taktischen Gründen zum Steigbügelhalter eines Schuldenhaushaltes zu machen, war ein schwerer Fehler."
Die nordrhein-westfälische FDP geht davon aus, dass ihr Landesvorsitzender, Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, seine Partei in den Landtagswahlkampf führen wird. Dies "wäre für die Chancen der FDP in Nordrhein-Westfalen sehr wichtig", sagte der nordrhein-westfälische Bundestagsabgeordnete Frank Schaeffler dem Berliner "Tagesspiegel" (Donnerstagausgabe).
FDP-Fraktionschef Gerhard Papke rechnete trotz aktuell schlechter Umfragewerte fest mit einer Rückkehr seiner Partei ins Parlament. "Mir ist nicht bange um den Wiedereinzug in den Landtag", betonte er. Mit der Ablehnung des Haushaltes habe die FDP "in schwierigen Zeiten ihre Überzeugung" unter Beweis gestellt.
Die stellvertretende Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann (Grüne) formulierte die Ziele ihrer Partei deutlich: "Wir wollen gestärkt aus der Wahl hervorgehen und hoffen darauf, dass wir dann eine klare rot-grüne Mehrheit hier in NRW haben werden." Auf den anstehenden Wahlkampf seien die Grünen "gut vorbereitet".
Auch die Linken zeigten sich nach der Auflösung des Landtages gelassen. Die Partei werde "kämpferisch" in den anstehenden Wahlkampf gehen, sagte Fraktionschefin Bärbel Beuermann. In der Opposition habe die Linke "gute Arbeit" geleistet und werde dies nun fortsetzen. "Der Wahlkampf hat begonnen."
Die politische Entwicklung im bevölkerungsreichsten Bundesland sorgte auch in Berlin für Aufregung. Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßte mögliche Neuwahlen. Es sei "gut und richtig", wenn die rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen abgelöst werde. Nun gebe es in NRW die Chance auf eine stabile Regierung.
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sieht Rot-Grün klar vorn. Er sei sicher, dass die Nordrhein-Westfalen ihre Landesregierung "mit deutlicher Mehrheit im Amt bestätigen". Kraft habe in den vergangenen zwei Jahren erfolgreich regiert. CDU, FDP und Linkspartei hätten dagegen "erneut ihre Unfähigkeit unter Beweis gestellt, Verantwortung für Nordrhein-Westfalen zu übernehmen".
Grünen-Chef Cem Özdemir wertete die NRW-Neuwahl in ihrer Bedeutung als "kleine Bundestagswahl". Die FDP sprach sich Mut zu. "Den Mutigen gehört die Zukunft auch in Nordrhein-Westfalen", sagte FDP-Generalsekretär Patrick Döring in Berlin.
Der Vorsitzende der Piratenpartei in Nordrhein-Westfalen, Michele Marsching, rief als Ziel seiner Partei für die bevorstehende Neuwahl des Landtags "fünf Prozent plus X" aus. "Wir sind vorbereitet", sagte Marsching "RP Online", dem Internetportal der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post".
Einer aktuellen Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag von "Kölner Stadt-Anzeiger" (Donnerstagausgabe) und Sat 1/NRW zufolge kämen SPD und Grüne derzeit gemeinsam auf 50 Prozent der Wählerstimmen. Daneben wären neben der CDU auch die Piraten sicher im Parlament vertreten. Die Linke pendelt um die Fünf-Prozent-Hürde. Die FDP liegt danach bei zwei Prozent und käme nicht mehr in den Landtag.
Das Aus für Krafts Regierung, die seit Sommer 2010 im Amt ist, kam überraschend. Erst am Vortag hatte die NRW-Landtagsverwaltung bekannt gegeben, dass der Haushalt ihrer Rechtsauffassung zufolge bereits gescheitert sei, wenn in zweiter Lesung eine Einzelposition abgelehnt werde. Das hatte zuvor offenbar niemand gewusst. Genau dazu kam es am Mittwoch, als der Etat des Innenministers mit 90 Ja-Stimmen von Rot-Grün gegen 91 Nein-Stimmen der CDU, FPD und Linken durchfiel.
Ursprünglich hatte das Parlament erst Ende März in einer dritten Lesung abschließend über den Haushalt abstimmen wollen. Bis dahin wollte die Regierung mit den Oppositionsparteien noch über mögliche Einigungsmöglichkeiten verhandeln. Der Haushaltsentwurf sah Ausgaben in Höhe von rund 58 Milliarden Euro sowie eine Neuverschuldung von 3,6 Milliarden Euro vor. CDU und FDP wollten weitere Einsparungen durchsetzen, während die Linke Mehrausgaben forderte. (dapd)
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