Aktuelle Nachrichten – International
27.10.2010
Foto: apn Photo/Guido Bergmann/Bundesregierung/Pool
Riad – Welche Anstandsregeln in Saudi-Arabien herrschen, wird mit dem ersten Blick auf die Website des hohen Rats der Religionsgelehrten deutlich: Gemeinsames Plantschen von Jungen und Mädchen im Schwimmbad führt zu "Unheil und Verderben" und gehört daher verboten. Auch ziemt es sich nicht, Patienten Blumen ans Krankenbett zu bringen, weil das Geldverschwendung ist und zudem eine fremdländische Sitte, die "Allahs Feinde imitiert".
Diese Fatwas stammen immerhin von dem hochoffiziellen Gremium, das im staatlichen Auftrag über die Einhaltung der strengen wahhabitischen Glaubensrichtung des sunnitischen Islams im Königreich wacht. Tausende sind auf der Website gesammelt, jeden Monat kommen Dutzende neue dazu. Daneben allerdings gibt es noch unzählige andere Geistliche, die im Internet, im Fernsehen und in Textbotschaften ihre höchstpersönlichen und häufig widersprüchlichen Auslegungen verbreiten. Nun versucht König Abdullah, die Flut von Fatwas einzudämmen. Mitte August verfügte er per Erlass, dass nur der hohe Rat derartige Rechtsgutachten zu allen Aspekten einer frommen Lebensweise erlassen darf.
Seither wurden Websites und Satellitensender, auf denen Geistliche Glaubensfragen beantworteten, geschlossen oder verzichteten von sich aus darauf, Fatwas herauszugeben. Ein Prediger, der zum Boykott einer Supermarktkette aufrief, die Kassiererinnen beschäftigt, wurde öffentlich getadelt. So mancher Saudi fragt sich nun, ob das erste Anzeichen einer Liberalisierung sein könnten. Der Historiker und Kolumnist Saad Sowaian glaubt schon. "Der Staat will bei der öffentlichen Meinungsbildung die Führung übernehmen, und das dient der Sache des Säkularismus und der Modernität", nimmt er an.
Doch viele der 21 einflussreichen Ratsmitglieder sind erzkonservativ. Neben strengen Sittenregeln vertreten sie auch eine Weltsicht, nach der Nichtmuslime und selbst liberale oder schiitische Muslime als Ungläubige gelten. Ihre Haltung zum Dschihad, dem Heiligen Krieg, unterscheidet sich zuweilen nur geringfügig von der Al-Kaidas. Strenger als in vielen anderen muslimischen Ländern halten die Wahhabiten sehr auf Geschlechtertrennung, auf die reine Lehre und drastische Strafen bis zur Enthauptung.
König Abdullah hat einige vorsichtige Modernisierungsschritte eingeleitet. So eröffnete er vergangenes Jahr – zum Ärger mancher Strenggläubiger – die erste Universität, an der junge Männer und Frauen gemeinsam studieren. Doch Veränderungen sind auch riskant, pflegen Herrscherhaus und Geistlichkeit sich doch gegenseitig zu stützen.
Theoretisch zumindest könnte das neue Fatwa-Monopol des Rates Abdullah nützen, falls er die Absicht hat, liberalere Geistliche in das Gremium zu bringen und so weiteren Reformen den Weg zu ebnen. Ein Hinweis darauf könnte die Ernennung von vier nicht-wahhabitischen Geistlichen vergangenes Jahr gewesen sein. Andererseits haben einige der unabhängigen Geistlichen, denen jetzt das Gutachten verboten wurde, in der Vergangenheit Fatwas der gemäßigten Art erlassen. Scheik Adel al Kalbani etwa betrachtete Musik – im Gegensatz zur wahhabitischen Linie – als erlaubt, so lange die Texte nicht sündig sind. (dapd)
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