Aktuelle Nachrichten – International
31.08.2005
Bagdad - Gerüchte über ein drohendes Selbstmordattentat haben bei einer schiitischen Prozession in Bagdad zur Massenpanik und in deren Folge zum Tod von rund 700 Menschen geführt. Die Opfer wurden auf einer Tigris-Brücke erdrückt, zu Tode getrampelt oder ertranken im Fluss, in den sie in ihrer Verzweiflung gesprungen waren. Das Gesundheitsministerium meldete am Mittwochnachmittag mindestens 695 Tote und 180 Verletzte, überwiegend Frauen und Kinder. Es war die höchste Opferzahl an einem Tag seit Beginn des Irak-Kriegs im März 2003.
Hunderttausende Gläubige strömten am Mittwochmorgen zur Grabmoschee des Imams Mussa al Kadim, dessen Todestag im achten Jahrhundert alljährlich begangen wird. Auf der knapp zwei Kilometer von dem Heiligtum entfernten Tigris-Brücke staute sich die Menge infolge einer Straßensperre zwischen dem schiitischen Stadtviertel Kasamija und dem sunnitischen Asamija. Diese war errichtet worden, um Extremisten beider Seiten voneinander fern zu halten.
Dann verbreitete «ein Terrorist das Gerücht, dass ein Selbstmordattentäter mit einem Sprengstoffgürtel gesichtet worden sei», wie Innenminister Bain Dschabr dem Fernsehsender Irakija sagte. Der Augenzeuge Fadhel Ali berichtete, wie auf der Brücke Panik ausbrach: «Alle fingen an zu schreien. Da sprang ich von der Brücke in den Fluss, schwamm und erreichte das Ufer. Ich sah, wie nach mir Frauen, Kinder und alte Männer ins Wasser fielen.» In ersten Berichten hatte es geheißen, das Brückengeländer sei weggebrochen. Auf Fernsehbildern war später jedoch zu sehen, dass es intakt geblieben war.
Am Ufer des Tigris stiegen hunderte Männer in die Schlammfluten des Flusses und suchten verzweifelt nach Angehörigen. Dutzende Tote wurden später im Zufahrtsbereich eines Krankenhauses aufgebahrt, weil die Leichenhalle im Nu überfüllt war. Schluchzende Angehörige liefen zwischen den Leichen hin und her und versuchten, Familienmitglieder zu identifizieren.
Nach Medienberichten nahmen insgesamt rund eine Million Menschen an dem Pilgerfest teil. Offensichtlich war die Panik auch deshalb so groß, weil die Umgebung des Schreins zwei Stunden zuvor mit Mörsern und Raketen angegriffen worden war. Dabei wurden mindestens sieben Menschen getötet und etwa 40 verletzt. Amerikanische Kampfhubschrauber beschossen die Angreifer, wie die US-Streitkräfte mitteilten. Mindestens sechs Menschen starben zudem, weil sie in der Umgebung der Moschee verdorbene Speisen und Getränke zu sich genommen hatten.
In der Vergangenheit wurden schiitische Feste im Irak mehrfach von sunnitischen Extremisten angegriffen. Der bislang schwerste Zwischenfall ereignete sich am 2. März 2004: Bei Bombenanschlägen auf schiitische Moscheen in Kerbela und Bagdad kamen an einem Tag mindestens 181 Menschen ums Leben.
Nach der Katastrophe vom Mittwoch sagte der führende sunnitische Geistliche Haith al Dhari dem Fernsehsender Al Dschasira, der Irak sei von einer weitere Tragödie heimgesucht worden. Er spreche allen davon Betroffenen sein Mitgefühl aus. (AP)
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