Aktuelle Nachrichten – Deutschland
01.08.2012
Foto: Patrick Sinkel/dapd
Kiel – Heckenschütze, Machtpolitiker, FDP-Retter - Schleswig-Holsteins streitbarer FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki scheint wie ein Vulkan, deren Ausbrüche vor allem für enge Parteifreunde unerwartet kommen. Mit einem brachialen Sommerloch-Vorstoß eröffnete der 60-Jährige angesichts weiter niedriger Umfragewerte der Liberalen jetzt den nächsten Angriff auf Parteichef Philipp Rösler.
An der FDP-Spitze sähe der Rechtsanwalt aus dem noblen Kieler Vorort Strande am liebsten Nordrhein-Westfalens Landeschef Christian Lindner, an dem der sprachlich gewandte Kubicki vor allem dessen brillante Rhetorik schätzt. Lindner sei der "geborene Bundesvorsitzende", sagt er dem Magazin "Stern".
Zwar relativierte Kubicki bereits, dies sei keinesfalls als Rücktrittsforderung an Rösler zu verstehen. Die Botschaft seiner Aussagen ist dennoch klar. Nachdem seine Partei bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein Anfang Mai wieder in der Opposition landete, drängt es den Liberalen nun nach Berlin. Kubicki will wieder in den Bundestag.
Bundestagsmandate hat Kubicki bereits zweimal errungen. Doch seine bisherigen Gastspiele waren dort nur von kurzer Dauer. Nach seinem Einzug in den Bundestag 1990 legte er sein Mandat 1992 nieder und konzentrierte sich auf den Job als Fraktionschef im Kieler Landtag. Sein 2002 bei der Bundestagswahl errungenes Mandat gab er bereits nach wenigen Monaten auf.
Und doch würde ein erneuter Wechsel nach Berlin in gewisser Weise Sinn machen. Die nächste Landtagswahl in Schleswig-Holstein ist regulär erst in fünf Jahren. Dann ist Kubicki bereits 65 Jahre alt. Doch birgt der Schritt für den Juristen auch Risiken. "Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock", sagte er vor zwei Jahren in einem "Zeit"-Interview. In Berlin gebe es einen enormen Frauenüberschuss. "Da sind dann diese Abende, an denen Sie nur abschalten wollen, Stressabbau. Da sitzt Ihnen plötzlich eine Frau gegenüber, die Ihnen einfach nur zuhört. Und dann geht die Geschichte irgendwann im Bett weiter."
Der Vater zweier erwachsener Kinder ist in dritter Ehe mit der Rechtsanwältin Annette Marberth-Kubicki verheiratet. Vor gut einem Jahr wurde das erste Enkelkind geboren. Seit Jahren lebt der Liberale in einem Haus mit unverbautem Blick auf die Ostsee. Im dortigen Hafen liegt auch sein Motorboot "Liberty". An freien Tagen fährt er damit auf der Ostsee über das Wasser. "In Strande weiß man dann: Kubicki spielt wilde Sau", sagte er 2009 in einem Interview.
Bundesweit im Rampenlicht stand Kubicki zuletzt am 6. Mai. Trotz niedriger Umfragewerte schaffte er mit seiner Partei der FDP mit 8,2 Prozent den Wiedereinzug in den Kieler Landtag und ließ sich nach Schließung der Wahllokale als Retter der FDP feiern. Am Tag danach fehlte er bei den obligatorischen Gremien-Sitzungen in Berlin. Stattdessen ließ er den Ehrenvorsitzenden der Nord-FDP, Jürgen Koppelin ausrichten: "Er schläft seinen Rausch aus."
"Ich polarisiere offensichtlich", sagt Kubicki über sich selbst. Bundesweite Bekanntheit erlangte er vor allem durch die enge Freundschaft mit seinem inzwischen verstorbenen Parteifreund Jürgen Möllemann, aber auch durch seine Angriffe. Den Zustand der Liberalen verglich er Ende 2010 mit der "Spätphase der DDR".
Nach 38 Jahren in der Opposition brachte Kubicki Schleswig-Holsteins Liberale im September 2009 zurück in Regierungsverantwortung, "Meine historische Rolle habe ich damit erfüllt", sagt er. Jetzt strebt der Motorradfan Kubicki neuen Aufgaben entgegen.
(dapd)
Hier können Sie sich im Newsletter eintragen.
Schlagworte
Kopf-an-Kopf-Rennen bei Wahl in Schleswig-Holstein
(06.05.2012)
Erwartungen an Parteichef Rösler beim Dreikönigstreffen
(05.01.2012)
FDP taumelt in eine Führungskrise
(14.12.2011)
(10.08.2011)
(04.04.2011)
FDP denkt über Rundumerneuerung nach
(28.03.2011)