Geschichte - Erkenntnisse und Fakten – Schon Marie Antoinette war Kundin – Karl-Heinz Zurbonsen
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Ältestes Textilkaufhaus Schon Marie Antoinette war Kundin

Karl-Heinz Zurbonsen

17.12.2008

Zum Jahresende schliesst das Traditionsgeschäft Gotthart nach 460 Jahren. Marie Antoinette kaufte um 1780 hier ein, 1959 Scheich Ibn Saud, der spätere  saudische König. (AP Photo/ Winfried Rothermel).
Zum Jahresende schliesst das Traditionsgeschäft Gotthart nach 460 Jahren. Marie Antoinette kaufte um 1780 hier ein, 1959 Scheich Ibn Saud, der spätere saudische König. (AP Photo/ Winfried Rothermel).

Freiburg – Aus und vorbei für das älteste deutsche Einzelhandelsgeschäft: An Silvester werden im Textil- und Aussteuerhaus Gotthart in Freiburg zum letzten Mal Kissen, Kamelhaardecken und Krawatten verkauft. 459 Jahre lang – seit 1549 – befand sich das Geschäft in Familienbesitz. Jetzt verkauften der 64-jährige Fritz und der 69-jährige Siegbert Gotthart den Laden an das Modehaus Kaiser, das dort ein Herrenmodengeschäft einrichten will.

„Wenn man das Geschäft hätte weiterführen wollen, dann hätte man vor zehn, fünfzehn Jahren die Weichen anders stellen und modernisieren müssen“, meint die Textilverkäuferin Tanja Stiefvater, die seit mehr als 20 Jahren bei den Gottharts arbeitet. In dem Laden sieht es fast noch so aus wie vor 50 Jahren: Der Schriftzug des Firmennamen fällt nierentischartig geschwungen aus, bieder wirkt die Werbung auf den Schaufenstern, altmodisch die Ware in den Auslagen, vergilbt die Farben an den Wänden und Decken. Die Kassenzettel werden wie früher per Hand ausgefüllt.

Über Jahrhunderte hinweg verkauften die Gottharts erfolgreich alles, was auf Tisch und in Küche, im Bad und Bett sauber und ordentlich aussah. Das gediegene Sortiment hatte lange Zeit eine große Fangemeinde. „Früher kamen mehr ältere Leute vor allem vom Land ins Geschäft, manchmal sogar Oma, Mutter und Tochter zusammen“, erinnert sich die Chefin Lisa Gotthart. Aber im Laufe der Jahre änderte sich der Geschmack; Aussteuer war nicht mehr so wichtig. Dazu kam die Konkurrenz der Kaufhäuser.

Inzwischen gehen die Kinder der Gottharts eigene berufliche Wege; so entschlossen sich die beiden Brüder zum Verkauf. „Der Abschied tut weh“, sagt Lisa Gotthart. Und auch Tanja Stiefvater klingt wehmütig: „Jeden Tag wird ein anderer Ständer leer, das ist schon ein komisches Gefühl.“

„Reichtümer verdient man nicht“

Das Textilgeschäft sah im Laufe seiner Geschichte illustre Kunden. Mindestens einmal, so um 1780, kaufte die französische Königin Marie Antoinette hier Bettwäsche aus feinstem Stoff. Etwa 180 Jahre später schritt der saudiarabische König bei den Gottharts über die Schwelle.

Das Alter des Einzelhandelsgeschäftes belegt eine vergilbte Urkunde, die an der Säule mitten im Laden hängt. Daraus geht hervor, dass die Gottharts als Textilverkäufer schon vor mehr als 450 Jahren in Freiburg ansässig waren. Das Freiburger Ratsprotokoll vom 4. Februar 1649 bestätigt ausdrücklich ihre Existenz. Dieses Schriftstück mit Hinweis auf den Geschäftsgründer Hans Gotthart von Greif liegt noch heute im Stadtarchiv der Stadt Freiburg.

Im 16. Jahrhundert waren die Gottharts aus Savoyen nach Freiburg gekommen. Trotz Schicksalsschlägen – Kriege, eine Brandstiftung im Jahre 1897 – ließen sie sich nicht unterkriegen. Auch nicht nach der Bombennacht vom 27. November 1944, in der das Geschäftshaus in Flammen aufging. Der damals fünfjährige Siegbert Gotthart und sein Vater überlebten, Großmutter, Onkel, der älteste Bruder und ein Dienstmädchen kamen ums Leben. In derselben Nacht kam Fritz Gotthart im sicheren Luftschutzbunker auf die Welt. Zweieinhalb Jahre später bauten die Gottharts ihren Laden wieder auf.

Jetzt ist endgültig Schluss. „Ich wollte schon mit 50 in Rente gehen“, sagt der 64-jährige Fritz Gotthart, der sich künftig mehr um sein Hobby, Pferde, kümmern will. Eher wehmütig klingt dagegen sein Bruder Siegbert, der seit 1952 hinterm Tresen stand und vom Einkauf bis zur Warenauslieferung alles machen musste. „Lust aufs Geschäft hätte ich schon noch gehabt“, sagt er, „auch wenn man keine Reichtümer verdient, leben kann man davon immer noch ganz gut.“ (AP)

 

 

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